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Argentinien setzt auf Icardi : Fußball übertrumpft Boulevard

  • -Aktualisiert am

Mann mit Durchschlagskraft: Mauro Icardi (l.) Bild: Reuters

Gegen alle Widerstände ist Stürmer Icardi unter Argentiniens neuem Nationaltrainer Sampaoli plötzlich erste Wahl. Der Grund, warum er vorher nicht nominiert wurde, war eine Frau.

          Die letzte Hoffnung der argentinischen Fußball-Fans heißt Mauro Icardi. Der 24 Jahre alte Angreifer von Inter Mailand soll die „Albiceleste“ in den „Eliminatórias“, der südamerikanische WM-Qualifikation, vor dem Absturz aus jenen Rängen retten, die die Teilnahme an der WM 2018 in Russland bedeuten. Vier direkte Qualifikationsplätze gibt es, Argentinien steht derzeit auf Rang fünf. Der berechtigt zwar zu den Play-offs gegen Neuseeland, den Vertreter aus Ozeanien, bei noch drei ausstehenden Spielen und lediglich zwei Punkten Vorsprung auf die Verfolger Peru und Paraguay ist aber auch der mühselige Umweg alles andere als gesichert.

          Stürmer Icardi debütierte schon 2013 sieben Minuten lang für die „Albiceleste“, wurde dann aber vom damaligen Nationaltrainer Edgardo Bauza nie mehr nominiert. Erst unter Bauzas Nachfolger Jorge Sampaoli änderte sich das Bild. Nun gilt Icardi als so etwas wie die letzte Hoffnung. Er soll schon in der Nacht zu Mittwoch gegen das abgeschlagene Schlusslicht Venezuela treffen.

          Warum er in Argentiniens Nationalelf bislang nicht öfter spielte, war diffusen Personalentscheidungen geschuldet: So zog Bauza immer wieder Lucas Pratto vom FC São Paulo vor, ein maximal durchschnittlich begabter und fast 30 Jahre alter Stürmer. Als wirklicher Grund für Icardis Nichtberücksichtigung gilt eine Frau. Seit 2014 ist er mit dem ehemaligen Model Wanda Nara verheiratet, mittlerweile ist sie auch seine Beraterin. Das wäre so weit auch kein Problem, wenn diese Frau nicht zuvor mit Maxi López – ehemaliger Nationalstürmer Argentiniens und enger Freund von Javier Mascherano und Lionel Messi – fest liiert gewesen wäre.

          Sie reden wieder miteinander: Icardi und Messi (l.)

          Auch Icardi und López waren einmal befreundet, als sie gemeinsam bei Sampdoria Genua spielten. Irgendwann entschied sich Wanda Nara aber für einen Partnerwechsel, sie verließ López und wandte sich Icardi zu. Es folgte eine boulevardeske Schlammschlacht über italienische und argentinische Medien, und noch heute verweigert López, mittlerweile bei Udinese Calcio unter Vertrag, Icardi vor Ligaspielen den obligatorischen Handschlag.

          Überhaupt ist Icardi eine Persönlichkeit, die bereits häufig polarisierte. In seiner Biographie drohte er den Inter-Ultras mit „hundert Kriminellen aus Argentinien“, weil diese ihn und seine Mitspieler nach einer Niederlage gegen Sassuolo wüst beschimpft hatten.

          Rein sportlich gesehen ist der Kapitän von Inter Mailand der vielleicht kompletteste Angreifer, der derzeit in Italien spielt. Für die „Nerazzurri" traf er in 148 Spielen 82 Mal, 22 weitere bereitete er direkt vor. Auch Torschützenkönig war er in der Serie A bereits. In dieser Saison traf Icardi in den beiden Ligaspielen gegen AC Florenz und AS Rom schon viermal. Der 24-Jährige hat einen Reifeprozess durchlebt, seit er Kapitän ist – einer der jüngsten, den sie beim italienischen Traditionsklub jemals hatten. Er entwickelte sich vom klassischen Mittelstürmer, der wenig am Spiel teilnimmt und im Strafraum auf seine Möglichkeit lauert, zu einem mitspielenden und flexiblen Angreifer – und zum Publikumsliebling beim Gros der Inter-Fans.

          Plötzlich einer der ersten elf: Mauro Icardi (hinten links)

          Vom neuen argentinischen Nationaltrainer Jorge Sampaoli erhoffen sie sich in Argentinien nun nicht nur, dass er die kriselnde und doch so stolze Fußballnation durch die Eliminatórias führt. Der 57-Jährige, erst seit Juli im Amt, soll aus den hochtalentierten Individualisten auch endlich wieder ein Kollektiv formen, das ansehnlichen Offensivfußball spielt und wie die von ihm zwischen 2012 und 2016 trainierten Chilenen auch Titel gewinnt (2015 holte „La Roja“ ausgerechnet im Finale gegen Argentinien die Copa América).

          Als erster Schritt kam ihm die Aufgabe zu, die „Albiceleste“ von jenen persönlichen Eitelkeiten zu befreien, die seit dem verlorengegangenen WM-Finale 2014 gegen Deutschland das Innenleben der Mannschaft erheblich belasten sollen. Nicht wenige Fachkundige aus Argentinien behaupten nämlich, dass gerade unter Sampaolis Vorgänger Bauza die Meinung von etablierten Größen wie Messi oder Mascherano erheblichen Einfluss auf die Zusammenstellung des Kaders und die Aufstellung hatte. Besonders konkret bezogen sich die Vorwürfe der argentinischen Medien auf eine Personalie: auf Mauro Icardi.

          Von derartigen Querelen und äußerlichen Störfaktoren lässt sich Sampaoli aber nicht beeinflussen. Quasi als erste Amtshandlung kündigte Sampaoli an, dass Icardi von nun an wieder Teil der Nationalmannschaft sei. Beim 0:0 gegen Uruguay am vergangenen Freitag stellte er ihn gleich in seine Startelf. Icardi stürmte vor Messi, mit dem er sich privat ausgesprochen und den Disput beigelegt haben soll, und Dybala.

          Sergio Agüero blieb in diesem so wichtigen Spiel für die Argentinier neunzig Minuten lang auf der Bank. Gonzalo Higuaín, der unter seinem Vorgänger gesetzte, im Nationaldress aber häufig glücklose Stürmer, wurde gar nicht erst nominiert. „Icardi ist der Stürmer, den wir jetzt brauchen“, erklärte der Trainer seine Entscheidung. Denn: „Wir brauchen jemanden, der den Raum hinter der Abwehr attackiert und Tore vorbereiten kann.“

          Die argentinischen Medien sind sich sicher, dass Sampaoli in der Nacht auf Mittwoch gegen Venezuela auf Icardi setzen wird. Ob der Brisanz der Partie nicht nur ein abermaliger Vertrauensbeweis, sondern auch ein Einblick in seine Idee für die WM 2018 in Russland – sofern ihm die Qualifikation denn glücken wird.

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