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Chelsea-Coach Antonio Conte : Wie Trainer Gnadenlos sein Team besser macht

  • -Aktualisiert am

Emotionaler Antreiber an der Seitenlinie: Trainer Antonio Conte. Bild: AFP

Antonio Conte steht mit Chelsea vor dem Gewinn der englischen Meisterschaft. Sein Vorgehen nimmt bisweilen gespenstische Züge an. Dafür muss er sich auch einigen Spott anhören.

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          Es war vor knapp zwei Wochen, als Antonio Conte während des Heimspiels an der Stamford Bridge gegen die Tasche eines Physiotherapeuten trat. Der Tritt muss ihn geschmerzt haben, so heftig war er. Der FC Chelsea spielte gegen den FC Southampton, und das Match gegen den Tabellenneunten der Premier League kam in einem psychologisch kritischen Moment. Tabellenführer Chelsea hatte eine Woche zuvor gegen Manchester United 0:2 verloren, der Vorsprung an der Tabellenspitze war auf vier Punkte geschmolzen.

          Ein Unentschieden oder gar eine Niederlage gegen Southampton hätte eine fatale Wirkung gehabt. Es war ein Spiel wie ein Finale, eines, wie Conte es besonders mag. Er wollte eigentlich gegen den Ball treten, erzählte der Trainer nach dem Spiel, aber mangels Balls habe es die Tasche getroffen. „Glauben Sie mir“, sagte der Chelsea-Coach nach dem 4:2-Sieg erleichtert, „manchmal will ich selbst spielen und einfach auf den Ball draufhauen.“

          Antonio Contes Wirken als Trainer ist nur zu verstehen, wenn man weiß, was für ein Spieler er war. Erst im Juli kam der ehemalige italienische Nationaltrainer als Coach nach London. Der FC Chelsea wechselte in den vergangenen sechs Jahren sechsmal den Trainer, unter Guus Hiddink schloss der Verein die vergangene Saison auf Platz zehn der Liga ab. Dass der Klub nun seit dem zwölften Spieltag die Tabelle der Premier League anführt, ist zweifellos das Verdienst des 47 Jahre alten Süditalieners aus Lecce, der schon einmal vom warmen Süden in den nebeligen Norden aufgebrochen war. Im Sommer 1991 wechselte der Mittelfeldspieler aus Apulien zu Juventus Turin und legte das Fundament für seine heutige Arbeit als Trainer-Irrwisch.

          „Antouniouuuu, Antouniouuuu, Antouniouuuu“, singen die Chelsea-Fans bei fast jedem Match, sie spüren, dass Conte so sehr mit Leib und Seele bei der Sache ist, wie sie es noch nicht einmal bei ihrem früheren Trainer-Idol José Mourinho erlebt haben.

          Mit Chelsea hat er den Kollegen Mauricio Pochettino (rechts) und Tottenham fast angehangen.

          Als Spieler war Conte nicht außergewöhnlich talentiert, seine technischen Schwächen überspielte er mit Einsatz und Willen. Giovanni Trapattoni vermittelte ihm im ersten Jahr den Sinn für defensive Stabilität, unter Marcello Lippi gewann er drei Meisterschaften und 1996 die Champions League, er wurde zum Stellvertreter des Trainers auf dem Platz. Zwei Champions-League-Endspiele gingen 1997 und 1998 verloren, den wohl schwersten sportlichen Schlag musste Conte im Sommer 2000 hinnehmen, als Juventus unter Carlo Ancelotti am letzten Spieltag die Meisterschaft verspielte.

          „Ich habe als Spieler viel gewonnen, aber auch viel verloren, und das hat in mir einen unerbittlichen Willen zum Sieg hervorgerufen“, sagt Conte über diese Erfahrungen. Man darf diesen Satz nicht als Floskel abtun. Er erklärt den Antrieb Contes als Trainer, der behauptet, Frieden nur im Sieg zu finden, und der die Niederlage einmal mit dem Tod verglich. Typisch Conte. Seine Tochter trägt den Namen Vittoria, was auf italienisch „Sieg“ bedeutet. Als Spieler war Conte auf seine Mannschaft angewiesen und ihr in gewisser Weise ausgeliefert. Als Coach hat er sein Team nun fest im Griff, manche sagen: im Würgegriff.

          Einst lief Conte selbst für die italienische Nationalelf auf.

          Was das bedeutet, haben die Spieler des FC Chelsea seit Saisonbeginn am eigenen Leib erfahren. Conte verordnet seinen Mannschaften eine Radikalkur, die auf den Säulen Fitness, Spielplanung und Psychologie ruht. Chelsea-Verteidiger John Terry hörte sich fast vorwurfsvoll an, als er erzählte, dass nun „verdammt viel Taktik“ auf dem Trainingsplan stehe. Aber dank der täglichen Positions- und Gegneranalyse wisse nun jeder Spieler in jedem Moment exakt, was zu tun sei. Diese Erfahrung haben auch viele andere Conte-Schüler bei seinen bisherigen Trainer-Stationen gemacht, sei es in Bari, Siena oder bei Juventus Turin.

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