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Arminia Bielefeld : „Wir sind hier keine Studententruppe“

  • -Aktualisiert am

Platz da, wir kommen: Arminia und Manuel Junglas sind auf der Überholspur Bild: Imago

Erst Hertha, dann Werder – nun Gladbach? Im DFB-Pokal-Spiel gegen die Borussia (19 Uhr) will Bielefeld den Gegner den „ostwestfälischen Stolz“ spüren und die nächste Sensation folgen lassen.

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          Nach dem 3:0-Sieg seiner Mannschaft über Energie Cottbus hat sich Norbert Meier den 4:1-Triumph des Bundesligadritten Borussia Mönchengladbach bei der TSG 1899 Hoffenheim angeschaut – und ist darüber noch drei Tage später ins Schwärmen geraten. „Ich habe dagesessen“, sagte der Trainer von Arminia Bielefeld am Dienstag auf dem Übungsgelände des Drittliga-Tabellenführers, „und mir gesagt, das ist Fußball.“ Der norddeutsche Genießer fühlte sich angesichts der Gladbacher Konter- und Kombinationsklasse sogar an die goldenen siebziger Jahre der „Fohlenelf“ erinnert, die seinerzeit Maßstäbe für Fußball-Liebhaber setzte.

          Die Liebe des sechzehnmaligen Nationalspielers Meier, der 1988 mit Werder Bremen deutscher Meister wurde und danach seine Profikarriere bei den Gladbachern ausklingen ließ, geht aber nicht so weit, die Begegnung seiner Arminen mit den Borussen an diesem Mittwochabend (19 Uhr / Live bei Sky und im DFB-Pokalticker auf FAZ.NET) in der ausverkauften Bielefelder Arena verlorenzugeben.

          Keine Furcht vor der „Mannschaft der Stunde“

          Wer in dieser Pokalrunde die Erstligavereine Hertha BSC und Werder Bremen auf der „Alm“ besiegt hat und auf sicherem Kurs Richtung Zweitliga-Wiederaufstieg ist, muss sich auch vor der „Mannschaft der Stunde“ aus der Bundesliga nicht fürchten. „Auch wir können ein bisschen klickern“, sagte Meier vor dem Pokal-Viertelfinalduell mit der Borussia, „wir sind hier keine Studententruppe, wir können auch selbstbewusst sein und haben Jungs, die schon was erlebt haben.“

          Der DSC Arminia mit seinem Anführer Meier hält sich zumindest für stark genug, das Team von Trainer Lucien Favre erheblich ärgern und an der Entfaltung seiner Spielkunst hindern zu können. Der meist unaufgeregte 56 Jahre alte Schleswig-Holsteiner gilt als taktisch ziemlich ausgefuchst und verströmt das Selbstbewusstsein eines Mannes, der mit dem Pfund von 35 Jahren Fußballerfahrung zu wuchern versteht.

          Bei Werder durchlief Meier die Schule des Traineraltmeisters Otto Rehhagel, bei der Borussia begann seine Übungsleiterlaufbahn, als er nach seiner Spielerkarriere die U 19 und die U 23 trainierte, vier Monate auch die Profis - wenngleich ohne durchschlagenden Erfolg. „Außer Busfahrer habe ich dort alles gemacht“, sagt Meier über seine Zeit am Bökelberg. Danach führte er den MSV Duisburg in die Bundesliga und leistete sich dort mit einem Kopfstoß gegen den Kölner Albert Streit im Dezember 2005 einen fatalen Blackout, der zu seiner Entlassung beim MSV und einem zwischenzeitlichen Karriereknick führte. Bei Fortuna Düsseldorf fand Meier dann über fünfeinhalb Jahre wieder eine sportliche Heimat. Dort feierten ihn die Fans nach zwei Aufstiegen, gekrönt durch die Rückkehr in die Bundesliga 2012. Nach dem Abstieg im Jahr darauf trennten sich beide Seiten.

          Im Februar 2014 heuerte Meier beim nächsten Traditionsverein in Bielefeld an. Dort hätte er den drohenden Zweitliga-Abstieg der Arminia fast noch abgewendet, ehe das Verhängnis in der Relegation mit Darmstadt 98 seinen Lauf nahm und einem 3:1-Hinspielsieg eine 2:4-Heimniederlage in einem deutschen Fußballdrama folgte. Arminia war wieder drittklassig. Meier aber blieb zum Erstaunen vieler Bielefelder, weil die Verantwortlichen bei der Arminia den Mut zu einer unpopulären Entscheidung hatten. „Uns hat sehr beeindruckt“, sagt Geschäftsführer Marcus Uhlig, „wie Norbert Meier schon in der Nacht nach dem Darmstadt-Albtraum mit angepackt hat. Es war für ihn selbstverständlich, obwohl seine vertragliche Situation ungeklärt war.“ Sie ist es inzwischen, so dass Meier mindestens noch ein weiteres Jahr bleibt, sollte die Rückkehr in die zweite Liga gelingen.

          Taktikfuchs aus Schleswig-Holstein: Arminia-Trainer Norbert Meier

          Die Fans brauchten Zeit, um sich an den manchmal etwas spröde daherkommenden Fußballfachmann zu gewöhnen. Und auch Meier ließ in Bielefeld zunächst kaum mal einen Blick in sein Innerstes zu. Inzwischen, „nachdem wir uns alle erst mal wieder ans Gewinnen gewöhnen mussten“, beschreibt sich der Trainer als einen Menschen, der „auch sehr emotional sein kann, da man nicht ständig berechenbar sein“ dürfe in seinem Beruf.

          Die Bielefelder Spieler vertrauen sich dem jeder Show-Attitüde unverdächtigen Meier längst gern an, weil er das taktische Spektrum der Arminia erweitert und ihre spielerischen Möglichkeiten verbessert hat. Meier hätte nichts dagegen, weitere Kapitel seiner Bielefelder Erfolgsgeschichte nach dem fundamentalen Erschrecken über den Abstieg im vorigen Mai zu schreiben.

          „Es muss nur Spaß bringen“, sagt er dazu, „und mit dieser Mannschaft bringt es Spaß.“ Borussia Mönchengladbach soll an diesem Mittwoch auf der ausverkauften „Alm“ den „ostwestfälischen Stolz“ zu spüren bekommen. „Wir sind auch wer“, hebt Meier hervor, „und sind nicht per Freilos dahin gekommen, wo wir jetzt sind.“ Im Viertelfinale des DFB-Pokals als kleine Größe unter lauter Erstligaklubs.

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