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Amerikanischer Fußball : Klinsmann unter Druck

  • -Aktualisiert am

Erhitztes Gemüt: Klinsmann entgeht mit der amerikanischen Nationalelf nur knapp einer Blamage Bild: dapd

Die amerikanische Nationalmannschaft und ihr Trainer Jürgen Klinsmann quälen sich in der Vorrunde der nord- und mittelamerikanischen WM-Qualifikation. Nach dem knappen Sieg gegen Antigua wird Klinsmann hart kritisiert.

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          Für die Großmächte des europäischen Fußballs ist es der Ausflug auf die Färöer, für die Amerikaner ist es der Trip auf ein Eiland in der Karibik: Im Lichte der Fifa-Weltrangliste müsste es ein Spaziergang sein, doch in der harten Wirklichkeit der Qualifikation für die Endrunde der Weltmeisterschaften ist es der Geländelauf über eine gefährliche Stolperstrecke. Jürgen Klinsmann und die amerikanische Nationalmannschaft wären in der Nacht zum Samstag im „Sir Vivian Richards Stadion“ von St. John‘s in Antigua und Barbuda fast gestrauchelt. Ein Sturz wurde zwar vermieden - aber der frühere deutsche Teamchef bleibt in den Vereinigten Staaten unter Beobachtung.

          Sieg gegen die „Benna Boys“

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Es war das vorletzte Spiel in der zweiten Qualifikationsrunde der Concacaf-Ländergruppe, zu der neben den Vereinigten Staaten und Kanada die Länder Mittelamerikas sowie der Karibik gehören. Alles andere als ein Sieg gegen die „Benna Boys“ von der kleinen Antilleninsel in der Ostkaribik hätte das Vorrücken in die dritte Runde der Qualifikation gefährdet. Nach dem dürftigen 2:1 genügt nun an diesem Dienstag im Heimspiel gegen den Gruppenzweiten Guatemala ein Unentschieden, um die letzte Qualifikationsrunde zu erreichen - immerhin. In dieser spielen die sechs verbliebenen Mannschaften dann im kommenden Jahr jene drei Plätze aus, die der Concacaf-Gruppe bei der WM-Endrunde in Brasilien 2014 zustehen.

          Seit 1990 haben die Vereinigten Staaten stets die Endrunde erreicht, neben Mexiko gehören sie zu den festen Größen des Fußballs in Mittel- und Nordamerika. Auch deshalb schrieb „Sports Illustrated“ nach dem knappen Sieg über Klinsmann: „Er ist angetreten, um den US-Fußball aufs nächste Level zu heben. Aber Fakt ist, dass sich das Team in seinen 14 Monaten Amtszeit zurückentwickelt hat. Mexiko hätte Antigua mit 5:0 geschlagen.“

          Retter in höchster Not: Eddie Johnson trifft zum Siegtor in der Schlussminute
          Retter in höchster Not: Eddie Johnson trifft zum Siegtor in der Schlussminute : Bild: REUTERS

          Klinsmann hatte vor dem Spiel gewarnt, dass es in der Concacaf-Gruppe keine leichten Gegner mehr gebe, zumal bei Auswärtsspielen. In St. John‘s zum Beispiel wurde im weiten Rund des Sir Vivian Richards Stadion gespielt, das vor fünf Jahren zum Cricket-Weltcup gebaut worden war. In die Mitte des großen Rasenrunds hatte der Fußballverband von Antigua und Barbuda ein winziges Feld markieren lassen, das gewiss ganz hart an den Mindestanforderungen des Internationalen Fußballverbandes (Fifa) für Länge und Breite eines Spielfelds lag.

          In der Mitte des Feldes, wo die Cricket-Spieler auf einer leichten Erhöhung die Bälle zu werfen und den Schläger zu schwingen pflegen, gab es dazu ein etwa 15 mal 15 Meter großes Quadrat mit deutlich längerem Rasenschnitt und extrem weichem Boden. Je stärker der Regen fiel - und in der zweiten Hälfte schüttete es mitunter -, desto mehr verwandelte sich die Spielfeldmitte in ein Schlammloch, in dem der Ball kaum mehr rollen mochte. Dazu hatte der britische Trainer Tom Curtis die „Benna Boys“ taktisch hervorragend auf die physisch überlegenen Amerikaner eingestellt. Mit heftigen Böen im Rücken hätten die Außenseiter in der zweiten Halbzeit mit Distanzschüssen sogar fast den Führungs- und möglicherweise den Siegtreffer erzielt. „Es war für sie das Spiel ihres Lebens“, sagte Klinsmann, „wir haben die drei Punkte geholt, das ist das Wichtigste.“

          Fachpresse ist Klinsmann gegenüber skeptisch eingestellt

          Klinsmann fehlten im Sturm die verletzten Landon Donovan (Los Angeles Galaxy) und Brek Shea (FC Dallas). Den Jungstar Jozy Altidore, derzeit mit AZ Alkmaar als Serientorschütze in der holländischen Ehrendivision äußerst erfolgreich, berief Klinsmann gar nicht erst in den Kader, weil er in der Nationalmannschaft zuletzt mit Allüren statt mit Leistungen aufgefallen war. Vom Bundesliga-Quartett, auf das Klinsmann regelmäßig zurückgreift, fehlte der grippekranke Fabian Johnson (Hoffenheim); Hannover-Kapitän Steve Cherundolo spielte gewohnt solide, der zweite Hoffenheimer Danny Williams wurde nach einer mäßigen Leistung in der zweiten Halbzeit durch den Schalker Jermaine Jones ersetzt.

          Natürlich waren Klinsmann und die Spieler nicht zufrieden und versprachen Besserung für das Heimspiel gegen Guatemala in Kansas City. Die amerikanische Fachpresse ist Klinsmann gegenüber seit je skeptisch bis feindlich eingestellt. Die Bilanz nach 19 Spielen unter ihm ist durchwachsen - sie reicht von historischen Auswärtssiegen in Italien und beim Erzrivalen Mexiko bis zur Beinahe-Niederlage von St. John‘s. Nur in vier der 19 Spiele schossen die Amerikaner mehr als ein Tor, davon zweimal gegen das Nationalteam von Antigua und Barbuda, das auf Rang 106 der Fifa-Weltrangliste liegt. Bis Brasilien 2014 ist noch viel Zeit. Aber für Klinsmann und seine Mannschaft ist der Weg noch weit.

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