https://www.faz.net/-gtl-9dckt

Pause im Nationalteam : Argentinien bangt um Messi

  • -Aktualisiert am

Zukunft offen: Lionel Messi erwägt wohl den Abschied aus dem Nationalteam Bild: dpa

Dieses Jahr steht Lionel Messi der Nationalmannschaft nicht mehr zur Verfügung. Ist das der Anfang vom Ende in der „Albiceleste“?

          3 Min.

          Es war der Anruf, vor dem sich Interims-Trainer Lionel Scaloni am meisten fürchtete. Am anderen Ende der Leitung, so berichten es zumindest die argentinischen Medien, der Mann, mit dem ihn so viel verbindet: Lionel Messi, Namensvetter und wie Scaloni aus der Industriestadt Rosario stammend, die gerade in einem hässlichen Drogenkrieg versinkt. Er werde in diesem Kalenderjahr nicht mehr für die „Albiceleste“ spielen, teilte Messi mit. Die anstehenden Länderspiele in den Vereinigten Staaten finden somit ohne den Superstar statt.

          Am 7. September treffen die Argentinier in Los Angeles auf Guatemala. Ein Benefizspiel für die Opfer des schrecklichen Vulkanausbruches vor ein paar Wochen in dem mittelamerikanischen Land. Messi sollte eigentlich das Zugpferd sein, wie immer. Nun ist er nicht dabei und hinterlässt eine riesige Lücke. Vier Tage später spielt Argentinien in New York gegen Kolumbien. Dass dort das Stadion voll wird, dafür werden schon die Fans der „Cafeteros“ und ihre Liebe zu James Rodriguez sorgen.

          Exakt 45 Tage nach dem spektakulären WM-Aus beim 3:4 gegen den späteren Weltmeister Frankreich überschlagen sich nun die argentinischen Medien mit den Meldungen zum Teilrückzug, Abschied, Karriereende. Die Tage nach dem WM-Aus waren extrem unschön: Trainer Jorge Sampaoli wurde als Hauptverantwortlicher für das schwache Auftreten in Russland ausgemacht und aus dem Amt gemobbt. Offenbar eine Unterwerfungsgeste für Messi, der intern Sampaolis Kopf forderte. Trotz einer hohen Abfindung, die den Verband die Entlassung des Südamerikameisters von 2015 kostete.

          Nach-Messi-Ära hat begonnen

          Messis Absage löst in Argentinien Schockwellen aus. Denn nun wird immer deutlicher, was demnächst wohl Realität werden könnte: Die Nach-Messi-Ära hat begonnen. Das Jahr nach einer Weltmeisterschaft ist für die südamerikanischen Mannschaften traditionell jene Zeit, in der durchgeatmet werden kann. Es gibt keine Nation League und keine Qualifikationsspiele. Auch deshalb sind noch nicht alle Trainerfragen bei den WM-Teilnehmern geklärt. Messi will nun aus der Ferne beobachten, wie es weitergeht im Trainingszentrum der Nationalmannschaft in Ezeiza, gleich neben dem Hauptstadtflughafen in Buenos Aires.

          In Argentinien gibt der Verband (Afa) allerdings ein eher peinliches Bild ab. Afa-Chef Claudio Tapia fragte nach eigenen Angaben allen Ernstes bei Pep Guardiola nach, um dann erschrocken festzustellen, was der Katalane denn so bei Manchester City verdient. Das könne der Verband nicht bezahlen, ließ Tapia wissen und zog sich den Zorn Guardiolas zu. „Ich bin ein wenig enttäuscht“, konterte der stolze Spanier. Man könne nicht einfach eine solche Behauptung aufstellen, klagte Guardiola und bezichtigte Tapia der Lüge. „Niemand hat mich kontaktiert. Außerdem habe ich einen Vertrag mit diesem Klub, und den werde ich bis zum Ende erfüllen.“

          Ricardo Gareca, der langmähnige Muffel, der Peru zur ersten Weltmeisterschaftsteilnahme seit 36 Jahren führte, entschied sich nach langer Bedenkzeit gegen das Haifischbecken in seinem Heimatland Argentinien. Er bleibt lieber in Peru und wird im September die neuformierte deutsche Nationalmannschaft prüfen. José Pekerman, der Kolumbien 2014 erst ins WM-Viertel- und 2018 ins Achtelfinale führte, liebäugelt mit einer Rückkehr, doch die Kolumbianer kämpfen um ihn. „Er könnte Kolumbiens Joachim Löw werden“, schrieb ein südamerikanisches Blatt mit Blick auf vier mögliche weitere Jahre des Argentiniers in Kolumbien.

          Argentiniens Torjäger der 1990er Jahre, Gabriel Batistuta, rät Pekerman, das Angebot aus der Heimat auszuschlagen. Entweder übernehme der eine überalterte oder eine Mannschaft ohne Qualität, mutmaßt „Batigol“. Pekerman ist kein leichter Verhandlungspartner, er fordert die ganze Macht im argentinischen Verband. Dann würde sich der Kreis schließen: Unter Pekerman debütierte Messi in der A-Nationalmannschaft.

          „Es ist kompliziert“

          Die Frage aller Fragen ist aber ohnehin eine andere: Macht Lionel Messi weiter, oder geht er tatsächlich in den Nationalmannschafts-Ruhestand? Eine Pause in diesem Jahr wird der Verband noch verschmerzen können, doch danach werden die Preise für die Länderspielverträge massiv sinken, denn ohne Messi ist das Produkt Argentinien nicht einmal die Hälfte wert. Mitte nächsten Jahres steht die Copa América in Brasilien an. Messis Sponsoren, die der Nationalmannschaft und die TV-Sender werden den Weltstar anflehen, noch einmal die Schuhe zu schnüren. Und dann beginnt auch schon der knüppelharte Qualifikationsmarathon, die Eliminatorias 2022. Die 18 Spieltage, quer durch alle Zeit-, Klima- und Höhenzonen mit den langen Anreisen aus Europa, wird der in die Jahre gekommene Superstar nicht mehr so leicht wegstecken. Doch er wird die Runde spielen müssen, will er bei der WM 2022 im dann zarten Fußballalter von 35 Jahren und ein paar Monaten noch mal dabei sein.

          Bislang haben nur Javier Mascherano und Lucas Biglia ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft verkündet, Messi beschrieb seinen Status mit den Worten „Es ist kompliziert“. Und so bleibt für die nächsten Monate alles in der Schwebe. So lange sollen Lionel Scaloni und Pablo Aimar als Interims-Trainergespann die Nationalmannschaft führen. Diego Simeone, das argentinische Rauhbein auf der Trainerbank von Atletico Madrid, hat auch schon abgesagt und wünscht dem Trainergespann „nur alles erdenklich Beste“. Klare Personalentscheidungen würden dem jungen Trainerteam sicher mehr helfen. Aber vielleicht treffen sie die auch selbst.

          Tobias Käufer

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wieder schwere Fehler : Der FC Bayern ist am Limit

          Die Münchner haben anstrengende Wochen hinter sich – und anstrengende Wochen vor sich. Trainer Hansi Flick blockt eine Diskussion aber weiterhin ab. Dabei könnten seine Personalsorgen nach dem Spiel in Stuttgart zunehmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.