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Fußball auf der Krim : Unter Putins wachen Augen

Auf der Krim ein Verbrechen? Sewastopols Ultras üben mit Pyrotechnik Bild: Friedrich Schmidt

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf der von Russland annektierten Krim eröffnen acht „wunderbare Klubs“ eine neue Fußballliga. Moskaus Sportminister ist daran nicht ganz unbeteiligt.

          4 Min.

          Besondere Zeiten bringen besondere Tage. Für den Fußball auf der Krim, wo seit der Annexion durch Russland im März vorigen Jahres das Besondere normal geworden ist, fand am Samstag schon die zweite große Premiere binnen eines Jahres statt. Im August 2014 traf im Stadion von Sewastopol der örtliche Klub auf den Rivalen aus Simferopol, der Hauptstadt der Halbinsel.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Teams, die kurz zuvor noch in der ersten ukrainischen Liga konkurrierten, sollten fortan die dritte russische Spielklasse schmücken. Russlands Trikolore hing überall im Stadion, ein Moment des Aufbruchs. Nun treffen die Vereine am selben Ort, aber unter neuen Vorzeichen aufeinander: in der „Krim-Liga“ und, bis auf einzelne Ausreißer in den Zuschauerrängen, ganz ohne russische Flaggen. Über dem Fanblock der Ultras von Sewastopol wehten nebeneinander die Fahnen der Krim, der Stadt Sewastopol und eines neuen Verbandes, der Krim-Fußball-Union.

          Sie fürchten persönliche Nachteile

          Nur gut vier Monate spielten insgesamt drei Klubs von der Krim in der dritten russischen Liga. Russlands Fußballfunktionäre hatten heftig darüber gestritten, ob die Klubs überhaupt ohne die erforderliche Zustimmung des ukrainischen Verbands, der Uefa und der Fifa aufgenommen werden sollten. Sie fürchteten persönliche Nachteile und die Reaktion der internationalen Verbände, insbesondere mit Blick auf die Weltmeisterschaft in Russland 2018 - und damit möglichen Unmut auf Seiten von Präsident Wladimir Putin, dessen Kosten-Nutzen-Rechnung sie nicht kennen konnten. Denn was war wichtiger: die Demonstration, dass die Krim nun auch im Fußball russisch sei, oder die Vermeidung von Sanktionen?

          Seinerzeit offenbarte das in die Öffentlichkeit gelangte Protokoll einer Sitzung der Exekutive des russischen Fußballverbandes RFU das Ausmaß des Ringens. Man entschied sich für die patriotische Option. Einige Monate schaute die Uefa dem Treiben zu. Im Dezember schloss sie die drei Klubs dann aus der russischen Liga aus. „Ohne Genehmigung der Uefa und der Ukraine“ dürfe der russische Fußballverband keine Spiele auf der Krim organisieren, teilte die Uefa mit und erklärte die Krim zur „Sonderzone“, in der sie die Entwicklung des Fußballs direkt kontrolliere.

          Weiß auf alles eine Antwort: Russlands Sportminister Mutko
          Weiß auf alles eine Antwort: Russlands Sportminister Mutko : Bild: Reuters

          Im Frühjahr fand dann eine inoffizielle Meisterschaft auf der Krim statt, die Sewastopol gewann. Die neue Krim-Liga soll nun also die dauerhafte Lösung sein - bis auf weiteres jedenfalls und vorerst ohne Option auf Teilnahme an internationalen Wettbewerben. Anders als im vergangenen Jahr gegen die Aufnahme in die russische Liga, hat Kiew nicht gegen die neuen Pläne protestiert.

          Zu Beginn des Abends würdigt der Stadionsprecher das „grandiose Ereignis“, die „erste Meisterschaft der Krim unter der Ägide der Uefa“. Die Zuschauer jubeln, knapp 4000 sollen es sein. Immerhin. Die neue Liga hat acht Vereine aus acht Städten der Krim, deren Fahnen unter dem Applaus der Zuschauer auf den Platz getragen werden. Es sind originelle Namen darunter: Rubin Jalta, Okean Kertsch, Berkut Armjansk, Kafa Feodossija. Aber mit Ausnahme der Klubs aus Sewastopol und Simferopol sind sie nicht etabliert. Die sechs würden auf unterschiedlichen Wegen durch das Sportministerium in Moskau finanziert, erläutert der Sportjournalist Denis Trubetskoy, der von der Krim stammt. Doch auch für die beiden großen Vereine ist es nicht leicht. Simferopols Männer laufen ohne Sponsor auf den Trikots auf. Sewastopol, einst bloß als „Fußballklub“ bekannt, hatte sich anlässlich der Aufnahme in die russische Liga eigens in „SKChF“ umbenannt, was abgekürzt für „Sportklub der Schwarzmeerflotte“ stehen könnte. Man hoffte auf das prominente Sponsoring.

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