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Ältester Fußballverein Deutschlands : Die Kicker von Tempelhof

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Und am 15. April 1888 gründete der 17 Jahre alte Paul Jestram den BFC Germania. Ein Jahr später entstand Viktoria 89, noch heute einer der Rivalen der Germania in Tempelhof. Auch Viktoria unternahm seine ersten Gehversuche auf dem Tempelhofer Feld. Ein Derby gegen den alten Kontrahenten ist in weite Ferne gerückt, erzählt der Kapitän der aktuellen ersten Mannschaft von Germania, Patrick Hanschmann. Während Viktoria 2011 Berliner Meister wurde und sich bis in die Oberliga Nordost hochgearbeitet hat, steht Germania fünf Klassen tiefer in der Kreisliga B  - auf Rang 13.

„Dit kam für uns nich’ in Frage“

Seit 95 Jahren spielt Germania nicht mehr erstklassig. Doch um hochklassigen Spitzensport geht es bei Germania auch nicht, sagt Hanschmann. Hier gehe es ausschließlich um Fußball als Freizeitsport. „Die Jungs, die hier zum Training kommen, sind richtig heiß.“ Neun Kicker haben sich zum Training eingefunden - der Trainer fehlt, weil er Spätschicht hat. Die Kicker müssen auf einer Schneelandschaft trainieren, die Profikicker aus Verletzungssorgen vermutlich gar nicht erst betreten würden. Hanschmann dagegen sagt: „Schnee? Das macht doch voll Bock!“ Lust haben die Freizeitsportler natürlich auch auf Erfolg – die ruhmreichen Tage des Vereins liegen schon weit zurück: Gleich in den Jahren 1890 und 1891 feierte der BFC nach eigenen Angaben zwei deutsche Meisterschaften. Weil das vor der Zeit des DFB war, tauchen diese Titel nicht in der deutschen Fußballchronik auf. Beim ersten offiziellen Länderspiel einer DFB-Elf im Jahr 1908 stand ein Germane im Tor: Fritz Baumgarten.

An den kann sich der 76 Jahre alte Dieter Kähne zwar nicht erinnern. Dennoch hat er ziemlich genau die Hälfte der Vereinsgeschichte miterlebt - Vereinsmitglied ist er seit 63, seine Frau Margot seit 58 Jahren. 1953 sei er mit Germania in die Amateurliga aufgestiegen. Sein größter sportlicher Erfolg, erzählt Kähne. „Wir haben so eine große Germania gehabt“, schildert er. Auch durch viele schwierige Phasen sei der Verein gegangen. Um die Jahrtausendwende wollte ein Präsident den Fußball-Klub mit einem anderen Verein fusionieren lassen. „Dit kam für uns nich’ in Frage.“ Noch heute, trotz des Alters und dreier Bypässe, reist Dieter Kähne mit seiner Ehefrau den Germanen zu den Auswärtsspielen hinterher – wie früher. „Dit war damals eine richtige Familie hier bei Germania.“

Fußballer aus dem vergangenen Jahrhundert: die Mannschaft des BFC von 1891 Bilderstrecke

Fans kommen heute nicht viele, auf den drei Tribünenstufen in Tempelhof versammeln sich im Schnitt nur zehn bis 30 Zuschauer. Sponsorengelder sucht man bei Germania meist vergebens: Neben der Germania-Flagge hängen nur sechs meist verblichene Werbebanner. In Berlin ist die Germania recht unbekannt, für Schlagzeilen sorgen die Hertha, Union und der Berliner AK. Auch der bislang erfolgloseste Bundesliga-Klub, Tasmania, stammt aus der Hauptstadt. Bekannter will Germania nun werden, nachdem sie auf der Berliner Fußballroute verewigt wurden. Auf dieser Fahrradstrecke quer durch die Hauptstadt können Sportfreunde 40 fußballgeschichtlich wichtige Orte Berlins kennenlernen. Dass man als Fußballfan auf dieser Route den ältesten existierenden Verein in Berlin antrifft und nicht den Umweg über Hamburg machen muss, darüber entscheiden gerade einmal sechs Wochen: Der Hamburger SV, ein Gründungsmitglied der Bundesliga, hat zwar schon im September 2012 sein 125-jähriges Jubiläum gefeiert. Tatsächlich steht in der HSV-Satzung ein früheres Gründungsdatum als bei der Germania: der 29. September 1887.

Eineinhalb Monate früher als der HSV

Aber bei der Gründung begannen die Mitglieder eines Vorgängervereins mit dem Namen SC Germania 87 nicht sofort, mit Bällen auf Tore zu schießen, erzählt der Leiter des HSV-Museums in Hamburg, Dirk Mansen. Stattdessen turnten sie und betrieben Leichtathletik. „Der HFC, ein weiterer unser VorgängerKlubs, trug sein erstes Spiel am 1. Juni 1888 aus. Die Berliner sind also netto eineinhalb Monate vorher gestartet“, sagt Mansen. Und mit hanseatischer Nüchternheit fügt er hinzu: „Ist halt so.“ Den Titel des ältesten existierenden Vereins wollte sich der Bundesliga-Dino aus Hamburg zur Bundesliga-Gründung angeblich „unter den Nagel reißen“, meint Germania-Chef Kraschewski. 1963, als Kraschewski mehrere Klassen darunter in der Germania-Jugend seine ersten Tore schoss, soll beim DFB ein Schreiben eingegangen sein. Der HSV wollte damals angeblich in seinem Briefkopf stehen haben, dass er der älteste deutsche Verein ist. „Da kam vom DFB die Antwort: Is’ nich’, da jibt es noch diesen kleenen Berliner Verein.“ Stattdessen hängt nun in Berlin-Tempelhof eine Flagge mit der Aufschrift: „Der älteste Fußball-Klub Deutschlands begrüßt seine Gäste.“

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