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Afrika-Cup : Vogts helfen nur noch „die Elfenbeinküste und Gott“

„Danke für diese arrogante Frage”: Berti Vogts hat es nicht leicht in Nigeria Bild: AP

Der Afrika-Cup gilt als größte Trainer-Abschussrampe der Fußball-Welt. Nach dem 0:0 gegen Mali steht Berti Vogts als Coach Nigerias vor dem frühen Aus. Nun liegt sein Schicksal auch in der Hand eines deutschen Kollegen.

          3 Min.

          Diesmal saß Berti Vogts hinter Gittern, hinterher führte ihn die Polizei ab. Nein, es geht nicht um einen Ganoven, sondern um einen unbescholtenen Fußballtrainer – ein Job, in dem man allerdings auch ohne Straftat ständig unter Anklage stehen kann.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Die Gitter im Presseraum, zwei Metallbarrieren wie auf einer Baustelle, waren eine Reaktion auf die Tumulte nach der Auftaktniederlage Nigerias gegen die Elfenbeinküste beim Afrika-Cup in Ghana – damals war die Pressekonferenz beinahe in einen körperlichen Nahkampf ausgeartet. Nach dem 0:0 gegen Mali, nach dem Vogts’ Team knapp vor dem Aus steht, blieben Nigerias Trainer und Nigerias Journalisten auf jeweils ihrer Seite der Barriere. Doch die Feindseligkeiten flogen hin und her wie Bälle über ein Tennisnetz.

          „Ich weiß, dass Mali ein sehr gutes Team ist“

          Was schiefgegangen sei? „Danke für diese arrogante Frage“, antwortete Vogts gleich mit pampiger Ironie, „ich weiß, dass Mali ein sehr gutes Team ist. Nur Sie wissen es nicht.“ Die Frage, ob er bei einem Aus in der Vorrunde zurücktrete, missverstand Vogts, beantwortete eine ganz andere, gab erst nach Insistieren die ausweichende Bemerkung ab, er habe „einen Vertrag bis 2010“. Und startete die Konterattacke: „Wenn ich nach Deutschland zurückfliege, werde ich mir über viele Dinge Gedanken machen. Auch über Sie.“ Nein, Freunde dürfte sich der Niederrheiner in Nigeria nicht mehr viele machen.

          Dem Gau, dem Aus schon nach dem zweiten Spiel, entkam Vogts zwar, weil der überragende Seydou Keita sechs Minuten vor Schluss nur die Latte traf. Doch selbst bei einem Sieg gegen Benin am Dienstag wäre Nigeria draußen, sollte die starke Defensive von Mali auch im dritten Spiel halten. Da die Elfenbeinküste nach dem 4:1 gegen Benin schon fürs Viertelfinale qualifiziert ist und wohl viele Stars schonen wird, dürfte die Aufgabe lösbar sein. „Wir haben nur eine Hoffnung“, sagte Vogts und verzählte sich leicht: „Die Elfenbeinküste und Gott.“

          „Sie probierten jeden Angreifer, den sie hatten“

          Es wäre nicht das erste Mal, dass zwei Teams sich intuitiv auf ein Resultat einigen, das beiden hilft: ein Remis in diesem Fall, mit dem Mali weiter wäre, die Elfenbeinküste Gruppensieger – und Nigeria ein Notfall. Seit vielen Jahren war das spielerische Niveau der einstigen afrikanischen Fußballmacht nicht mehr so dürftig. Vom tänzerischen Spiel, den magischen Momenten der Vorgänger oder gar dem Witz eines Okocha ist man weit entfernt. Vogts probierte es mit einem offensiven Overkill. Doch vier Stürmer machten noch keinen Sturm.

          „Sie probierten jeden Angreifer, den sie hatten“, freute sich Jean-François Jodar, Trainer von Mali. „Es hat ihnen nichts genutzt.“ Vogts fand sein Team „sehr schwach in der Vorwärtsbewegung“. Es gab kaum Kombinationen aus dem Mittelfeld. Daniel Amokachi, einer der Stars aus Nigerias WM-Team von 1994, vermisst noch etwas. Er glaubt, dass die Profis sich nicht verletzen wollten und deshalb kaum den Einsatz zeigten wie für ihre Klubs in Europa. „Wenn sie nur 65 bis 70 Prozent davon brächten, käme Nigeria bis ins Finale.“ Eine Aussage, hinter der Vogts „nigerianische Überheblichkeit“ sieht.

          In Nigeria findet Vogts keine Fürsprecher mehr

          Vielleicht ist es sein Pech, immer in Länder zu kommen, die einmal groß waren und sich immer noch so fühlen, Länder, in denen die Erwartung hoch geblieben, der Standard aber längst gesunken ist – ob in Deutschland in den letzten Jahren seiner Amtszeit bis 1998, ob in Schottland, ob nun in Nigeria.

          In Schottland gilt die „Vogts-Ära“ als Tiefpunkt der Fußballgeschichte, dabei erinnerte Torwart Craig Gordon nach den zwei Siegen in der WM-Qualifikation gegen Frankreich daran, dass es Vogts war, der das heutige Erfolgsteam formte. Dass er in Nigeria ähnliche Fürsprecher findet, ist unwahrscheinlich. Der Grundton vieler Meinungsmacher ihm gegenüber ist ruppig, aggressiv, mitunter fast erpresserisch. Am Ende verließ Vogts den Pressebereich mit Polizeigeleit.

          „Angst habe ich nur vor Flugzeugabstürzen“

          Nun liegt sein Schicksal auch in der Hand eines deutschen Kollegen, der nach stillen Trainerjahren in Kenia, Zimbabwe oder Barbados auf einen Schlag Schlagzeilen macht. Reinhard Fabisch, seit fünf Wochen Trainer in Benin, warf erst den Mittelfeldstar aus disziplinarischen Gründen aus dem Team, worauf ein Nervenkrieg mit Fans und Funktionären einsetzte. Dann meldete er einen Bestechungsversuch durch einen asiatischen Wettvertreter vor dem Auftaktspiel. Nun kann er mit Benin auch noch den berühmten Landsmann aus dem Turnier und vielleicht aus dem Amt befördern.

          Natürlich wurde auch Fabisch, wie praktisch jeder, der verloren hat beim Afrika-Cup, der größten Trainerabschussrampe der Welt, gefragt, ob er Angst habe, seinen Job zu verlieren. „Angst“, sagte er, „habe ich nur vor solchen Dingen wie Flugzeugabstürzen.“ Nicht ohne Grund. Die Anreise zum Turnier musste das Team, nachdem der Verband sich mit den Linienflügen aus dem Trainingslager vertan hatte, mit einer klapprigen Militärmaschine absolvieren. Es gibt schlimmere Abstürze als die aus einem Trainersessel.

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