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Schottische Wissenschaftler : Eine alarmierende Studie über Fußball und Alzheimer

  • -Aktualisiert am

Wenn es beim Fußball kracht, können die Folgen bisweilen schwerwiegend sein. Bild: Imago

Forscher zeigen, dass Fußballer deutlich häufiger an neurodegenerativen Erkrankungen sterben. Mit den Erkenntnissen dürften sie eine alte Debatte neu befeuern. Es gibt aber in der Studie auch gute Nachrichten für die Spieler.

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          Es sind Bilder, die wohl jedem Fußballfan bekannt sind: Spieler, die sich nach einem Zusammenstoß im Kopfballduell vor lauter Schmerzen auf dem Platz wälzen. Doch während für andere Kontaktsportarten die Gefährlichkeit von Kopfverletzungen durch Studien mittlerweile belegt ist, hatte der Fußball an dieser Stelle bisher einen blinden Fleck. Nun haben Forscher der Universität Glasgow und der Hampden Sports Clinic die Gesundheitshistorie von früheren Fußballprofis untersucht – und kommen zu einem alarmierenden Ergebnis.

          Wie die Wissenschaftler herausfanden, starben die untersuchten Profifußballer dreieinhalbmal häufiger an den Folgen neurodegenerativer Erkrankungen als Erwachsene in der Kontrollgruppe. Besonders Alzheimer stellt demnach ein großes Risiko für Fußballer dar, die Anzahl der Todesfälle, in denen die Erkrankung die primäre oder mitverantwortliche Todesursache war, lag bei den untersuchten Sportlern um ein Fünffaches höher als in der Vergleichsgruppe. Auch das Risiko an Parkinson zu erkranken, ist laut der Studie doppelt so hoch wie bei Nichtsportlern.

          Warum Fußballprofis häufiger an neurodegenerativen Erkrankungen leiden, lässt sich aus den Ergebnissen der am Montag veröffentlichten Studie allerdings nicht ableiten. Damit bleibt unklar, welche Rolle etwa Kopfbälle und Zusammenstöße spielen. Auch betonen die Forscher, dass sich die Erkenntnisse nicht auf Amateure übertragen ließen. Allerdings fanden die Wissenschaftler heraus, dass Feldspieler häufiger Medikamente zur Behandlung von Demenz verschrieben bekamen als dies bei Torhütern der Fall war. In ihrer Erhebung, die unter anderem vom englischen Fußballverband FA und der Spielervereinigung PFA finanziert wurde, verglichen die Forscher die Gesundheitsdaten von 7676 ehemaligen schottischen Profifußballern aus den Jahrgängen 1900 bis 1976 mit denen von 23.028 Nichtsportlern in vergleichbarem Alter und sozialem Status. Das Material für die Studie stammt von der schottischen Gesundheitsbehörde NHS.

          Mit ihren Erkenntnissen dürften die Forscher eine seit längerem im Fußball geführte Debatte neu befeuern. In besonderer Erinnerung ist hierzulande der Fall von Christoph Kramer, der im Finale der Weltmeisterschaft 2014 nach einem Zusammenstoß mit dem argentinischen Verteidiger Ezequiel Garay noch 15 Minuten auf dem Platz stand, und erst ausgewechselt wurde, nachdem er Schiedsrichter Nicola Rizzoli gefragt hatte, ob dies das Finale sei. Im Halbfinale der vergangenen Champions-League-Saison zwischen Tottenham Hotspur und Ajax Amsterdam wurde Spurs-Verteidiger Jan Vertonghen nach einer Kopfverletzung wieder auf den Platz geschickt, 30 Sekunden später verließ er ihn wieder – sichtlich angeschlagen und von zwei Betreuern gestützt.

          Insgesamt ist bei 6,4 Prozent der Verletzungen im Fußball der Kopf betroffen. Der nachlässige Umgang mit dieser Thematik wird auch von Sportmedizinern kritisiert: „Von dem Moment an, in dem ein Spieler eine Kopfverletzung erleidet, sollte er für mindestens 24 Stunden keinen Fußball spielen. Das muss im Fußball und allen Sportarten Standard sein“, sagte etwa der Mannschaftsarzt des Zweitligaklubs Arminia Bielefeld, Tim Niedergassel, der Deutschen Welle. Für Skepsis sorgt zudem, dass die Untersuchung vom Vereinsarzt durchgeführt wird. Dieser könne, so der Einwand, den sportlichen Wert des Spielers in seine Entscheidung über dessen Spielfähigkeit nach einer Verletzung einbeziehen. Kritiker fordern deshalb, dass die Untersuchung bei schwerwiegenden Vorfällen durch einen unabhängigen Arzt erfolgen soll, ähnlich wie es das „Concussion Protocol“ im American Football vorsieht.

          Auch gute Nachrichten für Fußballer

          Auch bei den Verbänden sieht man im Umgang mit Kopfverletzungen Handlungsbedarf. Der europäische Fußballverband rief im Rahmen einer Sensibilisierungskampagne den Weltverband und das für die Fußballregeln zuständige International Football Association Board (Ifab) dazu auf, entsprechende Regeländerungen zu erwägen. Auf der Ifab-Sitzung an diesem Mittwoch wurde unter anderem diskutiert, ob es künftig vorübergehende Auswechselungen geben soll, um dem Betreuerstab mehr Zeit zur Untersuchung der Spieler einzuräumen. Das technische Beratergremium des Ifab empfahl nach der Sitzung, eine Expertengruppe einzurichten, die sich künftig mit diesem Thema beschäftigen solle. Das Gremium sei übereingekommen, dass bei jedem Lösungsansatz sowohl das Wohl des Spielers als auch die sportliche Fairness berücksichtigt werden müssten, hieß es in einer Mitteilung am Mittwochabend.

          Der DFB hatte bereits zu Beginn der laufenden Saison die Klubs der ersten und zweiten Liga dazu verpflichtet, bei Kopfverletzungen ein sogenanntes „Baseline-Screening“ durchzuführen. Dabei wird die Sporttauglichkeit verletzter Spieler mit Daten abgeglichen, die vor der Saison erhoben wurden. Nur wenn diese übereinstimmen, darf der Spieler wieder eingesetzt werden.

          Für die Profifußballer hielt die Studie der schottischen Wissenschaftler indes auch eine gute Nachricht bereit. Insgesamt wurden die Profis im Schnitt über ein Jahr älter als Personen in der Bezugsgruppe. Auch das Risiko, an Herzkrankheiten oder Krebs zu sterben, ist bei Fußballern geringer. Den Grund hierfür sahen die Forscher in der vergleichsweise höheren körperlichen Aktivität, sowie im geringeren Anteil an Rauchern und Übergewichtigen unter Profisportlern.

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