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Al Ahly Kairo : Eine Tragödie als Antrieb

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Emotionaler Triumph: Al Ahly nach dem Gewinn der afrikanischen Champions League Bild: REUTERS

Al Ahly Kairo startet an diesem Sonntag nach der Stadionkatastrophe von Port Said ohne viel Spielpraxis bei der Klub-WM in Japan. Der Verein zeigt, wie sehr Politik, Religion und Fußball in Ägypten verknüpft sind.

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          Mohammed Abou Treika mochte gar nicht groß über den Spielverlauf sprechen. Der Spielgestalter von Al Ahly Kairo wollte zuletzt nach dem Final-Rückspiel der afrikanischen Champions League zwischen Esperance Tunis und seinem Klub vielmehr Folgendes loswerden: „Wir wollten den Sieg unbedingt, der Pokal gehört den Märtyrern von Port Said und ihren Familien.“

          Al Ahly hatte nach einem 1:1 im Hinspiel in Tunis mit 2:1 gewonnen und sich damit zum siebten Mal den wertvollsten Titel im afrikanischen Vereinsfußball gesichert. Der Verein darf deshalb den afrikanischen Fußball bei der Klub-WM des Internationalen Fußballverbandes (Fifa) in Japan vertreten - wo er sich schon für das Viertelfinale qualifiziert hat und am Sonntag (11.30 Uhr / MEZ) auf den japanischen Meister Sanfrecce Hiroshima treffen wird, der sich am Donnerstag gegen den Ozeanien-Meister Auckland City FC durchsetzte.

          Al Ahly beim Turnier in Japan - es ist eine Teilnahme mit dramatischer Vorgeschichte. Treikas Kommentar zeigte: Die Tragödie von Port Said, bei der im Februar während eines Fantumults beim Spiel zwischen Al Masri und Al Ahly 72 Anhänger des Kairoer Kult-Klubs starben, ist im ägyptischen Fußball allgegenwärtig. Seit diesem Drama ist die ägyptische Meisterschaft ausgesetzt. Spiele der Nationalmannschaft und Al Ahlys internationale Einsätze finden in kleinen Militärstadien unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Wann der nationale Fußballbetrieb in Ägypten wieder startet, ist noch offen. Die Verantwortlichen wollen kein Risiko eingehen.

          Sie haben Angst vor den „Ultras Al Ahlawy“, der mächtigen Ultra-Fangemeinschaft Al Ahlys. Und vor deren Drohung, die lautet: „Entweder Gerechtigkeit, oder noch mehr Blut.“ Für die Ultras ist es ausgemachte Sache, dass die Fankrawalle von Port Said ein Racheakt an ihrer Gemeinschaft waren. Während der ägyptischen Revolution gegen Hosni Mubarak und sein Regime waren Al Ahlys militante Anhänger womöglich der entscheidende Faktor auf dem Tahrir-Platz von Kairo. Mit ihrer Organisation und ihren in Fußballstadien erlernten Kampffähigkeiten gegen die Obrigkeit sollen sie es gewesen sein, die das Regime letztlich zu Fall brachten. Davon sind jedenfalls die meisten Ägypter überzeugt - und davon, dass sich Mubarak-Anhänger mit Hilfe der Polizei in Port Said an den Fans rächten. „Bevor die Verantwortlichen dieser Tragödie nicht zur Rechenschaft gezogen wurden, darf in Ägypten kein nationaler Fußball-Wettbewerb mehr stattfinden“, so die aktuelle Position der Ultras.

          Bei der Stadionkatastrophe von Port Said starben im Februar 72 Fans
          Bei der Stadionkatastrophe von Port Said starben im Februar 72 Fans : Bild: AFP

          Als der ägyptische Fußballverband im September versuchte, mit der Supercup-Partie zwischen Meister Al Ahly und Pokalsieger ENPPI einen ersten Schritt zurück in die Normalität zu finden, drohten die Ultras ganz offen mit Gewalt. Daraufhin wurde das Militärstadion von Alexandria mit rund 10.000 Soldaten besetzt, die das Spiel abschirmten. Mohammed Abou Treika fehlte auf dem Platz. Der bekannteste ägyptische Fußballspieler ist so etwas wie die Identifikationsfigur Al Ahlys, er hatte sich mit der Fangemeinde solidarisch erklärt und seinen Einsatz verweigert. 150 000 Euro Geldstrafe bekam er von seinem Klub aufgebrummt, er wurde zudem zwei Monate intern gesperrt.

