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Hinrichtung von Lazio-Ultra : Die „Unbeugsamen“ und der tote „Diabolik“

Spurensicherung am Tatort in Rom Bild: EPA

Die Details zur Tat sind erschütternd, die Hintergründe besorgniserregend und die Folgen könnten unvorhersehbar sein: In Italien wird der Anführer einer einflussreichen, faschistischen Ultra-Gruppe erschossen.

          Es war eine Hinrichtung am helllichten Tag. Der Killer trat von hinten an sein Opfer heran, das auf einer Parkbank saß, und feuerte einen einzigen Schuss ab. Das Projektil vom Kaliber 7,65 mm trat auf der Höhe des linken Ohres ein. Fabrizio Piscitelli, genannt „Diabolik“, war auf der Stelle tot.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Warum der 53 Jahre alte Chef der Ultra-Fangruppe „Irriducibili“ (Die Unbeugsamen) von Lazio Rom sterben musste, versuchen die Ermittler der Mordkommission in Rom sowie der nationalen Antimafiabehörde nun herauszufinden. Nach Zeugenaussagen trug der Täter Joggingkleidung. Damit fiel er gewiss nicht auf unter den Dutzenden Läufern, die am Mittwochabend gegen 18.50 Uhr im Parco degli Acquedotti, einem beliebten Jogging- und Freizeitquartier im Südosten Roms, unterwegs waren.

          Verbindungen zur Halb- und Unterwelt

          Eine Augenzeugin will beobachtet haben, dass der Mörder nach der Bluttat zu einer nahegelegenen Straße gelaufen sei, wo ihn ein Komplize in einem Auto erwartet habe. Die Ermittler hoffen, dass sie sich nach der Auswertung der Aufnahmen der zahlreichen Überwachungskameras in dem Park von dem Täter ein genaueres Bild machen können. Auch von den letzten Gesprächsverbindungen und Nachrichten auf Piscitellis Handy, das am Tatort sichergestellt wurde, erhoffen sich die Strafverfolger Aufschlüsse über den Hintergrund der Tat.

          Der Tatort: Freunde des Ermordeten bekunden ihre Trauer.

          Ob all dies ausreichen wird, den Mörder und dessen mögliche Hintermänner bald ausfindig zu machen, wird in italienischen Presseberichten bezweifelt: Gewöhnlich verstehen es kriminelle Banden, bei ihren blutigen Abrechnungen untereinander die Spur zu den Tätern und schon gar zu den Auftraggebern zu verwischen. Offensichtlich war Piscitelli, der in einer Villa in dem nahegelegenen Nobelstädtchen Grottaferrata wohnte, zu einer Verabredung gekommen – jedenfalls war er nicht in Sportkleidung auf der Parkbank gesessen. Ob er mit seinem späteren Mörder verabredet oder von Dritten in eine Falle gelockt worden war, ist noch unklar.

          Der Umstand, dass auch die Spezialisten der Antimafiabehörde die Ermittlungen der Mordkommission unterstützen, überrascht nicht. Piscitelli hat in den vergangen Jahrzehnten ein umfangreiches Vorstrafenregister gefüllt. Er wurde angeklagt beziehungsweise zu Geld- und Haftstrafen verurteilt wegen des Schmuggels von Drogen, die er aus Spanien nach Italien hatte bringen lassen, außerdem wegen der versuchten Erpressung von Lazio-Präsident Claudio Lotito sowie wegen zahlreicher weiterer Delikte. In den Polizeiakten wird Piscitelli nach Medienberichten als „gefährlich und anmaßend“ geführt, der sich zudem „gleichgültig zeigt gegenüber den zahlreichen gegen ihn eingeleiteten Ermittlungen“. 2016 wurden von Piscitelli Geldbeträge und Güter in Gesamtwert von zwei Millionen Euro beschlagnahmt. Zu einer sichtbaren Beeinträchtigung seines aufwendigen Lebensstils führte der Schlag aber nicht. Die Verbindungen italienischer Ultras – und zumal von deren Bossen – mit der Halb- und der Unterwelt sind hinreichend dokumentiert.

          Aufregung: Der Vorfall sorgt in Italien für viele Diskussionen.

          In den einschlägigen Fangruppen italienischer Fußballklubs sind mindestens 40.000 Fans organisiert, manche Schätzungen sprechen sogar von bis zu 70.000 Mitgliedern. Die gewaltbereiten Ultras verfügen über erheblichen Einfluss auf die Vereine, man könnte auch sagen: über großes Erpressungspotential. Die Vereine beteiligen die Ultras am Ticketverkauf und am Vertrieb von Merchandising-Artikeln, überlassen ihnen die Organisation der Fanreisen zu Auswärtsspielen.

          Anne Frank im Trikot des Rivalen

          Die „Unbeugsamen“ der „Blancoceleste“ – so wird Lazio Rom wegen der hellblau-weißen Farbe der Trikots genannt – sind wegen ihrer rechtsextremen bis offen faschistischen Gesinnung berüchtigt. Aus der „Curva Nord“ (Nordkurve) des Olympiastadions, das sich Lazio mit dem Stadtrivalen AS Rom und dessen traditionell linksliberaler Fangemeinde in der Südkurve teilt, werden gewohnheitsmäßig rassistische Beleidigungen gegen dunkelhäutige Spieler gegnerischer Mannschaften geschleudert. In den besonders „geheiligten“ ersten zehn Reihen des Fanblocks der „Unbeugsamen“ sind Frauen unerwünscht. Immer wieder bekleben die „Irriducibili“ von Lazio die Sitze und die Plexiglasabsperrungen der AS-Roma-Fans in der Südkurve mit Stickern, auf denen das von den Nazis ermordete jüdische Mädchen Anne Frank im gelb-roten Trikot des Lokalrivalen zu sehen ist.

          Die rechtsextremen „Unbeugsamen“ von Lazio pflegen enge Beziehungen zu den gleichgesinnten Ultras von Inter Mailand, außerdem in Spanien zu den „Ultras Sur“ von Real Madrid und zu den „Brigadas Blanquiazules“ von Espanyol Barcelona. Ob diese „spanische Verbindung“ der „Irriducibile“ im Zusammenhang mit den gerichtsnotorischen Drogendelikten ihres Bosses Fabrizio Piscitellis steht, der seine in Rom vertriebenen Drogen aus Spanien bezogen hatte, ist ungewiss.

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