https://www.faz.net/-gtl-7wxiz

Amateur-Schiedsrichter : Die Angst pfeift immer mit

Dorde ist gerade 13 und hat als Schiedsrichter schon einiges erlebt Bild: Wonge Bergmann

Früher waren Fußball-Schiedsrichter noch die Chefs auf dem Platz, heute sind sie für viele der Feind. Sie werden beschimpft, manche sogar angegriffen. Auch Dorde, erst 13 Jahre alt, hat das schon erlebt. Trotzdem will er weitermachen.

          6 Min.

          Nebel drückt auf den Platz, die Tornetze sind kaum zu sehen, als Dordes Pfiff Trainer, Eltern, Spieler aus ihrem Dämmerschlaf reißt. Sein Schiedsrichtertrikot leuchtet im Dunst feuerrot, als er mit dem Ball unterm Arm zum Anstoßpunkt läuft. Junge Kicker dribbeln um ihn herum, neun Jahre erst alt, und pusten sich die Finger warm. Die Eltern rufen vom Spielfeldrand: „Theo, denk dran, beweg dich“ und „Bind dir die Schuhe noch mal zu“. Auf dem Spielplan steht: die E-Jugend vom SC Riedberg gegen die von SG Bornheim, zwei Fußballklubs aus Frankfurt, einer mit jahrzehntelanger Tradition, der andere aus einem Neubauviertel. Dorde schaut noch einmal auf seine Uhr. Sonntag. Elf Uhr. „Los geht’s.“

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Dorde ist hellwach. Kalter Wind und Nieselregen - egal. Der Schiedsrichter beschwert sich nicht. Fast scheint das miese Wetter nur noch mehr Motivation für ihn zu sein. Dorde Josipovic, 13 Jahre alt, pfeift erst seit ein paar Monaten. Er sagt: „Das hier ist kein Hobby, es ist ein Job.“ Eigentlich spielt er selbst im linken Mittelfeld, manchmal ist er auch Stürmer. Von den Schiedsrichtern wird er hin und wieder zurückgepfiffen, weil er im Abseits steht. Dorde sieht das nicht immer so. Aber auch dann sagt er nichts. Kein „Ach was!“ oder „Du bist doch blind“. Aber nicht jeder hat sich so im Griff. Das hat Dorde, wo er jetzt selbst jedes Wochenende Schiedsrichter ist, kurz zuvor am eigenen Leib erfahren.

          „Schiri, du Arschloch. Du brauchst doch eine Brille!“

          Der Trainer hatte damals nach dem Abpfiff auf ihn gewartet. Es war ein heißes Spiel gewesen, Tabellenerster gegen den Zweiten. In der achten Minute gab es schon den ersten Elfmeter - und die ersten Sprüche von Spielern und Zuschauern. 20 Minuten später noch ein Elfmeter, diesmal für die andere Mannschaft. Dazwischen viele kleine Fouls, Dorde pfiff oft, aber nicht zu streng. Bei allen kribbelte es, das spürte er. Als Dorde dann noch ein umstrittenes Tor gab, wurde der gegnerische Trainer fuchsteufelswild. Er rief: „Schiri, du Arschloch. Du brauchst doch eine Brille!“ Dorde sagt heute: „Der war verrückt.“

          Eine Beleidigung reichte nicht. „Scheißschiedsrichter.“ Nach Spielende standen sie sich noch mal gegenüber. 40 Jahre gegen 13. Mann gegen Schlaks. Dorde erklärte: „Gehen Sie doch vors Sportgericht. Ich schreibe auf jeden Fall einen Sonderbericht.“ Er wollte vorbei in seine Schiedsrichterkabine, der Trainer schob seine Brust nach vorn. „Wenn ich jetzt stehen bleibe, knallt’s“, dachte Dorde - und drehte sich um. Er sah nicht, ob der Trainer ihm folgte. Er tat es nicht.

