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ARD-„Sportschau“ : Alaaf gegen Helau

Ein bißchen Sport darf sein: ARD-„Sportschau” Bild: WDR/Klaus Görgen

Die „Sportschau“ grätscht den Fußball nieder. Die klassische Arbeitsteilung, daß der Sport unterhalten soll und der Berichterstatter erläutern, kommentieren, einordnen und bewerten, ist aufgehoben. Sachkunde fällt aus.

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          Es gibt einen Ort, an dem die Zeit nicht vergeht. Es ist nicht das Paradies, im Gegenteil, es ist - die „Sportschau“.

          Ein Spiel, sagt man, dauert zweimal 45 Minuten. In der ARD-“Sportschau“ dauern sechs Spiele, zusammengefaßt zu jeweils etwa sechs Minuten, von 18.10 Uhr 19.40 Uhr. Damit stellt die „Sportschau“ all die vielbeklagten Spielfilmverlängerungen durch Werbeunterbrechung bei den Privatsendern bei weitem in den Schatten.

          Es ging gar nicht los

          Empirisch sieht das so aus: Die „Sportschau“ beginnt mit einem Vorspann, der ankündigt, daß die „Sportschau“ beginnt. Dann kam am Samstag ein zweiter Trailer zum Thema „Trimm dich durch Sport“, vermutlich um zu betonen, daß die „Sportschau“ eine Sportsendung ist. Danach kam Werbung. Daraufhin noch ein Trailer. Dann jene Werbung, die als Sponsoring außerhalb der als „Werbung“ angekündigten Werbung gesendet wird, zugunsten von Milch und Telefonen. Es folgte ein Trailer, in dem mehrere Fußballer das gleiche mitteilten, nämlich ihre Freude, daß es endlich wieder losgeht. Aber es ging gar nicht los. Weil wir nämlich lange keinen Trailer im engeren Sinne mehr hatten, folgt ein solcher. Aus dem Off erläutert eine weibliche Stimme den Satz, daß es wieder losgeht, dahin gehend, daß es sich nun um den ersten Spieltag handelt, alles ungeheuer spannend und aufregend wird und „Fußball vom Feinsten“ zu erwarten sei.

          „Das wird wieder Bundesliga vom Feinsten“ hatte mittwochs zuvor auch WDR-Fernsehdirektor Deppendorf schon gewußt, damit allerdings nicht den Fußball gemeint, sondern die neue Optik der „Sportschau“ loben wollen. „In diesem Sinne“ beginnt nun Moderator Gerhard Delling - aber nicht die Sendung. Denn bevor es zum ersten Spiel kommt, folgt erst noch ein Bericht vom Show-Training der Bayern in der Allianz-Arena, dann werden Roy Makaays Tore vom Vortag gezeigt - das geschah auch schon in einem der Trailer, aber, sorry, wir haben vergessen, in welchem - und Michael Ballack wird ein weiteres Mal ergebnislos zu seinem Vertragspoker mit den Bayern gefragt. Dann kommen eine Moderation und das „Tor des Monats“ samt Vorführung des Autos, das man gewinnen kann. Und dann kommt, nach einer kurzen Moderation - „Alaaf gegen Helau“ (Delling) -, Köln gegen Mainz.

          Der Zuschauer als Reiz-Reaktions-Ratte

          Wir haben also, bevor wir die erste Spielminute sehen, gut zwanzig Nichtspielminuten und dreizehn Sende-Elemente hinter uns. Uns ist gesagt worden, was wir erwarten, was wir kaufen sollen, was jeder weiß - etwa, daß Ballack nichts sagt - und daß es gleich losgeht. Am Ende bestand die „Sportschau“ am Samstag aus knapp fünfzig Unterbrechungen dieser Art. Wenn es nicht Fußball wäre, man würde sagen: In der antiken Tragödie wurden die Helden zum gemischten Vergnügen der Zuschauer damit gequält, daß all ihr Handeln zu nichts führte. In der modernen medialen Vergeblichkeitswelt werden umgekehrt die Zuschauer zum Nutzen der Stars, der Industrie und der Fernsehleute mit der ewigen Wiederkehr der gleichen geschwätzigen Vorenthaltung gequält.

          Was für einen Zuschauer stellen sich Fernsehleute vor, die so etwas für „Bundesliga vom Feinsten“ halten; gesetzt einmal, sie reden nicht bloß so geschwollen daher, um zu vertuschen, daß es nur darum geht, mit einem Minimum an Fußball ein Maximum an Werbeeinnahmen hereinzuholen, um die Einkaufskosten abzudecken? Es muß sich um einen äußerst vergeßlichen, durch nichts zu entnervenden, am kleinsten Spielbericht wie an einer Droge hängenden Zuschauer handeln, der seiner Gefühle aber so unsicher ist, daß man ihm sogar die Freude, Erregung, Spannung ständig aufs neue einhämmern muß. Alles, was man sieht, wird noch einmal in Worten ausgedrückt. Alles, was gesagt wird, wird wiederholt ausgesprochen, am besten erst vom Moderator, dann vom Reporter und dann noch einmal vom Spieler im Interview. Insofern folgt die Sendung der Werbung, die den Großteil an ihr ausmacht, denn auch von der Milch und den Telefonen wird uns im Verlauf der anderthalb Stunden je sechsmal gesagt, daß sie vom Feinsten sind, mitunter im Dreißigsekundenabstand, so als wären wir Reiz-Reaktions-Ratten im Gedächtnisexperiment von Doktor Skinner.

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