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Fifa : Angriff auf den Herrscher

  • -Aktualisiert am

Unangreifbar? Joseph Blatter Bild: dpa

Der Sturz von Fifa-Chef Joseph Blatter wäre fast ein Wunder. Doch der Franzose Jérôme Champagne glaubt an seine Chance. Für den Weltverband wäre das zumindest ein glaubhafter Neuanfang.

          5 Min.

          Unbeirrbar hält Jérôme Champagne an seinem Ziel fest. Im Mai will er den umstrittenen Herrscher des Weltfußballs vom Thron stürzen. Um für dieses eigentlich aussichtslose Unterfangen noch einmal Kraft zu tanken, entspannt sich der ehemalige französische Diplomat gerade mit der Familie in den Bergen Graubündens.

          Alsbald will Champagne aber wieder Joseph Blatter angreifen, mit seinem umfangreichen Programm weitere Anhänger gewinnen und den Kampf gegen den 78 Jahre alten Präsidenten des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) bis zum Wahltag am 29. Mai in Zürich fortführen. Er hat auch gerade eine Einladung des Europäischen Parlaments für diesen Monat erhalten. „Alles, was im vergangenen Jahr passiert ist, hat meine Entschlossenheit nur verstärkt. Die Fifa muss sich verändern“, sagt Champagne.

          Ein schmutziger Wahlkampf ist wahrscheinlich

          Elf Jahre lang gehörte er im Fifa-Verwaltungsapparat zu den engsten Mitarbeitern Blatters, bis ihn dieser aus machtpolitischen Gründen im Jahr 2010 schasste. Bis zum 29. Januar muss der Franzose zuerst einmal die Unterstützung von mindestens fünf Nationalverbänden nachweisen, damit er vom Fifa-Wahlausschuss zugelassen wird. Wer mit ihm geht, dazu will Champagne jetzt nichts sagen, weil hinter den Kulissen auf einige Verbände schon Druck ausgeübt werden würde. Deshalb kann wieder mit einem schmutzigen Wahlkampf gerechnet werden, bei dem Blatter im Hintergrund die Fäden zieht.

          Gegenkandidat? Einzelkämpfer Jerôme Champagne
          Gegenkandidat? Einzelkämpfer Jerôme Champagne : Bild: AP

          Es wäre eine sportpolitische Sensation, würde der Kandidat Champagne den 78 Jahre alten Funktionärs-Granden aus dessen Position drängen. Zwar verfügt die Fifa über ein erbärmliches Erscheinungsbild, für das Blatter, der seit 1998 als Präsident wirkt, maßgeblich mitverantwortlich ist. Doch es ist derzeit kaum vorstellbar, dass der mit allen Instinkten zum Machterhalt ausgestattete Walliser im Mai beim Fifa-Kongress nicht die Mehrheit der 208 Nationalverbände erhält, an denen die Diskussion um mehr Transparenz, reformerische Veränderungen, einen neuen Führungsstil an der Spitze oder Korruptions-Bekämpfung größtenteils vorbeigeht.

          Hier zählen vornehmlich wirtschaftliche Argumente. Blatters milliardenschwere Fifa schüttet regelmäßig viel Geld an die noch so kleinsten Verbände in aller Welt aus. Und sie alle verfügen – wie auch Engländer, Brasilianer oder Deutsche – über eine wichtige Stimme beim Wahlkongress. Nach allem, was passiert ist, wäre es allerdings eine Farce, würde Blatter zum fünften Mal zum Fifa-Präsidenten gewählt werden.

          Zauderer: Uefa-Chef Michél Platini scheut einen offenen Schlagabtausch
          Zauderer: Uefa-Chef Michél Platini scheut einen offenen Schlagabtausch : Bild: AP

          Im vergangenen Jahr wurde die Organisation nochmals durchgeschüttelt, als es um die Veröffentlichung des Untersuchungsberichts zu den korruptionsverdächtigen WM-Vergaben an Russland (2018) und Qatar (2022) ging. Noch ungelöst ist der Termin fürs WM-Turnier im Golf-Emirat. Darüber hinaus laufen offenbar mehrere Verfahren der Ethik-Kommission gegen langjährige Mitglieder des Fifa-Vorstandes. Auch Franz Beckenbauer ist offenbar betroffen. Obwohl sich der Weltverband mit Blatters Reformen öffnete, einige wichtige Compliance-Regeln eingeführt und von außen neue Leute zur Kontrolle hineingebracht hat, könnte die Fifa glaubhaft nur an Reputation gewinnen, befreite sie sich von ihrem ewigen Patron, der sein Jahressalär weiterhin nicht veröffentlichen will.

          Doch bei dieser Kernfrage des personellen Neuanfangs spielt gerade der europäische Fußball, der erheblichen Druck auf Blatters Entmachtung ausüben könnte, eine unrühmliche Rolle. Michel Platini, der zaudernde Präsident der Europäischen Fußball-Union (Uefa), schießt zwar aus der Ferne immer wieder bräsig gegen den Schweizer. Aber er scheut einen offenen Schlagabtausch mit guten Argumenten gegen Blatter. Seit Monaten sucht die Uefa vergeblich nach einem Kandidaten aus den eigenen Reihen, der noch gegen den Fifa-Boss antritt. Bis zum 29. Januar soll es dazu weitere Gespräche geben. Von den bedeutenden Fußballverbänden wie der FA in England oder dem DFB in Deutschland, die Blatter schon öffentlich zum Rückzug aufforderten, kommt in dieser Hinsicht nichts. Auch aus den Ligen oder dem einflussreichen europäischen Klubfußball schwingt sich niemand zu einer Gegenkandidatur auf, um wenigstens öffentlich ein starkes Bekenntnis zu einer Alternative abzugeben. Was wäre denn so schlimm daran, gegen den dubiosen Machtspieler Blatter mit Anstand zu verlieren? Was spricht gegen eine ehrliche Auseinandersetzung mit Blatter?

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