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Afrika-Cup : Berti Vogts out of Africa?

  • -Aktualisiert am

Hilflos: Vogts-Team konnte Überzahl nicht ausspielen Bild: AP

Das Ausscheiden Nigerias beim Afrika-Cup war für Berti Vogts wohl gleichbedeutend mit seiner Entlassung. Im Viertelfinale verloren die „Super Eagles“ gegen Ghana mit 1:2. Dabei waren sie in Führung gegangen und spielten eine halbe Stunde in Überzahl.

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          Out of Africa? Berti Vogts „jenseits von Afrika“ nach dem Ausscheiden Nigerias im Viertelfinale des Afrika-Cups der Nationen? Die Frage stellt sich von selbst. Afrikanische Verbandspotentaten pflegen auf das Scheitern ihrer Fußball-Nationalmannschaften meist mit der Entlassung des Trainers zu reagieren. Der ehemalige Bundestrainer stellt sich nach der 1:2-Niederlage Nigerias gegen Ghana aber auch selbst die Frage, ob er überhaupt noch nigerianischer Nationaltrainer bleiben will.

          „Wir werden uns zusammensetzen. Dann überlege ich. Dann sehen wir weiter“, sagte der 61 Jahre alte Vogts unmittelbar nach dem Ausscheiden am Sonntagabend. „Ich entscheide“, hob Vogts hervor und wirkte dabei entspannt, selbstbewusst und alles andere als niedergeschlagen. Sein Vertrag immerhin läuft bis zur Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika.

          „Spieler können erhobenen Hauptes gehen“

          Berti Vogts scheint zwischen der wahren Freude an der jungen Mannschaft und der demütigenden Behandlung durch Umfeld und Öffentlichkeit hin- und hergerissen. „Die Spieler können erhobenen Hauptes dieses Turnier verlassen“, sagte der deutsche Coach auf einer diesmal anders als sonst geordneten Pressekonferenz. Es habe sich gezeigt, dass Ghana als Teilnehmer der vergangenen Weltmeisterschaft, zumal vor dem enthusiastischen heimischen Publikum, die weitaus erfahrenere Mannschaft sei. Dabei hatte Vogts‘ Dreh- und Angelpunkt im Mittelfeld, John Obi Mikel, gerade mal zwanzig Jahre alt, seinen Gegenpart und Klubkameraden beim FC Chelsea, Michael Essien, weitgehend aus dem Spiel genommen.

          Sieht sich als Medien-Opfer: Berti Vogts

          Fünf Minuten vor Schluss musste Vogts ausgerechnet seinen besten Spieler auswechseln, da Mikel nach einem Ellenbogenschlag ins Gesicht nichts mehr sehen konnte. Damit fehlte der wichtigste Mann in der Schlussoffensive, um das zwei Minuten zuvor von Manuel Junior Agogo (Nottingham Forest) erzielte Führungstor Ghanas noch auszugleichen. Es war ein spannendes, ja dramatisches, episches Kampfspiel zweier gleichwertiger Mannschaften auf bestem europäischen Niveau. Kein Wunder, spielen doch alle Ghanaer und Nigerianer in Europa, davon ein Dutzend allein in der Premier League.

          Wir dürfen unser Land nicht enttäuschen

          Nigeria ging durch einen von Ayegbeni Yakubu (FC Everton) an ihm selbst verursachten Foulelfmeter in Führung (34.Minute). Sekunden vor dem Abpfiff der ersten Halbzeit gelang Ghanas Superstar Essien mit einem Kopfball an den Innenpfosten der Ausgleich. Die rot-gelb-grüne Geräuschkulisse, ein permanentes Summen und Trommeln von 40 000 Zuschauern, explodierte zu einem Aufschrei. Dann Stille und lähmendes Entsetzen, als Ghanas Kapitän John Mensah (Stade Rennes) den pfeilschnellen Dribbler Peter Odemwingie (seine Mutter ist Russin) von Lokomotive Moskau nur noch per „Notbremse“ stoppen konnte. Der algerische Schiedsrichter Mohamed Benouza zog sofort die Rote Karte (60.). „Uli, mir wäre es lieber gewesen, Peter hätte das Tor gemacht und Mensah wäre im Spiel geblieben“, sagte in diesem Moment Vogts zu Stein, dem Torwarttrainer.

          Der Cheftrainer ahnte, was erfahrungsgemäß bei Unterzahl des Gegners kommen würde: Zehn Ghanaer, angetrieben von einem fanatischen Publikum, würden über sich hinauswachsen. Essien übernahm Mensahs Rolle als Abwehrchef, und Sully Ali Muntari (FC Portsmouth) wurde zum unermüdlichen Antreiber. „Ich habe mir gesagt: Wir dürfen nicht ausscheiden und unser Land nicht enttäuschen“, berichtete später der 23 Jahre alte „man of the match“. „Ich musste für drei spielen, und das habe ich getan.“ Trainer Claude Le Roy pries Muntari: „Er war von nun an der Boss im Mittelfeld, einfach phantastisch.“ Der Franzose sprach von „Teufeln“, zu denen seine Spieler nach der Roten Karte geworden seien. Der Gastgeber des African Cup habe zwar stets einen Vorteil. „Dennoch hätten wir in der Verlängerung verloren.“

          Nigerias Mannschaft ist noch nicht soweit

          Denn die im Alten Kontinent spielenden Profis des Schwarzen Kontinents sind an die tropischen Temperaturen ihrer Heimat nicht mehr gewöhnt und waren gegen Ende entsprechend erschöpft. Der stärkere Wille der Ghanaer entschied - und die kluge Einwechslung Le Roys, für die letzte Viertelstunde den trickreichen, schnellen Haminu Draman (Dynamo Moskau) auf der anfälligen rechten Seite Nigerias einzuwechseln. Der Neue spielte denn auch den schwachen Obinna Nwaneri (FC Sion) aus und bereitete den Siegtreffer (83.) von Junior Agogo vor. Vogts sagte: „Ich wusste von Anfang an, dass wir auf der rechten Seite Probleme haben würden. Von rechts sind denn auch alle drei Tore in diesem Turnier eingeleitet worden.“ Der rechte Verteidiger der Viererkette, Nwaneri, spielt ja auch nicht in England, sondern in der Schweiz.

          Die beiden routinierten WM-Teilnehmer Ghana und die Elfenbeinküste mit Angreifer Didier Drogba vom FC Chelsea an der Spitze, der die „Elefanten“ zu einem 5:0-Triumph über Guinea im zweiten Viertelfinalspiel in Sekondi führte, dürften die ersten afrikanischen Herausforderer der etablierten Fußballmächte aus Europa und Südamerika bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika sein - überzeugend wie diese beiden Mannschaften beim Afrika-Cup bisher auftraten. Nigerias junge, unerfahrene Mannschaft ist noch nicht soweit. Ob sie Berti Vogts bis dahin weiterentwickeln kann, darf oder will, ist völlig offen.

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