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Zum Tod von Udo Lattek : Ein Modernisierer des Fußballs

Udo Lattek gewann nicht nur acht deutsche Meistertitel Bild: Imago

Er war der erfolgreichste deutsche Fußballtrainer: Acht deutsche Meistertitel, drei Pokalsiege und drei Triumphe im Europapokal. Udo Lattek ist im Alter von 80 Jahren gestorben.

          Im März 1970 klingelte in den Büros mehrerer Nachrichtenagenturen und Zeitungen in München das Telefon, am Apparat: ein Mitarbeiter des FC Bayern. Man habe einen neuen Trainer. Manchen musste sein Name buchstabiert werden: Lattek, Udo, 35 Jahre alt. Die Nachricht wurde in Kurzmeldungen auf den Sportseiten verbreitet. Die Anekdote aus der medialen Steinzeit des deutschen Fußballs war der unscheinbare Beginn der titelreichsten Trainerkarriere der Bundesliga - und der Beginn der Erfolgsgeschichte des FC Bayern. Am Wochenende ist der Trainer, der sie begründete, kurz nach seinem 80. Geburtstag in Köln gestorben.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Als 2013 der FC Bayern wieder einen neuen Trainer vorstellte, kamen über zweihundert Journalisten, und seine ersten Worte im Amt wurden live in alle Welt übertragen. So hat sich im Fußball eine Menge verändert zwischen der Zeit von Udo Lattek und der von Pep Guardiola, nicht aber die Bedeutung eines Trainers für den Erfolg einer Mannschaft. Nur wird er heute mehr als damals selbst wie ein Star behandelt - der aber, wenn er klug ist, immer weiß, dass er nur der Mannschaft dient.

          Beckenbauer empfahl Lattek

          An diese innere Demut vor dem Kollektiv hielt sich Lattek, der damals ein Meisterteam um den Weltstar Franz Beckenbauer übernahm. Beckenbauer war vom FC Bayern zu Lattek geschickt worden, klingelte bei ihm an und sagte, er habe wegen Problemen mit Trainer Branko Zebec „den Auftrag vom Präsidium, Sie zu fragen, ob Sie sein Nachfolger werden wollen.“ Lattek wollte.

          Udo Lattek (1935 - 2015) Bilderstrecke

          Die beiden kannten sich vom Nationalteam. Lattek, in Ostpreußen geboren, nach dem Krieg zunächst Gymnasiallehrer und Oberligaspieler im Rheinland, hatte 1965 auf Empfehlung seines Ausbilders Hennes Weisweiler die Jugendnationalmannschaft übernommen und als Assistent von Bundestrainer Helmut Schön beim WM-Endspiel 1966 im Wembley-Stadion gegen England auf der Bank gesessen.

          Er holte frühere Zöglinge aus der deutschen Jugendauswahl wie Uli Hoeneß und Paul Breitner zu den Bayern, deren große Zeit mit ihm begann: drei Meistertitel von 1972 bis 1974 und als Krönung der erste Gewinn des Europapokals der Landesmeister 1974. Dabei galt Lattek nie als der geniale Taktiker oder gar Revolutionär des Fußballs, aber als jemand, der mit eher brüderlicher als väterlicher Autorität eine Mannschaft zur funktionierenden Einheit formen konnte.

          Neue Kommunikation

          „Er war wie ein zwölfter Spieler“, sagte Torwart Sepp Maier. „Ich habe ihn nie als einen Trainer empfunden, eher als einen Kumpel“. Im Zeitalter wortkarger Alleinherrscher wie Zebec, Happel, Weisweiler brachte Lattek eine neue Kommunikation von gleich zu gleich ins Verhältnis von Trainer und Team.

