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Alternativer Kick : Dionysos heißt der wahre Fußballgott - nicht Kohler

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"Kurzschluß Osram Heynckes", "Herbergers Enkel" oder "Juventus Senile". Klingt alternativ. Und ist es auch. Alternativfußball? Gemeint ist jene immer noch anwachsende Fußballszene, die nach eigenem Regelwerk in "bunten" oder "wilden Ligen" spielt.

          "Kurzschluß Osram Heynckes", "Herbergers Enkel" oder "Juventus Senile". Klingt alternativ. Und ist es auch. Alternativfußball? Gemeint ist jene immer noch anwachsende Fußballszene, die nach eigenem Regelwerk in "bunten" oder "wilden Ligen" spielt - ohne den Deutschen Fußball-Bund (DFB). "DFB, nein danke!" lautete schon vor rund 25 Jahren die Devise, als sich überall im Land links-alternative Fußballzellen bildeten, die schnell Mannschaftsstärke erreichten und das Fußballspiel als sportpolitische Veranstaltung entdeckten. Es war die Zeit neuer sozialer Bewegungen, bestimmt von Themen wie Ökologie und Abrüstung. Man veranstaltete Solidaritäts- und "AKW-Nee"-Turniere, stritt für Basisdemokratie und Selbstverwaltung, für dezentrale Strukturen.
          Politisch ging man auf Distanz zu Vereinsmeiereien und zur Fußball-Zentrale DFB, dessen Führung die Alternativkicker spätestens seit dem Empfang von Nazi-Kampfflieger Hans-Ulrich Rudel durch DFB-Präsident Hermann Neuberger 1978 bei der WM in Argentinien als reaktionären Funktionärsklub empfanden. Sportlich zeigte man überzogenem Leistungsdenken, taktischem Geschiebe und beinhartem Erfolgszwang die Rote Karte. Fußball sollte Spaß machen, weswegen man das offizielle Regelwerk aufweichte und ohne Schiedsrichter, mit gemischtgeschlechtlichen Teams und unbegrenztem Auswechselkontingent spielte.
          Viele Namen der "Buntligisten" sprechen Bände, nicht nur wenn "Wim kifft, Berti kokst" oder das "Iserlohner Friedensplenum" den Platz betreten. Die Kicker von "Dynamo Windrad" planten ursprünglich sogar, unter der Ägide des DFB zu kicken. Der allerdings lehnte, so Dynamo-Gründungsmitglied Detlef Hollo, "den Aufnahmeantrag ab, weil der Name zu sehr an die Gepflogenheiten des Ostblocks erinnerte".
          Ob in Kassel oder Freiburg, Bremen, Bielefeld oder Köln: Trotz anfänglicher, teils heftiger Animositäten durch DFB und Behörden gehört der Alternativfußball längst zum Erscheinungsbild vieler Städte und steht für eine Vielzahl kurioser Geschichten. Die Bunte Liga Aachen, mit 70 Teams, eigenem Sportplatz und rund 1300 Spielern die größte Deutschlands, feiert in diesem Jahr ihr 20jähriges Bestehen. Dort wurde mit "Villa Kunterbunt" eine Strafgefangenenmannschaft der Justizvollzugsanstalt in den Spielbetrieb integriert. Als gar das Buntliga-Team der Aachener Polizisten, die "Aachen Bulls", einmal zum Kicken in den Knast mußte, gab es ein brisantes Wiedersehen "alter Bekannter". Um für ihre Belange, vor allem für umfassendere Nutzung öffentlicher Sportplätze, zu werben, verpflichteten die Aachener 1992 sogar Papst Johannes Paul II. als Ehrenmitglied. Man schrieb den Heiligen Vater auf lateinisch an, beklagte die Transfersummen im Profifußball als "unchristlichen Ablöse-Menschenhandel" und bot, als Zeichen dafür, daß "auch oft für unüberbrückbar gehaltene ideologische Grenzen" überschritten werden können, dem päpstlichen Sportsfreund die Ehrenmitgliedschaft an.
          Subversivität gehört ebenso zum Credo des Alternativfußballs wie Selbstparodie. Längst hat man bei "Juventus Senile" die Zukunft des Alterns erkannt und jedem Spieler die Zahl seines Geburtsjahrgangs aufs Trikot gestanzt und gleich siebenmal die Rückennummer 57 verteilt. Der Alternativkick, allem voran sein jährlicher Höhepunkt, die Deutsche Alternative Fußballmeisterschaft (DAM), die dieser Tage in Bremen stattfindet, ist auch bei Prominenten beliebt. Grünen-Politiker wie Ludger Volmer und Rezzo Schlauch sind mit dem Bundestagsteam "Grüne Tulpe" schon mehrmals bei der DAM aufgelaufen und haben dort den Einklang von Ball- und Basisgefühlen entdeckt. Rezzo Schlauch: "Das Alternative der DAM ist eigentlich das Drumherum, also der Lebensstil. Es ist wie ein alternatives Familienfest."
          Dabeisein ist wirklich alles. Mit allem "Drumherum" wird auch die diesjährige deutsche Meisterschaft über die Bühne gehen. Mehr als 500 Männer und Frauen, Väter und Söhne, Mütter und Töchter sind der Einladung des Veranstalters und (noch) deutschen Meisters Roter Stern Bremen gefolgt und zur generationsübergreifenden Happy-Fußball-Hour angereist. Und wer weiß: Womöglich entwickeln die Kreativabteilungen der Teams wieder besonderen Spielwitz. So erklärte man bei der letzten Meisterschaft in Berlin den Mittelkreis zeitweise zur "Überflugverbotszone für den Ball". Damit vermied man das langweilige Spiel durch die Mitte. Begeistert trugen die Zuschauer ihre Bänke rund um den Anstoßpunkt: So viel Ballhöhe war nie! Bei aller Phantasie gibt es auch selbstkritische Töne. Wachsender Bürokratismus wird in einigen Ligen moniert, und vor allem junge Spieler sollen immer härter zur Sache gehen. Für Klaus Ebner von den Regensburger "Pi-ranhas" ist sogar der Alternativfußball selbst und damit auch die Meisterschaft in die Jahre gekommen: "Diese Alternativszene wie vor 20 Jahren gibt es in der breiten Gesellschaft so nicht mehr, und die gibt es auf dem Fußballfeld auch nicht mehr. Insofern hat das Ganze schon einen musealen Charakter."
          Dennoch werden auch diesmal wieder die vernarrten Ballgefühle einen Ausnahmezustand heraufbeschwören, wird sich das Museale vitalisieren. Spätestens wenn zwischen Rausch und Parodie alle Teams sangesstark zu Siegern erklärt und reichlich beschenkt werden, wird das Festzelt in ballverliebter Begeisterung um sich selbst kreisen. Bedenkenträger inklusive. Und jeder wird spüren: Dionysos, so heißt der wahre Fußballgott, nicht Jürgen Kohler.





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