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Argentinien : Das Experiment Maradona

  • -Aktualisiert am

Mann der großen Worte: er braucht und genießt das Blitzlichtgewitter Bild: REUTERS

Argentinien vibriert: Der Verband hat den Volkshelden zum Nationaltrainer bestimmt. Nach bizarren Auftritten und einem aggressiven Wahlkampf in eigener Person zweifelt das Fußballvolk, ob das Idol der Richtige ist.

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          Irgendwo in Tiflis ist die Erkenntnis in Diego Maradona gereift: Als sich vor ein paar Tagen im 60,000 Zuschauer fassenden Stadion der georgischen Hauptstadt gerade einmal 4000 Menschen einfanden, um ihn bei einem „Spiel der Legenden“ spielen zu sehen, wird sich der legendäre Mittelfeldspieler seiner zukünftigen Rolle bewusst geworden sein: Mehr als mit einer argentinischen Nostalgietruppe vor gähnend leeren Rängen zu kicken, schien der Fußballgott, der ja eigentlich Maradona heißt, nicht mehr mit „El Diez“ (Nummer zehn) vorzuhaben.

          So aber wollte Maradona den Rest seiner Tage, die wegen seiner mittlerweile angeblich ausgestandenen Drogensucht schon mehrfach gezählt schienen, nicht verbringen. Deswegen mobilisierte der am Donnerstag seinen 48. Geburtstag feiernde Weltmeister von 1986 noch einmal alle seine Kräfte. Ob Radiosender, TV-Station oder (Sport-)Tageszeitung: Allen wichtigen Medien in Argentinien stand Maradona seit Tagen Rede und Antwort.

          „Für mich wäre es ein optimaler Zeitpunkt“

          Was die Fans in Buenos Aires oder Córdoba zu hören bekamen, waren unmissverständliche Botschaften: „Für mich wäre es ein optimaler Zeitpunkt, die Mannschaft zu übernehmen“ oder „Ich hätte größte Lust. Wer würde nicht gerne die Auswahl trainieren . . .“ Kein anderer der gehandelten Kandidaten betrieb eine derart aggressive und offensive Eigenwerbung um den offenen Posten eines Nationaltrainers im Land des zweimaligen Weltmeisters wie Maradona.

          Mann der großen Worte: er braucht und genießt das Blitzlichtgewitter Bilderstrecke

          Wenige Tage zuvor war Alfio Basile nach der 0:1-Niederlage in der chilenischen Hauptstadt Santiago im Rahmen der südamerikanischen WM-Qualifikation zurückgetreten. Nur Platz drei in der „Elimatoria 2010“, dem kontinentalen Ausscheidungsmarathon für die Titelkämpfe in Südafrika und die gar nicht mehr so latent vorhandene Gefahr, gar bis auf Platz fünf abzurutschen, drängten den frustrierten Basile nach einer Serie von schwachen Spielen zur Aufgabe. Die Angst vor dem unkalkulierbarem Risiko eines Relegationsspiels um das WM-Ticket - nichts anderes würde der Sturz auf Platz fünf bedeuten - sorgte in Argentinien für Hysterie.

          Die Fans reagieren mit Entsetzen oder Begeisterung

          Die ist jetzt in Argentinien noch größer: Die Rückkehr Diego Maradonas auf die große Fußballbühne ist das Thema in allen Tageszeitungen am Mittwoch und in den unvermeidlichen täglichen Fußball-Talkshows im Fernsehen. Die Fans reagieren in den Internetforen mit Entsetzen oder Begeisterung, je nachdem ob sie glühende Anhänger oder erbitterte Gegner des argentinischen Idols sind. Die Bestürzung überwiegt: „Ich kann es nicht fassen, sie geben ihm unsere Mannschaft“, schreibt ein Fan namens Rodrigo stellvertretend für viele Maradona-Skeptiker ins Forum der Zeitung „Clarin“.

          Maradona wird sich nun umstellen müssen. Die Zeiten der bizarren Auftritte in Buenos Aires sind nun vorbei, in denen sich Maradona nach Torerfolgen seines früheren Klubs Boca Juniors mit nacktem Oberkörper jubelnd auf der Ehrentribüne zeigte. Jetzt muss Maradona auch die Zustimmung der Fans des verhassten Erzrivalen River Plate gewinnen, muss Neutralität wahren und über den Dingen stehen.

          Ziehvater Carlos Bilardo steht ihm zur Seite

          Wie schwer ihm das fällt, war bereits im „Wahlkampf“ um das Traineramt zu erkennen. Da veröffentlichte „die Hand Gottes“ flugs schon einmal seine Wunschformation und stieß damit vielen potentiellen Anwärtern auf einen Platz im Team der „Albiceleste“ vor den Kopf. Zumindest Bayern-Profi Martin Demichelis dürfte sich darüber gefreut haben. Die Münchner Defensivkraft zählt zu den elf Auserwählten, die Maradona derzeit auf das Feld der Ehre schicken würde.

          Damit ihm die Wandlung von der Skandalnudel zum akzeptierten Trainer einer der wichtigsten Fußballnationen der Welt gelingt, wird ihm der argentinische Fußballverband (AFA) erfahrene Kräfte zur Seite stellen: Allen voran Maradonas Mentor und Ziehvater Carlos Bilardo. Der Weltmeistercoach der Titelkämpfe von 1986 kennt das Enfant terrible des argentinischen Fußballs wie kein Zweiter. Als „Technischer Direktor“ ist Bilardo so etwas wie die eingebaute Netz mit doppeltem Boden der Verbandsfunktionäre, die Maradona wohl auch noch den mit Gold dekorierten Olympiacoach und früheren Weltmeister Sergio Batista zur Hand gehen lassen. Sich komplett der Unberechenbarkeit eines Diego Maradona auszuliefern, war wohl selbst dem allmächtigen AFA-Boss Julio Grondona nicht geheuer.

          „Jetzt erhält die Auswahl eben mehr Gewicht“

          Maradona, der das Blitzlichtgewitter braucht und genießt, wird sich voller Eifer in die Aufgabe stürzen. Dabei war ihm offiziell bis Mittwochmittag die Aufgabe noch gar nicht übertragen, doch angesichts der ins Rollen gekommenen Medienlawine wollte sich Verbandspräsident Grondona nicht mehr widersetzen. Er bestätigte den Coup und witzelte angesichts Maradonas ehemaliger Figurprobleme: „Wir haben uns oft über das Gewicht von El Diez aufgeregt, jetzt erhält die Auswahl eben mehr Gewicht.“

          Wo Maradona den Hebel ansetzen will, ist klar - er will die Spieler bei der Ehre packen: „Wir müssen ihnen zu verstehen geben, dass das Nationaltrikot das Wichtigste ist und dass man Ruhm nicht gegen Geld eintauschen kann.“ Das Experiment Maradona kann beginnen.

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