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Andrej Arschawin : Und das Beste kommt noch

Ruhe, bitte: In Liverpool war Arsenals Andrej Arschawin der Hauptdarsteller Bild: REUTERS

Liverpool und der FC Arsenal lieferten sich beim dramatischen 4:4 einen „Klassiker der Premier League“. Andrej Arschawin leistet mit seinen vier Toren sogar Historisches. In den wichtigsten Spielen der Saison kann er Arsenal aber nicht helfen.

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          Beim Torjubel legt er sonst nur einen Finger auf die Lippen. Diesmal wurden es mehr, denn Andrej Arschawin zählte mit. Drei Finger hielt er in der 70. Minute hoch, als er seinen Hattrick vollendet hatte. Es kam noch besser: vier Finger in der 90. Minute, nach seinem Treffer zum 3:4. Vier Tore in einem Ligaspiel an der Anfield Road von Liverpool, das hatte seit 63 Jahren kein Spieler eines Gastteams geschafft. Mit seinem historischen Quartett trug der 27-jährige Russe des FC Arsenal zu einem Spektakel bei, das von Kommentatoren noch vor dem Schlusspfiff als „Klassiker der Premier League“ gefeiert wurde.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Die Liverpooler retteten durch Yossi Benayoun in der Nachspielzeit noch das 4:4. Dennoch sahen sie wie Geschlagene aus, wie schon bei ihrem 4:4 vor einer Woche beim FC Chelsea in der Champions League (siehe auch: Chelsea - Liverpool 4:4 - Michael Ballack und die 100.000 Volt). Sie haben in sechs der letzten acht Spiele vier oder mehr Tore erzielt, und doch droht ihnen die letzte Titelchance aus den Händen zu gleiten. Ein englischer Kommentator beschrieb die gemischten Gefühle der Heim-Fans an diesem grandiosen Fußballabend so: Sie sähen aus wie Leute, „die im Lotto gewonnen, aber den Zettel verloren haben“.

          Und alles wegen diesem Kerl mit den kurzen Beinen und dem listigen Ausdruck. Sechzehn zu vier, so lautete die Bilanz der „shots on target“, der Schüsse, die das Tor erreichten. Viermal nur war das Arsenal gelungen, immer war der Ball drin – immer durch Arschawin. „Die Fans haben das Beste von mir noch gar nicht gesehen“, versprach er. „Ich brauche noch etwas Zeit.“ Die Zeit nach der EM 2008, als ganz Europa vom Spielmacher der Russen schwärmte, war schwierig. Er wollte in den Westen, am liebsten zum FC Barcelona, doch Zenit St. Petersburg verprellte Interessenten mit hohen Ablöseforderungen. Auch das hohe Gehalt, das er von dem Klub bekam, der dem weltgrößten Gasunternehmen Gasprom gehört, war ein Hindernis.

          Er läuft und läuft und trifft und trifft: Arschawin erlebte in Liverpool eine persönliche Sternstunde
          Er läuft und läuft und trifft und trifft: Arschawin erlebte in Liverpool eine persönliche Sternstunde : Bild: AFP

          „Er kann überall spielen - das Zeichen der ganz großen Spieler“

          Nur Arsenal ließ sich nicht abschütteln und kam im Winter zum Zuge, zum Schnäppchenpreis von rund 13 Millionen Euro. Dabei lockten Arschawin in London neben den sportlichen und finanziellen Möglichkeiten auch die große russische Gemeinde und die Aussicht, dass seine beiden Kinder dort von klein auf die englische Sprache lernen können. Er war eine völlig unübliche Arsenal-Verpflichtung: der fertige Spieler, der schon Weltklasse ist.

          Seine grandiose Schusstechnik mit beiden Füßen bewies er am Dienstag, als er, normalerweise im vorderen Mittelfeld aktiv, in die Rolle der fehlenden Torjäger Adebayor und van Persie schlüpfte. „Er kann überall spielen“, sagte Wenger, „es ist das Zeichen der ganz großen Spieler.“ Sonst pflegt Wenger junge Fußballer zu holen, die er behutsam formt, bis sie in das Kombinations-Kunstwerk Marke Arsenal passen. Doch in dieser Saison musste er rasch reagieren, nachdem die Abgänge von Flamini und Hleb und die Verletzung von Fabregas das Mittelfeld geschwächt hatten (siehe auch: FC Arsenal: Die Super-Außenseiter).

          „Ich bin schon lange in dem Job, aber ich habe noch nie einen Spieler in solch einem Spitzenspiel viermal treffen sehen“, schwärmte Wenger. „Andrej hat Persönlichkeit, er ist ein Siegertyp.“ In den wichtigsten Spielen der Saison kann er Arsenal aber nicht helfen. Im Champions-League-Halbfinale gegen Manchester United (und im möglichen Finale / FAZ.NET-Champions-League-Liveticker) ist er nicht einsetzbar, weil er in dieser Saison schon für St. Petersburg international gespielt hat.

          „Du wirst deine spirituelle Verbindung mit Mutter Russland verlieren“

          Englands Fußballfans hat er am Dienstag für sich gewonnen – die in der Heimat muss er wieder zurückgewinnen. Viele werfen ihm seine erkennbare Lustlosigkeit nach der EM im Zenit-Trikot vor, mit der er seinen Transfer nach England erzwang. Für einige wurde er gar zum Feindbild, zum „Betrüger von Mutter Russland“. „Alle Kommunisten und Patrioten müssen Scham und Abscheu über Arschawins Verhalten empfinden“, urteilte die Kommunistische Partei, weil er „seinen Körper monatelang vor lüsternen westlichen Klubs zum Verkauf“ gestellt habe.

          „Andrej, bleibe!“, forderte ihn die einst all- und nun ohnmächtige Partei auf. Sie drohte für den Fall seines Wechsels: „Du wirst deine spirituelle Verbindung mit Mutter Russland verlieren, und das russische Volk wird dir nie vergeben.“ Arschawin wird die Sache zum Glück nicht ganz wörtlich nehmen müssen. Dieselbe Partei hatte auch schon die russische Filmschauspielerin Olga Kurylenko wegen ihrer Kooperation mit dem Westen des „Betruges“ geziehen. Warum? Sie hatte gemeinsame Sache mit einem „Feind Russlands“ gemacht: mit James Bond.

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