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Argentinien : Fußball als Staatssache

  • -Aktualisiert am

Merkwürdigkeiten in Argentinien: der ehemalige Präsident Nestor Kirchner mischt sich ein Bild: AFP

Die argentinische Fußballsaison ist gerettet: Mit Hilfe des Präsidentenpaares ist ein neuer Fernsehdeal zustande gekommen. Ein fader Beigeschmack bleibt.

          Es war ein trauriges Wochenende. Tausende argentinische Fußballfans und all jene, die von den Begegnungen in der ersten Liga auf irgendeine Weise profitieren, die Spieler der Vereine, die Schiedsrichter, die Würstchen- und Limonadenverkäufer, mussten auf ihr liebgewordenes Ritual und ihr Geschäft verzichten. Der Beginn der Fußballsaison fiel aus. Noch ist ungewiss, ob am nächsten Freitag, wie einstweilen geplant, die Eröffnungsspiele der Saison nachgeholt werden. Das Wochenende, in Argentinien wegen eines Nationalfeiertags auch noch ein langes, war nicht wegen des schlechten regnerischen Wetters fußballlos geblieben, sondern wegen der finanziellen Probleme, die den organisierten Fußball seit geraumer Zeit erschüttern.

          Der Skandal um Spieler, die keine Gagen mehr erhalten, um hoffnungslos überschuldete Vereine, um Manager, die sich auf illegale Weise bereichert haben, und gewaltige Steuerschulden scheint unterdessen eine neue Wendung zu nehmen. Die Regierung des Präsidentenehepaares Cristina und Néstor Kirchner hatte kürzlich noch behauptet, sie habe mit den Vorgängen im Fußball überhaupt nichts zu tun. Nun kam heraus, dass Néstor Kirchner offenbar insgeheim mit dem allmächtigen Präsidenten des argentinischen Fußballverbandes Afa, Julio Grondona, einen Deal ausgehandelt hat, der den bislang privat organisierten und finanzierten argentinischen Fußball praktisch zum Staatsfußball macht.

          Der Staat zahlt zehn Jahre lang

          Grondona kam mit den Kirchners überein, den Vertrag mit dem Medienunternehmen TSC über die Fernsehübertragungsrechte für die Spiele der ersten Liga, der eigentlich noch bis 2014 läuft, einseitig zu kündigen. Dafür soll nun der argentinische Staat zehn Jahre lang jährlich umgerechnet 110 Millionen Euro an den Fußballverband zahlen und dafür die Übertragungsrechte für das staatliche Fernsehprogramm Canal 7 erhalten. Weil die Spiele damit nicht mehr exklusiv im teuren Bezahlfernsehen gezeigt werden, sondern für jedermann zugänglich sind, erhoffen sich die Kirchners von der Vereinbarung, die unterschriftsreif sein dürfte, einen erklecklichen Popularitätszuwachs. Nach ihrer jüngsten Wahlschlappe und anderen Misshelligkeiten können sie den gut gebrauchen.

          Allerdings haben sie sich selbst zugleich in eine Falle manövriert. Denn während die argentinische Öffentlichkeit über das in kurzer Zeit erheblich angewachsene private Vermögen der Kirchners die Nase rümpft und die beiden unentwegt die Ungleichheit in den Einkommensverhältnissen anprangern, rechnen ihre Kritiker ihnen vor, dass mit den 110 Millionen Euro für die künftig aus Steuergeldern jährlich zu zahlenden Fußball-Fernsehrechte alle Familien, die in Argentinien unterhalb der Armutsgrenze leben, drei Monate lang ernährt werden könnten.

          Rachefeldzug Kirchners

          Während Regierung und Fußballverband feilschten, wurde ruchbar, dass der Präsidentingatte den Coup überdies als persönlichen Rachefeldzug eingefädelt hatte. Es ging ihm vor allem darum, dem Medienunternehmen TSC eins auszuwischen. Die Gesellschaft gehört zur Hälfte der argentinischen Zeitungsgruppe „Clarín“, mit der Néstor Kirchner seit langem auf Kriegsfuß steht. Die Medienfirma, die sich ihrerseits mit einer Milliardenklage für den Vertragsbruch durch den Fußballverband rächen will, hatte lediglich 50 Millionen Euro jährlich für die Übertragungsrechte gezahlt.

          Weil die Haupteinnahmequelle - der Verkauf von Spielern ins Ausland - wegen der weltweiten Finanzkrise nicht mehr so kräftig wie früher sprudelt, reichen trotz eines inzwischen angebotenen Zuschlags die TSC-Gebühren bei weitem nicht, um die bankrotten Vereine über Wasser zu halten. Und um den Funktionären weiter die Taschen zu füllen.

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