          Der Erfolg, der nach fünf Jahren in München abriss, setzte sich nach seiner Entlassung 1975 bei Borussia Mönchengladbach fort, dem großen Bayern-Rivalen der Siebziger, wo er in vier Jahren zwei Meisterschaften und den Uefa-Pokal 1979 gewann. Mit dem FC Barcelona gewann er 1982 den Europapokal der Pokalsieger und bleibt damit, wegen der späteren Abschaffung dieses Wettbewerbs, für immer der einzige neben Giovanni Trapattoni, der als Trainer alle drei Europapokale gewann.

          Nach einem Streit mit dem jungen Diego Maradona entlassen, kehrte er 1983 zu den Bayern und damit zum Erfolg zurück. Die drei Meistertitel von 1985 bis 1987 machen ihn mit acht Meisterschaften zum Rekordmann der Bundesliga.

          Kantige Unverwechselbarkeit

          Lattek war nie der populärste unter den Trainern, aber er pflegte zeitlebens eine kantige Unverwechselbarkeit, mit der er sich auch bei späteren, weniger erfolgreichen Engagements als Sportdirektor beim 1. FC Köln oder als Trainer von Schalke 04 nicht verbiegen ließ. Nach seiner Entlassung auf Schalke erklärte er 1993 seinen Rückzug aus dem Fußballgeschäft, zeigte sich nur noch regelmäßig als wortkräftiger Debattierer in einer Fußball-Talkshow, ehe er ein letztes Mal im Frühjahr 2000 für fünf Spiele auf die Trainerbank zurückkehrte. Zusammen mit dem jungen Assistenten Matthias Sammer rettete er Borussia Dortmund vor dem Abstieg. 75.000 Fans feierten ihn.

          Im Mai 2013 erlebte der von zwei Schlaganfällen gezeichnete Lattek das Champions-League-Finale seiner beiden früheren Klubs Bayern und Dortmund in London mit. Er sprach von seiner „letzten Fußballreise“. Die Lebensgeschichte des erfolgreichsten deutschen Klubtrainers hatte sich, 47 Jahre nach dem verlorenen WM-Finale in Wembley, am selben Ort mit einem rein deutschen Endspiel gerundet.

          „Ich bin ein Bauernsohn, aus dem Nichts gekommen“, sagte er fünf Jahre vor seinem Tod. „Ich habe dem Fußball alles zu verdanken.“ Seine letzten Lebensjahre verbrachte der an Parkinson leidende Lattek in einem Kölner Pflegeheim. „Er war einer der modernsten Trainer Europas und hat den Fußball geprägt wie kaum ein anderer nach ihm“, würdigte ihn Weltmeistertrainer Joachim Löw. „Vor seinen Erfolgen kann man sich nur verneigen.“

          Udo Lattek: Eine Erfolgsgeschichte auf der Trainerbank

          Mit acht Titeln ist Udo Lattek der erfolgreichste Meistertrainer der Fußball-Bundesliga seit ihrer Gründung 1963. Insgesamt gewann Lattek während seiner Karriere 15 Titel.

          Trainerstationen:

          1964 - 1965 VfR Wipperfürth
          1965 - 1969 DFB-Trainer
          13.03.1970 - 2.01.1975 FC Bayern München
          1975 - 1979 Borussia Mönchengladbach
          1979 - 10.05.1981 Borussia Dortmund
          1981 - 03.03.1983 FC Barcelona
          1983 - 1987 FC Bayern München
          1987 - Februar 1988 1. FC Köln (Sportdirektor)
          13.09.1990 - 08.03.1992 1. FC Köln (Sportdirektor)
          1992 - 17.01.1993 FC Schalke 04
          13.04.2000 - 30.06.2000 Borussia Dortmund

          Titel:

          Deutscher Meister: 1972, 1973, 1974, 1976, 1977, 1985, 1986, 1987
          DFB-Pokal: 1971, 1984, 1986
          Spanischer Pokal: 1982
          Europapokal der Landesmeister: 1974
          Europapokal der Pokalsieger: 1982
          Uefa-Cup-Sieger: 1979

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