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Hannover 96 : Breitenreiters Crashkurs

  • -Aktualisiert am

Der Sportdirektor des Fußball-Zweiligisten Hannover 96, Horst Heldt (links) und der Trainer Andre Breitenreiter. Bild: dpa

Der neue Trainer André Breitenreiter muss Hannover 96 im Eiltempo fit für den Aufstieg machen. Gegen Union Berlin zählt an diesem Samstag nur ein Sieg.

          Sein erstes Zwischenziel ist erreicht. Wie? André Breitenreiter lächelt sehr viel. Im Grunde ist es ein dauerhaftes Grinsen, mit dem er seinen neuen Verein gute Laune und neuen Mut beschert. Hannover 96 wollte unbedingt einen Cheftrainer, der schöneren Fußball und eine bessere Stimmung ermöglicht. Dass deshalb Daniel Stendel neun Spieltage vor dem Saisonende entlassen worden ist und Breitenreiter übernehmen durfte, klingt bis heute merkwürdig. Denn auf dem Weg zurück in die Erste Fußball-Bundesliga ist in Hannover ein Publikumsliebling gegen einen erhofften Publikumsliebling ausgetauscht worden. Breitenreiter gibt an diesem Samstag (13 Uhr) sein Debüt. Im Heimspiel gegen Spitzenreiter Union Berlin werden sich Vorfreude und Wehmut gleichermaßen zu Wort melden.

          Mit blumigeren Worten vom Trainer allein wird es nicht gehen. Hannover 96 will den sofortigen Wiederaufstieg mit einer Mannschaft erzwingen, die in der Tabelle abgerutscht ist und spielerisch bisher mehrheitlich enttäuscht hat. Ob das an Stendel, den Profis selbst oder an der falschen Spielstrategie gelegen hat, soll Breitenreiter nun im Eiltempo ergründen. Einen Crashkurs nennt er das, was er in diesen Tagen erlebt. Anderthalb Wochen mit der neuen Mannschaft, in denen angesichts von Länderspielen diverse Nationalspieler gefehlt haben, sind ein sehr knapp bemessener Zeitraum für Verbesserungen. „Ich erlebe meine Spieler gelöst, konzentriert und fokussiert“, sagt Breitenreiter und gibt sich betont gelassen. Schönes Wetter, spannende Konstellation, ausverkauftes Stadion mit 49000 Zuschauern: Was sich nach Idylle und Aufbruch anhört, ist in Wirklichkeit ein riskantes Spiel. Der neue Trainer darf sich ohne Heimsieg gegen Union darauf gefasst machen, dass die Fangesänge zu Ehren seines Vorgängers nicht zu überhören sein werden.

          Unter den vier Vereinen, die die besten Chancen auf den Aufstieg haben, wirkt Hannover 96 im Vergleich zu Union Berlin, dem VfB Stuttgart und Eintracht Braunschweig wie ein Meister der Ungeduld. Präsident Martin Kind lässt keine mediale Gelegenheit aus, um darauf zu bestehen, dass der Aufstieg in dieser Saison alternativlos ist. Das hat einerseits kaufmännische Gründe und andererseits mit seinem Ego zu tun. Kind ist 72 Jahre alt und hat Hannover 96 innerhalb von zwei Jahrzehnten zu einer salonfähigen Adresse im bezahlten Fußball gemacht – bis im vergangenen Jahr nach diversen Fehlentscheidungen der Abstieg nicht mehr zu verhindern war. Der höchst erfolgreiche Unternehmer und Förderer des Vereins wirkt angespannt und müde. Kind will trotzdem so lange die Geschicke von Hannover 96 leiten, bis der Aufstieg geschafft ist. Deshalb zieht er die Daumenschrauben weiter an und erzeugt einen Druck, um den vor allem die sportliche Leistung nicht zu beneiden ist.

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          Den leichten Wettbewerbsnachteil, der sich bei Hannover 96 im Aufstiegsrennen eingeschlichen hat, sollen zwei Männer auf der Zielgerade der Saison ausgleichen. Mit Horst Heldt ist kurz vor dem Trainerwechsel ein Experte geholt worden, der als Manager alles hinterfragen und neu sortieren darf. Mit Breitenreiter ist es gelungen, einen bei Schalke 04 gescheiterten Trainer zu verpflichten, der in Hannover bestens vernetzt und bekannt ist. Er war bei 96 einst zum Profi gereift, lebt mit seiner Familie in der Region und hat es durch bloße Anwesenheit schon geschafft, ein neues Wir-Gefühl zu erzeugen. Es ist damit zu rechnen, dass er im Gegensatz zu seinem Vorgänger Stendel neben Martin Harnik den bisherigen Reservisten Niclas Füllkrug zum zweiten Stürmer erklärt. Schon das dürfte auszureichen, um den Publikum glaubhaft zu signalisieren: Wir wollen den Aufstieg unbedingt und tun auch wirklich alles dafür, damit es klappt.

          Das erhoffte Aufbegehren der Mannschaft geht weiter einher mit den Rechenspielen der Vereinsführung. In der ersten Saison nach dem Sturz in die zweite Liga kann sich Hannover 96 noch einen Personaletat von rund 25 Millionen Euro leisten, um zum Beispiel einen Torjäger wie Harnik und noch so manch anderen Profi mit Erstligaerfahrung zu bezahlen. Misslingt der sofortige Wiederaufstieg, muss das stattliche Budget für die Mannschaft nach Berechnungen von Kind um rund zehn Millionen Euro gekürzt werden. Das ist – wie immer bei ihm – sehr konsequent kalkuliert und offenherzig kommuniziert. Dass ein solches Vorgehen tatsächlich leistungsfördernd ist, lässt sich bisher nicht bestätigen. Der neue Trainer macht das Spielchen mit dem selbst auferlegten Druck zwangsläufig und brav mit. „Ich spüre überhaupt keinen Druck und bin total entspannt“, behauptet Breitenreiter vor einer Partie, die er nicht verlieren darf.

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