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Ärger um Sommermärchen-Prozess : „Ein geradezu unglaubliches Fehlverhalten“

  • Aktualisiert am

Kein Urteil: Auch der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger war in der Schweiz angeklagt. Bild: dpa

Das Verfahren im Skandal rund um die Fußball-WM 2006 gegen drei frühere Funktionäre wird wegen Verjährung eingestellt. Der DFB reagiert enttäuscht. Und die Anwälte der Angeklagten üben scharfe Kritik.

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          Das Sommermärchen-Verfahren gegen drei ehemalige Funktionäre des Deutschen Fußball-Bundes wird wie erwartet wegen Eintritts der Verjährung eingestellt. „Es ist festzuhalten, dass unseren Mandanten aufgrund einer voreingenommenen und von geradezu unglaublichem Fehlverhalten geprägten Verfahrensführung der Schweizer Bundesanwaltschaft kein faires Verfahren gewährleistet worden ist“, teilten die Verteidiger der ehemaligen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach und Theo Zwanziger sowie vom früheren DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt am Dienstag mit.

          Die Vorwürfe gegen das Trio und den einstigen Fifa-Generalsekretär Urs Linsi waren am Montag (27. April) verjährt. Das Verfahren war wegen der Corona-Krise seit März ausgesetzt und nicht weiter fortgeführt worden. Das Bundesstrafgericht in Bellinzona verwehrte sich gegen Verschleppungsvorwürfe. „Prozessuale Umstände und die Vorgaben im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie und nicht Verfahrensmängel am Bundesstrafgericht“ hätten dazu geführt, dass es zu keinem Urteil gekommen ist, teilte die Behörde mit.

          „Dass unsere Mandanten durch den Eintritt der Verjährung um eine Rehabilitation in Form eines vollumfänglichen Freispruchs gebracht werden, passt in das unrühmliche Bild, welches die Schweizer Strafverfolgungsbehörden im „Sommermärchen-Prozess“ abgegeben haben“, schrieben dagegen die Anwälte. „Es ist abschließend in aller Deutlichkeit festzustellen, dass im „Sommermärchen-Prozess“ kein strafbares Verhalten der beschuldigten Personen festgestellt wurde.“

          Der DFB war an dem Prozess als Privatkläger beteiligt – und zeigte sich enttäuscht. „Unsere Hoffnung war, dass die Vorgänge um die Zahlung der 6,7 Millionen Euro (...) und ihre Hintergründe weiter aufgeklärt werden, insbesondere auch was die Zahlungsvorgänge aus 2002 betrifft, die wohl nur in der Schweiz hätten aufgeklärt werden können“, sagte DFB-Schatzmeister Stephan Osnabrügge einer Mitteilung zufolge. „Mit der Verjährung und Einstellung des Verfahrens bleibt diese Chance ungenutzt. Das bedauern wir sehr. (...) Die vollständige Aufklärung der Hintergründe des Zahlungsflusses bleibt unverändert Ziel des DFB.“

          Zwanziger (74), Schmidt (78) und Linsi (70) waren wegen Betruges, Niersbach (69) wegen Gehilfenschaft zum Betrug angeklagt. Im Kern ging es um eine Überweisung des DFB im April 2005 in Höhe von 6,7 Millionen Euro über die Fifa an den inzwischen gestorbenen Unternehmer Robert Louis-Dreyfus. Das Geld wurde als Beitrag für eine Gala zur WM 2006 deklariert, die nie stattfand. Im Jahr 2002 hatte der damalige WM-Organisationschef Franz Beckenbauer ein Darlehen von Louis-Dreyfus in gleicher Höhe erhalten, das letztendlich auf Konten des damaligen Fifa-Finanzchefs Mohamed bin Hammam verschwand. Wofür, ist immer noch unklar.

          Auch der Fußball-Weltverband bedeuerte die Einstellung des Verfahrens und kündigte weitere interne Ermittlungen an. „Für die Fifa ist dieser Fall sicherlich noch nicht abgeschlossen, da wir nicht akzeptieren können und werden, dass eine Zahlung von zehn Millionen Schweizer Franken von Fifa-Konten ohne triftigen Grund erfolgt“, hieß es in einer Mitteilung am Dienstagabend. „Auch wenn dies vor vielen Jahren geschehen ist und für die alte Fifa symptomatisch war, wird die unabhängige Ethikkommission der Fifa diese und ähnliche Fragen weiter untersuchen“, versprach der Weltverband. „Wir hoffen, dass eines Tages die Wahrheit über die Zahlung von CHF 10 Millionen ans Licht kommt und dass diejenigen, die rechtswidrige Handlungen begangen haben, ordnungsgemäß sanktioniert werden, wenn nicht in der Schweiz, dann vielleicht woanders.“

          Das Schweizer Strafverfahren gegen den hochrangigen Fußball-Funktionär Nasser Al-Khelaifi sowie den früheren Fifa-Generalsekretär Jerôme Valcke soll unterdessen im September beginnen. Wie aus dem Terminplan des Bundesstrafgerichts in Bellinzona hervorgeht, sind zunächst acht Prozesstage (14. bis 25. September 2020) anberaumt. Beide sind im Zusammenhang mit der Vergabe von Medienrechten an Weltmeisterschaften angeklagt worden.

          Valcke (59), der im September 2015 von seinen Aufgaben beim Weltverband entbunden worden war, war im Februar von der Bundesanwaltschaft „passive Bestechung“, „mehrfache qualifizierte ungetreue Geschäftsbesorgung“ sowie „Urkundenfälschung“ vorgeworfen worden. Al-Khelaifi (46), Boss des französischen Spitzenklubs Paris Saint-Germain und Chef der katarischen Sendergruppe beIN, sowie ein dritter Beschuldigter sollen Valcke zur ungetreuen Geschäftsbesorgung angestiftet haben. Dem namentlich nicht genannten Dritten wird zudem „aktive Bestechung“ vorgeworfen.

          „Aus den Ermittlungen hat sich ergeben, dass Valcke von beiden Mitbeschuldigten nicht gebührende Vorteile erhalten hat“, hatte die Behörde mitgeteilt. Al-Khelaifi, seit 2019 auch Mitglied im Uefa-Exekutivkomitee, habe dem Franzosen, der einst dem früheren Fifa-Präsidenten Joseph S. Blatter (83) zur Seite stand, das alleinige Nutzungsrecht an einer Luxusvilla auf Sardinien überlassen.

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