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Ägypten besiegt Italien : Leuchtsignal für die Mumien - und für Afrika

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Vincenzo Iaquinta am Boden: Italien muss nun wohl gegen Brasilien gewinnen Bild: AFP

Ägypten besiegt beim Confed-Cup den in die Jahre gekommenen Weltmeister Italien 1:0 und sorgt für einen Begeisterungstaumel in der Heimat. Die Azzurri bangen nun - aber auch bei den Afrikanern wurde die Stimmung erheblich gedämpft.

          Die Siegesparty hätte bei einem Triumph von Bafana Bafana nicht schöner sein können. Doch diesmal feierten 52 000 Zuschauer im Johannesburger Ellis-Park-Stadion nicht die südafrikanische Fußball-Nationalmannschaft, sie ließen die „Pharaonen“ mit infernalischem Vuvuzela-Lärm hochleben. „Es war ein Gefühl, als ob wir zu Hause gespielt hätten“, sagte der mit einer Oberschenkelverletzung früh ausgeschiedene Dortmunder Bundesligaprofi Mohamed Zidan. Ägypten hat am Donnerstagabend das erste staunenswerte Kunststück bei diesem Confederations Cup im Land des kommenden Weltmeisterschafts-Gastgebers vollbracht und niemand anderen als den Weltmeister Italien beim 1:0 in die Schranken gewiesen.

          Verdutzt und konsterniert reagierten die Italiener auf ihre erste Niederlage nach 14 Erfolgen gegen den derzeitigen Afrikameister. Das 1:0 von Johannesburg durch einen Kopfballtreffer von Mohamed Homos in der 40. Minute hatte zwar auch mit etwas Glück und der zupackenden Hilfe des überragenden Torhüters Essam El-Hadary zu tun, doch wurden am Ende auch das taktische Geschick, die technische Qualität und der unermüdliche Kampfgeist des Afrikameisters angemessen belohnt.

          Auf jeden Fall wurde der Ausgang dieser Begegnung der bis zum letzten Spieltag am Sonntag spannenden Gruppe B zum leuchtenden Signal: Denn nicht nur Ägypten, ganz Fußball-Afrika hat am Donnerstag ein Zeichen gesetzt. Assistenztrainer Shawky Garib, das Superhirn hinter den Erfolgen der „Pharaonen“, sagte: „Dies ist ein Tag für die ägyptische Geschichte. Wir haben den Weltmeister besiegt. Und wir haben im Namen des afrikanischen Fußballs gewonnen, weil wir Afrika repräsentiert und stolz gemacht haben.“

          1:0 - Ägypten feiert den Siegtreffer von Homos (l.)

          Essam Kamal Tawfik El-Hadary ist der Mann des Abends

          Und die Heimat sowieso, wo sich Tausende Menschen in Kairo, Alexandria oder Port Said auf den Straßen und Plätzen ihrem Begeisterungstaumel über diesen spektakulärsten Sieg einer aufstrebenden Fußballnation hingaben. Aus Kairo rief Präsident Hosni Mubarak gleich nach Spielende den Präsidenten des ägyptischen Fußballverbandes an und gratulierte ihm, den Trainern und den Spielern. Ägypten ganz oben - damit hatten sie in dem arabischen Führungsland in diesen Wochen überhaupt nicht mehr gerechnet, da sich Ägypten in der WM-Qualifikation durch ein Remis gegen Sambia und eine Niederlage gegen Algerien in eine schwierige Situation manövriert hat.

          Die Italiener, seit dem 0:1 gegen Nordkorea bei der WM 1966 in England so etwas wie Spezialisten für ganz besonders auffällige Niederlagen, versuchten so vernünftig wie möglich mit dem herben Rückschlag von Johannesburg umzugehen. Der zurückgekehrte Weltmeistertrainer Marcello Lippi redete einerseits nicht um die Gründe für das 0:1 herum: „Wir waren nicht aggressiv genug und haben den Faden nach dem ägyptischen Tor eine Zeitlang verloren. Da haben wir aufgehört zu spielen und sind nicht mehr zum Ball gegangen.“ Andererseits wies der 61 Jahre alte Toskaner aber auch darauf hin, „dass wir angesichts unserer Torchancen mindestens einen Treffer verdient gehabt hätten“.

          Vor allem nach der Pause verhinderte Essam Kamal Tawfik El-Hadary, mit 36 Jahren der älteste Spieler dieses Confed-Cup-Wettbewerbs, mehrmals den Ausgleich. Ein Mann, den die Fans des Hauptstadtklubs Al-Ahly zum Teufel gewünscht hatten, als er seinen Kairoer Klub 2008 eigenmächtig verließ, um beim schweizerischen Erstligaklub FC Sion anzuheuern. Er berief sich dabei auf das sogenannte Webster-Urteil und glaubte sich im Recht, nach mehr als drei Jahren bei Al-Ahly einfach mal so wechseln zu können.

          Lippi: „Der Mann hatte einen phantastischen Abend“

          Inzwischen hat der Internationale Fußball-Verband El-Hadary mit einer Geldbuße von rund 900.000 Euro und einer viermonatigen Sperre, beginnend im August dieses Jahres, belegt. Gerade jetzt, da der 1,88 Meter lange Ägypter wieder drauf und dran scheint, wegen seiner aufsehenerregenden Paraden in Südafrika auch in Sion wieder erste Wahl sein zu können. „Der Mann hatte einen phantastischen Abend“, pries Lippi den unüberwindbaren Torwart, den sie daheim den „ägyptischen Buffon“ nennen.

          Der wahre Gianluigi Buffon konnte dem Kopfball zum 0:1 nur noch tatenlos hinterhersehen. Er gehörte am Donnerstag zu den betriebsinternen Kritikern einer Mannschaft, die seit der Eroberung des WM-Titels in Berlin vor drei Jahren Patina angesetzt hat. Lippi aber ist seinen Weltmeistern im aktiven Ruhestand bis jetzt treu geblieben - und wird in dem verbleibenden Jahr bis zur Mission Titelverteidigung gewiss eine Reihe von personellen Veränderungen in Richtung neuer Frische vornehmen.

          Ärgerliche Fußnote nach einem berauschenden Fußballfest

          „Wir sind die Mumien“, titelte die „Gazzetta dello Sport“ am Freitag. Doch noch ist Italien bei diesem Turnier nicht verloren. Die Champions, die gegen die italienisch-disziplinierten Ägypter wie Weltmeister von gestern wirkten, müssen nun versuchen, am Sonntag in Pretoria gegen Brasilien, am Donnerstag souveräner 3:0-Gewinner über das Team der Vereinigten Staaten, zu siegen. Das wird schwer genug, zumal sich Ägypten, noch Dritter der Gruppe B, nun beste Halbfinalchancen im Rustenburger Duell mit den Amerikanern ausrechnet.

          Einen herben Stimmungsdämpfer mussten die Nordafrikaner schon am späten Donnerstagabend verarbeiten. Mehreren Spielern war, während sie zum Stolz einer Nation aufstiegen, Bargeld zwischen zweihundert und vierhundert Dollar aus ihren Hotelzimmern gestohlen worden. Eine ärgerliche Fußnote nach einem berauschenden Fußballfest.

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