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Herthas Europa-League-Gegner : Die Reizfigur Zorniger

Nicht mehr so angriffslustig wie früher: Alexander Zorniger Bild: Reuters

Alexander Zorniger scheiterte in Leipzig und Stuttgart auch am eigenen Charakter. Nun kehrt er als Trainer von Bröndby IF nach Deutschland zurück – und will in der Europa-League-Qualifikation bei Hertha BSC Berlin sein Image aufbessern.

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          Am Mittwoch ist der internationale Trainerkongress zu Ende gegangen. Eine Fachtagung, ausgerichtet vom Bund Deutscher Fußball-Lehrer in Fulda. Er richtet sich an ein Fachpublikum. Deswegen kann man davon ausgehen, dass über viele Dinge, die dort drei Tage besprochen wurden, nicht allzu viel an die Öffentlichkeit dringt. Zu speziell, zu fachlich. So sprach etwa Professor Hottenrott über Diagnostik, Prävention und Ernährung im Fußball. So führt die Aufnahme von Kohlenhydraten vor und während intensiver Belastungen zur Leistungssteigerung – und die parallele Einnahme von Koffein zu einer schnelleren Wirksamkeit der Kohlenhydrate und ihrer Verarbeitung. Die Leistungsernährung, so der Präsident der Deutschen Vereinigung der Sportwissenschaft, sollte daher eiweißangepasst, fettoptimiert und kohlenhydratangepasst sein.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Interessant war auch der Hinweis eines Referenten der gesetzlichen Unfallversicherung, wonach bei rund fünfzig Prozent der Verletzungen von Knie und Oberschenkel (den häufigsten Verletzungen im Fußball) der Einfluss des Gegners nur eine untergeordnete Rolle spielt. Und die meisten Verletzungen passieren in der Vorbereitungsphase im Juli und Januar – und nicht, wie oft behauptet und vermutet, zum Ende der Halbserien, wenn die Kräfte nachlassen. Das heißt: In der Prävention lässt sich eine Menge machen.

          Keine gute Zeit: Zorniger in Stuttgart

          Für größere Aufmerksamkeit als solche Detaildiskussionen sorgten Äußerungen von Horst Heldt, bis zuletzt Sportvorstand bei Schalke 04. Er sprach in Fulda in einer Runde über die gewachsene Bedeutung der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit von Trainern. Und kam dann auf Alexander Zorniger zu sprechen, den letztjährigen Trainer des VfB Stuttgart, der als Bundesliga-Neuling einen Dreijahresvertrag bekam und eine neue, erfolgreiche Spielweise schaffen sollte. Aber schon nach 146 Tagen endete seine Arbeit auf so spektakuläre Weise, dass er manchen in der Bundesliga als nicht mehr vermittelbar galt.

          „Zorniger hat alles falsch gemacht“

          „Zorniger hat gar nichts verstanden, unabhängig von seiner Qualität als Trainer. Er hat völlig versagt“, stellte Heldt auf der Trainertagung fest. „Er hat alles falsch gemacht, was man falsch machen kann, unabhängig vom System. Er ist von Egoismus geprägt und komplett gescheitert. Er hat Spieler öffentlich niedergemacht. Das geht gar nicht. Er hat Spieler kritisiert, die ihm mehrfach den Arsch gerettet haben.“ Am Tag darauf kritisierte der Vizepräsident der Fußball-Lehrervereinigung, Manfred Schaub, den Kritiker Heldt: „Da wird die Fairness mit Füßen getreten.“ Eintausend Fußballlehrer hätten tagelang den respektvollen Umgang mit Wissenschaftlern, Schiedsrichtern und Spielern gepflegt, und dann werde einer ihrer Kollegen öffentlich auf diese Weise beurteilt. „Diese Äußerungen zu Alexander Zorniger sind inakzeptabel, im Ergebnis aber auch ein Eigentor für Heldt.“ Der frühere Schalker hat das wohl eingesehen und sich, wie Zorniger berichtet, bei ihm entschuldigt.

          Auch in Leipzig musste er irgendwann wegen seiner eigenen Art gehen.

          Sicher ist: Selten hat es ein Trainer in so kurzer Zeit geschafft, eine solche Ablehnung in der Branche hervorzurufen wie Zorniger, der zuvor RB Leipzig aus der vierten in die zweite Liga geführt hatte. An diesem Donnerstag kehrt die Reizfigur zurück nach Deutschland. Im Hinspiel der dritten Runde der Qualifikation zur Europa League (20.15 Uhr/ live in Sport 1) tritt Zorniger als neuer Trainer von Bröndby IF bei Hertha BSC im Berliner Jahn-Sportpark an.

          Der Wechsel zum dänischen Traditionsklub war für den 48 Jahre alten Trainer ein Befreiungsschlag. Er kommt mit ersten zarten Erfolgen nach Berlin. In der Qualifikation setzte sich Bröndby schon gegen Valur Reykjavík und den FC Hibernian durch. Und nach zwei Spielen und zwei Siegen steht Zornigers Team in der dänischen Liga auf Platz zwei. In den Tagen vor seiner Rückkehr wollten einige Medien von ihm hören, dass er seine Fehler bereut. Dass er nicht mehr mit dem Kopf durch die Wand will. Dass er einen anderen Weg eingeschlagen habe. Aber Zorniger sagt das nicht.

          „Ich habe meine Erfahrungen gemacht“

          In seiner Stuttgarter Zeit hatte er sich bei Interviews stets selbstbewusst und angriffslustig gegeben. Auch als die Ergebnisse immer schlechter geworden waren. Nach 13 Spielen hatte der VfB nur zehn Punkte, dann musste er gehen. Zorniger wirkte auf viele wie ein Trainer, der glaubte, den Fußball besser als (fast) alle anderen durchschaut zu haben. Aber die Realität, die sich in Ergebnissen misst, sah anders aus. „Ich habe sicherlich meine Erfahrungen gemacht. Auch im Umgang mit den Medien. In vielen Bereichen würde ich es aber genauso wieder angehen“, sagte Zorniger ein paar Monate nach seinem Rauswurf. „Ich sage es in manchen Situationen einfach flapsig, so wie ich es denke. Da habe ich dann vielleicht nicht die Wortwahl, die ich haben würde, wenn ich schon zehn Jahre als Profi in dem Metier arbeiten würde.“ Ihm sei zu spät klar geworden, welche Explosionskraft die Aussagen eines Trainers haben können.

          Er werde sich künftig zurücknehmen, kündigte Zorniger an. Von der Art und Weise, wie er Fußball vermittelt – offensiv, schnell und aktiv –, ist er dagegen weiterhin völlig überzeugt. Die Bundesliga soll das schon in Berlin zu sehen bekommen. Und auch die Sache mit Heldt, so Zorniger, sei für ihn mit der Entschuldigung abgeschlossen. Man kann sagen: Ein Fortschritt.

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