          Vor dem Spiel geht Dorde mit Trainer Omer Haskic die Spielerliste durch Bilderstrecke

          Von dem brenzligen Spiel erzählt Dorde erst mit festem Blick, dann lässt er ein bisschen die Schultern hängen. Die Sache arbeitet noch ihn ihm. Dorde sagt, er sei sport- - nein - fußballverrückt. Nachdem er samstags erst eine Partie pfeift, fährt er mit dem Bus zu seinem eigenen Spiel. Er kickt, seit er zwei Jahre alt ist. Dordes Vater leitet eine Frankfurter Mannschaft und hat ihn lange selbst trainiert. Er sollte eine Sache kapieren: Ein Spieler hat den Schiedsrichter zu akzeptieren. Egal, wie er pfeift.

          Deswegen ist Dorde jetzt so enttäuscht. Aber deswegen sagt er auch Sätze wie: „Ich hatte vor dem Trainer keine Angst. Ich wusste, dass ich auf der richtigen Seite stehe.“ Aber was bringt das schon, wenn ein erwachsener Mann einen 13 Jahre alten Jungen beschimpft, vielleicht handgreiflich werden würde? Mutig sein mit blauem Auge macht auch keinen Spaß.

          „So schlimm wie letztes Jahr war es nie“

          Und um den sollte es doch eigentlich im Amateurfußball gehen - vor allem bei den Kleinsten. Doch es ist ganz anders. Bei manchen Eltern am Spielfeldrand wird schnell aus Begeisterung Besessenheit, die Trainer geben ihren Teil dazu. Manchmal gehen sie dann sogar aufeinander los, Becher und Flaschen fliegen auf den Platz, oder lose Pflastersteine geben plötzlich gute Waffen ab - und nichts ist mehr übrig von der sonntäglichen Müdigkeit bei Eltern, Spielern, Trainern. Und zwischen-drin steht der Schiedsrichter.

          Weitere Themen

          Gigantische Olympische Ringe Video-Seite öffnen

          Sommerspiele in Japan : Gigantische Olympische Ringe

          Die Installation ist 32,6 Meter breit und 15,3 Meter hoch. Sie soll in der Bucht von Tokio vor Anker gehen, in der Schwimm- und Triathlonwettbewerbe stattfinden. Die Olympischen Sommerspiele beginnen am 24. Juli.

          Topmeldungen

          Es wirkt wie eine konzentrierte Debatte, im Mittelpunkt Russlands Präsident Wladimir Putin und Angela Merkel.

          Konferenz in Berlin : Waffenembargo soll Frieden in Libyen bringen

          Die Teilnehmer der internationalen Libyen-Konferenz in Berlin haben versichert, ihre Unterstützung für die Konfliktparteien in dem nordafrikanischen Land einzustellen. Zudem soll es eine Entwaffnung und einen Waffenstillstand geben.
          Der amerikanische Präsident Donald Trump spricht Mitte Januar bei einer Wahlkampfkundgebung im Bundesstaat Wisconsin.

          Wahlen in Amerika : Die Opposition muss draußen bleiben

          In der republikanischen Partei gibt es durchaus ein paar Trump-Gegner, sie haben aber meist keine gewählten Ämter. Eine neue Lobbygruppe ruft in ihrer Verzweiflung nun zur Wahl von Demokraten auf.
          Dubravko Mandic vergangenen Herbst in Leipzig

          Protest der AfD gegen SWR : Eine Grenze überschritten

          Nach dem „Oma-Video“ hat die AfD in Baden-Baden gegen die Öffentlich-Rechtlichen gehetzt, darunter der Politiker Dubravko Mandic. Der Auftritt könnte strafrechtliche Folgen haben.

          Harry und Meghan : Ohne königlichen Glanz

          Ein unabhängigeres Leben führen und dennoch im Namen der Königin auftreten, das war der Plan von Harry und Meghan. Er hat sich nicht erfüllt. Und nun sinkt auch noch die Beliebtheit des Rotschopfs. Schwere Zeiten für das einstige königliche Traumpaar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.