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Amerikanische Liga : Schluß mit Soccer

  • -Aktualisiert am

Wieder in seinem Revier: So hat Donovan in Leverkusen nicht gejubelt. Bild: dpa

Die Major League Soccer nimmt in der zehnten Saison seit ihrer Gründung einen neuen Anlauf. Jetzt soll endlich Fußball gespielt werden

          3 Min.

          Auf jeden amerikanischen Fußballer mit Ambitionen wirkt die Alte Welt wie ein kleines Paradies. Das liegt nicht nur an den besseren Verdienstmöglichkeiten und dem höheren Spielniveau, sondern vor allem an dem Klang der Namen der Traditionsvereine. Für den schnellen Stürmer Landon Donovan ging jedoch die Tour d'Europe gerade zum zweiten Mal ohne meßbare Resultate zu Ende. Er rief enttäuscht über die monatelange Warterei auf der Ersatzbank aus dem Trainingslager der amerikanischen Nationalmannschaft in Leverkusen an und bekam das Plazet von Bayer-Trainer Klaus Augenthaler: "Okay, du kannst gehen." Reisende soll man nicht aufhalten: Der 23jährige Kalifornier wechselt zu Los Angeles Galaxy.

          Für die Major League Soccer kommt die Nachricht gerade richtig. Denn die Jubiläumsserie (zehnte Saison) begann am 2. April mit neuem Schwung, zwei neuen Klubs und einem Optimismus, wie er seit der anfänglichen Begeisterung kurz nach der WM 1994 nicht mehr zu spüren war. Wenn nicht alles täuscht, läutet diese Spielzeit die Metamorphose der Liga von einem Fremdkörper auf dem von den Mannschaftssportarten Baseball, Basketball und Football beherrschten Sportkalender zu einer lebensfähigen und glaubwürdigen Institution ein.

          Die Entwicklung zeigt sich nicht nur in an Fußballtraditionen anknüpfende neuen Namen wie Real Salt Lake, Chivas USA oder FC Dallas. Oder darin, daß Sportausrüster adidas 150 Millionen Dollar ausgelobt hat, um alle Mannschaften in den nächsten zehn Jahren mit den Drei-Streifen-Produkten auszustatten. Das deutlichste Zeichen für einen Sinneswandel hin zu einem abgeklärten Fußballverständnis sind die kleineren Stadien, die sich Eigentümer der Klubs einer nach dem anderen spendieren.

          Der Abschied von den großen Football-Arenen, in denen sich die durchschnittlich 16000 Zuschauer verloren vorkommen müssen, wird in dieser Saison in Dallas vollzogen. Der Neubau am Stadtrand von Chicago ist im nächsten Jahr fertig. Zur selben Zeit ziehen die Colorado Rapids in Denver in ihr neues Heim. "Wir wissen, daß wir keine Mieter sein können", sagt Liga-Geschäftsführer Don Garber, der vor fünf Jahren das schwierige Amt des Einheizers, Dampfplauderers und Chefbuchhalters eines defizitären Unternehmens übernahm. "Wir müssen eigene Stadien haben."

          Hinter vielen Bauprojekten steckt eine einzige Firma: die Anschutz Entertainment Group (AEG) des Öl- und Eisenbahn-Milliardärs Philip Anschutz, dem die Teams D.C. United, Los Angeles Galaxy, San Jose Earthquakes, Chicago Fire und die New York/New Jersey MetroStars gehören, bei denen einst Lothar Matthäus ein Gastspiel gab. Seine Investitionsbereitschaft hat nach Ansicht der Los Angeles Times für jene wirtschaftliche Stabilität gesorgt, ohne die die Liga - trotz anderer wohlhabender Investoren - längst bankrott wäre. Für die AEG, die inzwischen wie etwa mit den Hamburg Freezers auch in Europas Profisport mitmischt, rechnen sich offensichtlich die Auslagen. So verkaufte das Unternehmen 2003 die Eigentumsrechte an den Colorado Rapids an den Geschäftsmann Stan Kroenke, dem in Denver bereits die Nuggets (Basketball) und die Avalanche (Eishockey) mitsamt einer modernen Sporthalle gehören. Kroenke griff zu, um seine Pläne für einen regionalen Sportfernsehkanal zu unterfüttern. Fernsehpräsenz wiederum verleiht den Rapids eine ganz andere Ausstrahlung. Zumal die Mannschaft in einer Region mit einer ständig wachsenden Zahl von Einwanderern aus dem fußballverrückten Mexiko zu Hause ist.

          Die traditionelle Begeisterung im Nachbarland für das Spiel und die wachsende Verknüpfung zwischen Bundesstaaten im Süden der Vereinigten Staaten und Mexiko haben die Verantwortlichen von Major League Soccer von Anfang an auszuschlachten versucht. Doch die erste Idee, ältere lateinamerikanische Spieler von Rang und Namen einzukaufen, scheiterte. Um so radikaler ist der Schritt der Liga mit der Gründung des Club Deportivo Chivas USA.

          Das Projekt wurde von Jorge Vergara vorangetrieben, dem "Konquistador auf Stollen" (Los Angeles Times), der die Chivas Rayadas de Guadalajara betreibt, einen der populärsten Fußballklubs in Mexiko. "Die Vereinigten Staaten sind einer der wenigen aufstrebenden Fußballmärkte in der Welt", sagt der Fünfzigjährige, der mit einem Geschäftspartner 26,5 Millionen Dollar aufbrachte, um sich in die amerikanische Profiliga einzukaufen. Major League Soccer installierte die Mannschaft in der weitläufigen Vorstadtregion von Los Angeles, wo sie sich mit der alteingesessenen Galaxy ein Anschutz-Stadion teilt - das Home Depot Center in Carson City.

          Vergara gilt als unkonventioneller Geschäftsmann. Er hat sein Vermögen mit dem Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln gemacht und zwischendurch alles mögliche zu verkaufen versucht - von Schweinefleisch bis zu Kinofilmen. Aber er wird auch nichts an einem Problem ändern: "In jeder Sportart, für die sich der amerikanische Verbraucher interessiert, kann er die besten Spieler erleben. Die besten Profis aus der ganzen Welt kommen in die NBA. Das gilt auch gilt für Baseball, Football und Eishockey. Es trifft aber nicht auf die Major League Soccer zu", sagt der Politikprofessor Andrei Markovits von der Universität Michigan, Autor des Buchs "Offside: Soccer and American Exceptionalism".

          Die wissenschaftliche Betrachtung bringt den Investor aus dem Nachbarland nicht aus der Fassung. "Mit Chivas wird alles in der Liga ganz monumental", prahlte er und verkündete sein Zwischenziel: Er will bis Ende der Saison 5000 Mitglieder für die Fan-Organisation, den ChivaSocio Club, angeworben haben. Sein Slogan für die Kampagne sagt alles: "Adios Soccer, El Futbol Esta Aqui" - vorbei mit Soccer, Fußball ist da.

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