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AEK Athen : Sanierung auf griechische Art

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Drama um einen Klub: Bei AEK Athen ist nicht nur die Anzeigetafel etwas mystisch Bild: imago sportfotodienst

Zweifelhafte Kontakte, staatliche Protektion und Einschüchterung: Ein Ölmilliardär will den in die dritte Liga abgerutschten und verschuldeten Traditionsklub AEK Athen wieder zu einer großen Nummer machen. In Griechenland scheint alles beim Alten zu bleiben - auch im Fußball.

          „Kali mera, Leonidas. Hast du noch eine ,Ora gia Sport‘?“ Der freundliche Zeitungshändler um die Ecke muss sich erst einmal bücken. „Hier, das ist das letzte Exemplar.“ Elf Sporttageszeitungen gab es allein in der Vier-Millionen-Metropole Athen - vor der verheerenden Wirtschaftskrise in Griechenland. Immerhin: Aktuell erscheinen in der griechischen Hauptstadt täglich noch neun Sportblätter. Unverblümt steht das Gros den drei populärsten Fußball-Klubs - ob Olympiakos Piräus, Panathinaikos oder AEK Athen - nahe. Erkennen kann dies der Leser an den knalligen Farben der Titelseiten. Das ist auch bei „Ora gia Sport“ so. Gelb und Schwarz, die Vereinsfarben von AEK Athen, dominieren die Gazette. Ein bestimmtes Foto darf auch diesmal auf keinen Fall fehlen. Viele Male prangte es in den vorigen Wochen an gleicher Stelle: das Porträt von Dimitris Melissanidis, seit Juni finanzkräftiger AEK-Klubchef. Wieder einmal.

          Sportlich schlage nun „die Stunde null“, lässt der Klub in diesen Tagen verlauten. AEK Athen, elf Mal Meister, 14 Mal Pokalsieger, oft vertreten im Europapokal, landesweit 1,5 Millionen Anhänger, trat zur Saisonpremiere bei Mandraikos an. Mandraikos? Auch im fußballverrückten Hellas kennt den Verein aus dem Athener Westen kaum einer. Kein Wunder. Die Mandraikos-Kicker gehen in der dritten Liga auf Torejagd, seit dieser Saison eine aus sechs Gruppen mit insgesamt 92 Vereinen bestehende Amateurliga.

          Nachdem zum Ausklang der vorigen Spielzeit der erstmalige AEK-Abstieg in die zweite Liga „das schwärzeste Kapitel der Klubgeschichte“ markierte, fassten die Klubverantwortlichen einen radikalen Entschluss: die sofortige Insolvenz und der schmerzliche Gang in die dritte Liga. Nur so könne sich AEK, so die Begründung, kurzerhand fast der Hälfte seiner Schulden von knapp vierzig Millionen Euro entledigen. Nun werde auch die sportliche „Wiedergeburt“ von AEK ihren Anfang nehmen. Melissanidis und seine Getreuen sind zuversichtlich.

          AEK habe ein Gesetz ausgenutzt

          Schon 2004, als Griechenland unter Trainer-Denkmal Otto Rehhagel sensationell Europameister wurde, stand AEK vor dem Ruin. Sagenhafte 165 Millionen Euro Schulden plagten AEK, Griechenlands unangefochtenen „Schuldenkönig“. Was folgte, war eine Sanierung auf Griechisch. Laut einem damals verkündeten Gerichtsurteil wurden der Fußball-Kapitalgesellschaft AEK Athen 95 Prozent ihrer Schulden gestrichen - dank des Artikels 44 des Gesetzes zur sogenannten Modernisierung von Aktiengesellschaften. „Über allem steht die Modernisierung der Firma zugunsten der Gläubiger, der Arbeitnehmer, der Gesellschaft und der nationalen Ökonomie“, hieß es in der Urteilsbegründung.

          Große Pläne: Der neue starke Mann im Klub heißt Dimitri Melissanidis

          AEK habe ein Gesetz ausgenutzt, das für etwas anderes gedacht war, monierten zwar die Kritiker. Dennoch: Die Investorengruppe um den früheren Europameister Demis Nikolaidis feierten die AEK-Fans als Retter des hellenischen Traditionsklubs. AEK hatte sich 147,5 Millionen Euro Schulden einschließlich Zinsen und Strafgebühren entledigt - auf einen Schlag. Kaum dem Bankrott entkommen, träumte AEK-Boss Nikolaidis von einem neuen Stadion und beantragte gar die Aufnahme in die G-14-Gruppe von Europas Elite-Klubs. AEK Athen wollte zu den ganz Großen gehören.

          Krise stört Melissanidis kaum

          Daraus wurde nichts. Auch auf ein eigenes Stadion warten die AEK-Fans immer noch vergeblich. In der vorigen Saison erfolgte dann das, was für AEK völlig undenkbar schien: der totale Absturz. Das Ruder übernahm der „Tiger“, wie die AEK-Anhänger ihn liebevoll nennen: Dimitris Melissanidis. Er ist 61 Jahre alt, bullig, breites Lachen, laut Forbes-Liste 2011 auf Rang 211 der reichsten Menschen der Welt, ein Selfmademann. Im armen westlichen Athener Westen geboren, begann er, als Fahrlehrer seine Brötchen zu verdienen. Mit einem geliehenen Mini Cooper gründete der umtriebige Grieche eine eigene Fahrschule. Heute steht Melissanidis an der Spitze eines global agierenden Treibstoff- und Öllieferanten für Handels- und Kreuzfahrtschiffe, betreibt ein Netz von 500 Tankstellen in Griechenland und entfaltet ferner im Baugewerbe Aktivitäten.

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