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4:1-Sieg in WM-Qualifikation : Das Flick-Prinzip macht Spaß

Gute Laune beim letzten Ausflug des Jahres: Ilkay Gündogan (Mitte) ist doppelt erfolgreich. Bild: Photolure via REUTERS

Die WM-Qualifikation ist für die DFB-Elf längst geschafft. Dennoch zeigt sich das runderneuerte Nationalteam auch beim 4:1-Sieg in Armenien überaus einsatzfreudig. Ilkay Gündogan trifft doppelt.

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          Dass ein Fußballspiel 90 Minuten dauert, ist im Zitatenschatz untrennbar mit einem früheren Bundestrainer verbunden. Der aktuelle, Hansi Flick, arbeitet mit seiner Mannschaft leidenschaftlich an einer modernen Interpretation von Herbergers Weisheit: Nur nicht nachlassen, bis das Match zu Ende ist – diese Maxime hat für Flick immer Gültigkeit, auch an einem kalten Novemberabend in Armenien, an dem im Grunde nichts mehr auf dem Spiel steht.

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          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Das macht nicht nur dem Publikum Freude, es dient auch der Selbstvergewisserung und dem Selbstvertrauen – und was das angeht, können Nationalteam und Fußball-Land mit Vorfreude auf das nächste Jahr mit der Winter-WM in Qatar blicken. Zugegeben, die letzten Minuten der Qualifikation ließen die Deutschen etwas gemächlich ausklingen am Sonntagabend in Jerewan. Aber die Arbeit hatten sie vorher gemacht beim 4:1 gegen Armenien – und wieder ihre Freude daran gehabt.

          Kai Havertz (15. Minute), zwei Mal Ilkay Gündogan, erst mit einem verwandelten Foulelfmeter (45.+4), dann mit einem Schüsschen kombiniert mit gehöriger armenischer Gastfreundschaft (50.), sowie Jonas Hofmann (64.) sorgten für eindeutige Verhältnisse und den siebten Sieg im siebten Spiel unter Flick. Zwischendurch hatte ein alter Bekannter aus der Bundesliga, Henrich Mchitarjan (59.), ebenfalls per Foulelfmeter für den Anschlusstreffer gesorgt – und für die kleine Gemeinheit, dass alle vier Gegentreffer in den zehn Spielen der Qualifikation zu Lasten von Marc-André ter Stegen gingen.

          „Sie will immer nach vorne spielen“

          Über den Torwart des FC Barcelona sagen diese Zahlen nichts, die Bilanz von nunmehr 31 eigenen Treffern in sieben Spielen aber sehr wohl etwas über das deutsche Team und dessen Wiederbelebung durch Flick, auch wenn die Gegner noch nicht das Format besaßen, die Deutschen ernsthaft auf die Probe zu stellen. Das soll im März passieren, wenn die nächsten Tests auf dem Programm stehen.

          Am Sonntag zeigte sich Flick rundum zufrieden mit Ansatz und Einstellung des Teams: „Die Mannschaft will immer nach vorne spielen“, sagte er am RTL-Mikrophon, „sie hat gemeinsam viel Spaß auf dem Platz, das ist eine gute Voraussetzung für uns Trainer.“ Gleichwohl versäumte er nicht, auf die Spielräume hinzuweisen, die es noch gibt. Positionsspiel, Präzision, Restverteidigung lauteten die Stichworte.

          Für Qatar qualifiziert war das deutsche Team seit dem 4:0 in Nordmazedonien im Oktober, auch für Armenien ging es um nichts mehr, die letzte Chance auf den Playoff-Platz war perdu. Unter diesen Umständen zeigte Flicks Team ein ungewohntes Gesicht. Vom ursprünglichen Kader für die beiden letzten Länderspiele des Jahres waren zwölf Männer nicht mehr dabei, teils aus zwingenden Gründen – vor allem dem Corona-Fall Süle und dessen Folgen –, teils freiwillig: Angesichts der Belastungen ersparte der Bundestrainer Kapitän Neuer und Reus die Reise ins Corona-Hochrisikogebiet. Im Vergleich zum 9:0 gegen Liechtenstein gab es noch weitere vier Änderungen, auch Rüdiger (gesperrt), Günter, Baku (Bank) und Goretzka (angeschlagen) fehlten in der Startelf. Neu dabei waren ter Stegen, Neuhaus, Ginter, Tah, Raum und Havertz.

          Dem Mann vom FC Chelsea, der in vorderster Linie spielte, bot sich nach knapp fünf Minuten die erste große Chance, doch nach Gündogans öffnendem Pass und Sanés Hereingabe von links traf er nur den Außenpfosten. Zehn Minuten später machte Havertz es besser, und auch die Anbahnung war noch ein bisschen schöner, ein bestens getimter Doppelpass zwischen Hofmann und Müller auf der rechten Seite, und nach Hofmanns Hereingabe bewies Havertz Feingefühl bei der Vollendung.

          Siebter Sieg im siebten Länderspiel unter Bundestrainer Hansi Flick
          Siebter Sieg im siebten Länderspiel unter Bundestrainer Hansi Flick : Bild: dpa

          Mit Eleganz und Zielstrebigkeit durch die dicht gestaffelten armenischen Reihen – das ließ sich gut an für Flicks Team, das sich danach gleich an die Arbeit am Projekt 2:0 machte, vor allem in Person von Sané. Doch der Doppeltorschütze vom Donnerstag kam auf dreierlei Art nicht ans Ziel. Die letzten paar Prozent mochten vielleicht fehlen, so dass auch die Armenier zwei Mal in aussichtsreiche Abschlusspositionen kamen, doch alles in allem konnte Flick zufrieden sein.

          Die verdiente 2:0-Pausenführung brachte ein Foulelfmeter, der erst mit einiger Verzögerung nach Intervention des Videoassistenten und ausgiebiger Prüfung durch den Chef verhängt wurde. Die richtige Entscheidung war es nach dem Foul an Neuhaus aber, und Gündogan machte daraus wie schon gegen Liechtenstein eine sichere Sache.

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          Dass der Lenker im deutschen Spiel dann kurz nach der Pause ein weiteres Mal traf, war eher dem Missgeschick des armenischen Torwarts Buchnev geschuldet, der den Ball am Fuß vorbeihoppeln ließ. Wobei die Eroberung durch Havertz einen Pluspunkt verdient hatte – wie überhaupt frühes Stören und effektives Gegenpressing unter Flick zu einem Markenzeichen geworden ist. Nach dem 1:3 durch den Elfmeter, den Neuhaus verschuldet hatte, schalteten die deutschen umgehend wieder ins Eroberungsprogramm, und Hofmann, der vielleicht Auffälligste in Flicks Team, profitierte schnell.

          Inzwischen hatte Flick kräftig durchgewechselt, für die verdienten Kräfte Müller, Gündogan und Sané spielten nun Nmecha, Arnold und Brandt, später kamen noch Volland für Neuhaus und Baku für Hofmann. Was Müller dann von draußen sah, gefiel ihm gut: „das Bewusstsein, dranzubleiben“, nannte er es. Man könnte auch sagen: das Flick-Prinzip.

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