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Afrika-Cup : Zwischen funkelnden Juwelen und pittoresken Klischees

Schöner kann man einen Pokal nicht präsentieren Bild: AFP

Afrikas Fußball galt immer als schön. Beim Afrika-Cup kam defensive Disziplin hinzu - auch wenn Ägypten das Finale nach einem groben Abwehrschnitzer gewann. Nur die Turnier-Organisation entsprach den Klischees vom unzähmbaren Schwarzafrika.

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          Schön war Afrikas Fußball schon immer. Nun ist er auch noch vernünftig geworden. Und beides passt zusammen, das ist das Fazit des 26. Afrika-Cups. „Nach dem Turnier werden die Leute Afrikas Fußball in einem ganz anderen Licht sehen“, so hatte Lee Rosenior, ein früherer Premier-League-Profi und Nationalspieler aus Sierra Leone, vorhergesagt und sich damit als Prophet erwiesen: „Sie werden sehen, wie gut afrikanische Spieler sind, dass sie diszipliniert sind und Verantwortung übernehmen können.“

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Das dreiwöchige Turnier in Ghana, das am Sonntag mit dem 1:0-Sieg von Titelverteidiger Ägypten gegen Kamerun zu Ende ging, hat mit vielen guten Spielen, exakt hundert, zum Teil bildschönen Toren und vor allem einer neuen, durchgängig hohen defensiven Disziplin einen großen Sprung nach vorn gemacht.

          „Heute kennst du sogar die Spieler auf der Bank“

          Allerdings führte ausgerechnet ein grober Schnitzer des Kameruners Rigobert Song, der den Ball gegen Mohamed Zidan vertändelte, zum einzigen Tor des Endspiels. Der für den Hamburger SV spielende, eingewechselte Stürmer spitzelte den Ball zu Mohamed Aboutrika, der in der 77. Minute unbedrängt einschoss.

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          Afrika-Cup : Zwischen funkelnden Juwelen und pittoresken Klischees

          Es zeigte sich, dass Afrikas Fußball durch Hunderte in Europa ausgebildete und beschäftigte Profis zwar europäisiert worden ist, dabei aber einen eigenen Charakter bewahren konnte. Für die WM 2010, so die Lektion, sollten Gegner aus Europa oder Südamerika nicht mehr darauf bauen, dass die Afrikaner ihnen wie früher Geschenke machen. „Der Afrika-Cup ist jetzt auf einem Level mit Südamerika- und Europameisterschaft“, urteilte Frank Arnesen, Sportdirektor des englischen Topklubs FC Chelsea, der gleich zwei Scouts nach Ghana geschickt hatte. Es gehe nicht mehr darum, unbekannte Spieler zu entdecken, sondern bekannte im Auge zu behalten. „Vor zehn oder fünfzehn Jahren kannte man nur ein paar Spieler aus jeder Elf. Heute kennst du sogar die auf der Bank.“

          Die neuen funkelnden Juwelen des Afrika-Cups

          Eine Wundertüte ist der Afrika-Cup schon lange nicht mehr, aber ein paar funkelnde Juwelen sind immer noch drin für die, die genau hinschauen. Spieler zum Staunen: wie Guineas genialischer Spielmacher Pascale Feindouno vom AS St. Etienne; wie Mohamed Aboutrika, der manchmal wie ein ägyptischer Vetter des großen Zidane wirkt (und noch in Kairo spielt); wie der 21 Jahre alte Anthony Annan, in Norwegen unter Vertrag und im defensiven Mittelfeld der Ghanaer eine der Entdeckungen des Turniers (Landsmann Michael Essien hat ihn prompt bei seinem Klub FC Chelsea empfohlen).

          Wie auch sein Mannschaftskollege Junior Agogo, ein wuchtiger Angreifer, der in England in der zweiten Liga in Nottingham spielt, dort aber nun wohl nicht mehr lange bleiben dürfte. Oder wie der famose Angolaner Manucho, bei dem alle, die sein Können erst durch die Traumtore gegen Südafrika und Ägypten entdeckt haben, zu spät kommen - kurz vor dem Turnier hatte ihn Manchester United unter Vertrag genommen.

          HSV plant strategisches Engagement in Afrika

          Nie war Afrikas Fußball so gefragt. Frankreichs Liga stellte wie immer den größten Anteil an Spielern, aber auch die Premier League hat den Kontinent entdeckt: Gerade acht Profis beim Afrika-Cup 2002 verdienten ihr Geld in England, 2008 waren es schon 35. Die Bundesliga steht ein wenig hinten an. Aber immerhin war es ein deutscher Klub, der als einziger schon vor dem Endspiel wusste, dass er am Dienstag einen heimkehrenden Afrika-Champion begrüßen darf: der Hamburger SV. Er war mit dem Ägypter Mohamed Zidan und dem Kameruner Timothée Atouba bei beiden Finalisten vertreten.

          Als erster deutscher Klub denkt der HSV auch an ein strategisches Engagement in Afrika. Für Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer war der frühere Profi Jens Todt wochenlang in Westafrika unterwegs. Nach dessen Bericht soll entschieden werden, ob der HSV dort eine Fußballschule gründen oder mit einem bestehenden Klub oder Projekt kooperieren wird. Beiersdorfers Ziel: „Einen Fuß in die Tür stellen“ - eine Tür, durch die andere, vor allem aus früheren Kolonialmächten, schon längst gegangen sind.

          Afrika-Cup - ein Turnier mit lauter Gewinnern

          So gut die Organisation des Spiels in afrikanischen Teams geworden ist, so sehr entsprach die Organisation des Turniers immer wieder den pittoresken Klischees vom unzähmbaren Schwarzafrika - in dem aber wie durch das übliche Wunder auch das größte Chaos die ansteckend lebensfrohe Stimmung der Menschen (und ihrer Besucher) nicht verderben konnte. Es gab einen Platzwart, der den Rasen vor dem ersten Spiel nicht mähte, weil er schon für die Eröffnungsfeier abgedeckt war. Und ihn dann nicht wässerte, weil schon die Kapelle kam. Bei einem Spiel gab es einen Stromausfall, bei einem anderen eine stinkende, ölige Qualmwolke, die über das Stadion fiel.

          Und die Auszeichnung für den „Man of the Match“ (üblicherweise einer aus dem Siegerteam) und für den „fairsten Spieler“ (einer von den Verlierern) wurde dann doch einmal lustig: als nämlich in Folge einer absurden Verwechslung der zweifache Kameruner Torschütze Job den Fairplay-Preis erhielt und dafür der Kollege Felix Katongo aus Sambia als „Man of the Match“, als überragender Mann auf dem Platz, geehrt wurde - nachdem sein Team gerade 1:5 verloren hatte. Katongos Blick, als er die klobige Trophäe erhielt, war unvergesslich: Er sah sie an wie einer, der sechs Richtige im Lotto hat, obwohl er gar keinen Schein abgab. Typisch Afrika-Cup: ein Turnier mit lauter Gewinnern - auch solchen, die gar nicht damit rechneten.

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