          Abou Treika verdeutlicht womöglich wie kein Zweiter, wie eng Politik, Religion und Fußball in Ägypten miteinander verknüpft sind. Der intelligente 34-Jährige, der ein Philosophiestudium an der Kairoer Universität abgeschlossen hat, fürchtete sich noch nie davor, für seine Überzeugungen einzutreten. Als er zu Beginn seiner Karriere beim Zweitligaverein Tarasana als Leistungsträger einen höher dotierten Vertrag bekommen sollte, lehnte er ab. Er wollte genauso bezahlt werden wie seine Teamkollegen. Als er 2006 nach einem wichtigen Treffer den Preis für den „Mann des Spiels“ erhalten sollte, lehnte er ebenso ab. „Wir sollten endlich mit der Verehrung Einzelner aufhören. Fußball ist Mannschaftssport. Ohne das Team ist der Einzelne nichts“, sagte er.

          Die Ultras bei Al Ahly haben eine große Macht
          Die Ultras bei Al Ahly haben eine große Macht : Bild: dapd

          Groß war die Aufregung 2008, als Abou Treika beim Afrika-Cup in Ghana im Anschluss an ein Tor gegen den Sudan ein T-Shirt mit dem Schriftzug „Sympathize with Gaza“ präsentierte und so vor einem Millionenpublikum gegen die israelische Politik protestierte. Der afrikanische Fußballverband (Caf) verzichtete auf eine Bestrafung des ägyptischen Fußballidols - wohlwissend, auf welche Mine er mit einer solchen Sanktion möglicherweise hätte treten können. Rund 70 Prozent aller Ägypter sind Al-Ahly-Anhänger. Sie finanzieren ihren Klub durch teure Mitgliedschaften, und nutzen ihn über ihre Ultra-Gruppierung zur politischen Positionierung. Abou Treika, der trotz zahlreicher Angebote namhafter europäischer Großklubs Al Ahly stets die Treue hielt, ist ihr Idol.

          Bestraft man ihn, träfe man gleichzeitig einen Großteil der ägyptischen Bevölkerung. Mittlerweile ist Abou Treika im gesamten arabischen Fußball eine Ikone. Nicht nur in Palästina verkaufen sich T-Shirts mit seinem Konterfei nach wie vor glänzend. Abou Treika, der in der Nacht von Port Said einen sterbenden Fan in seinen Armen in die Al-Ahly-Kabine trug, erklärte nach diesem Ereignis seinen Rücktritt vom aktiven Fußball. Diesen Entschluss revidierte er wenig später und meinte überraschten Reportern gegenüber: „Ich hoffe, dass ich diese Tragödie niemals vergessen werde. Die Opfer werden immer bei uns sein, und ihr Schicksal wird uns zu großen Leistungen animieren.“

          Mohamed Abou Treika sympathisierte 2008 mit einem T-Shirt mit Gaza
          Mohamed Abou Treika sympathisierte 2008 mit einem T-Shirt mit Gaza : Bild: AFP

          Der Champions-League-Titel in Afrika und die damit verbundene Teilnahme an der Klub-WM ist zweifelsohne eine famose Leistung und spricht für die Professionalität des Klubs. Al Ahlys Spieler haben in den vergangenen Monaten allerdings kaum Spielpraxis bekommen, mussten Motivation und Fitness beinahe ausschließlich auf ihrem Trainingsgelände hochhalten. Neben Abou Treika, der seine interne Sperre abgesessen hat, sind Spielmacher Gedo und Kapitän Hossam Ghali die spielprägenden Figuren. Stärkster Trumpf des Teams sind aber Mannschaftsgeist und Durchsetzungswille seiner Spieler - die seit der Tragödie von Port Said noch viel stärker geworden sind.

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