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Derby gegen Inter Mailand : Wie Milan mit Ibrahimović das Fliegen lernt

  • -Aktualisiert am

Sehr her, hier bin ich: Zlatan Ibrahimovic Bild: AP

Der AC Mailand ist mit seinem Starstürmer wieder ein Titelanwärter geworden – und im Derby gegen Inter erstmals seit langem Favorit. Doch der Grund für den Höhenflug ist nicht nur Zlatan Ibrahimović.

          3 Min.

          Es ist schon ein wenig her, dass Stefano Pioli Einblick gegeben hat in die neue Vereinskultur beim AC Mailand. Seit Zlatan Ibrahimović wieder da sei, gehe er nicht mehr so oft in die Spielerkabine, erzählte der Trainer, das sei nicht nötig. Er spreche die Spieler auch nicht mehr direkt nach den Spielen an auf mögliche Verbesserungen. „Da sind sie nicht besonders aufnahmefähig“, sagte Pioli. Er gebe die Aufstellungen vor den Spielen ohne Begründungen bekannt, wenn es Beschwerden gebe, stehe seine Türe im Trainerbüro am Trainingszentrum Milanello immer offen.

          Einmal, so erzählte Pioli, sei Ibrahimović in sein Büro gekommen und habe gesagt: „So, Trainer, jetzt rede ich!“ Er, der Coach, habe sich hingesetzt und ohne zu antworten zugehört. „Am nächsten Tag habe dann ich gesprochen“, erzählte Pioli: „Wir sagen uns auch Negatives.“ So funktioniere das jetzt bei Milan. „Man muss Situationen, Menschen und Momente verstehen.“

          Diese Momentaufnahmen aus der neuen Wirklichkeit geben ein neues, in seiner simplen Dualität vielleicht verwunderliches berufliches Klima wieder, das dem AC Mailand offenbar zuträglich ist. Milan ist nach elf Spieltagen Tabellenzweiter der Serie A, punktgleich mit Spitzenreiter SSC Neapel. Seit 1954 glückte dem 18-maligen italienischen Meister kein besserer Saisonstart. Nach schwierigen Jahren und Eigentümerwechseln erlebt Milan Monate des Glücks, die insbesondere beim Publikum manchmal noch für Verwunderung sorgen.

          Derby als Favorit

          An diesem Sonntag (20.45 Uhr bei DAZN) empfängt der AC den Stadtrivalen und Meister Inter Mailand zum „Derby della Madonnina“, das nach der Marienstatue auf dem Mailänder Dom benannt ist. Milan ist erstmals seit Jahren wieder favorisiert, Inter steht auf Platz drei der Tabelle und hat sieben Punkte Rückstand. Nicht alle glauben an einen Sieg über den Meister – Ibrahimović einmal ausgenommen. Wie sagte der zwischen Größenwahn und Genialität changierende Schwede nach seiner Rückkehr nach Mailand im Januar vor einem Jahr? „Entscheidend ist, dass der Dom mich sieht, nicht ich den Dom.“

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          Milan hat mit Ibrahimović nicht etwa die Bodenhaftung verloren. Der Höhenflug des Meisters von 2011 setzt sich seit Januar 2020 fort und hat nicht nur Ibrahimović als Grund. Der Verein ist derzeit ein Beispiel dafür, wie erfolgreiche Entwicklung funktionieren kann. Ibrahimović, der in sieben Serie-A-Spielen in dieser Saison drei Treffer erzielt hat, ist mit seinen extremen Ansprüchen, Ehrgeiz und Erfahrung, ein wichtiges Element in diesem System. „Er hilft der ganzen Mannschaft beim Wachsen“, sagt Coach Pioli über den 40-Jährigen. „Er steht immer unter Strom.“

          Der zweite Faktor ist das Management um den Technischen Direktor Paolo Maldini, Sportdirektor Frederic Massara und Geschäftsführer Ivan Gazidis. Nach turbulenten Jahren, dem Verkauf des Vereins von Silvio Berlusconi an den chinesischen Investor Li Yonghong, fiel der Klub 2018 an den amerikanischen Investment-Fonds Elliott, weil Li seine Verpflichtungen nicht erfüllen konnte. Maldini stellte einen Mix aus erfahrenen Spielern wie Ibrahimović, Verteidiger Simon Kjær und Olivier Giroud und jungen, hungrigen, unbekannten Spielern zusammen, die in Mailand in Anlehnung an das Vereinsmaskottchen liebevoll „kleine Teufel“ genannt werden. Maldini erließ zudem klare Disziplinarregeln für das Team. Dass die Seifenoper um den zu Paris Saint-Germain gewechselten Torwart Gianluigi Donnarumma im Sommer zu Ende ging, sorgte für Ruhe.

          Der Einfluss von Stefano Pioli

          Ein weiterer Faktor ist Trainer Pioli selbst. Der 53-Jährige aus Parma war viele Jahre in der Provinz tätig, coachte aber auch schon Lazio Rom, Inter Mailand und den AC Florenz. „Ich musste viel arbeiten, um an diesen Punkt zu gelangen“, berichtete er. Unter anderem bildete er sich in Kommunikation, Psychologie und Menschenführung fort. „Meine Spieler, die ich 2003 in Salerno trainiert habe, würden mich nicht wiedererkennen“, sagte er. 2020 wählte ihn die Gazzetta dello Sport zum „Trainer des Jahres“. Pioli kam im Oktober 2019 zum AC Mailand, im Dezember folgte eine epische 0:5-Niederlage gegen Atalanta Bergamo – eine Art Stunde null der heutigen Mannschaft. Ibrahimović und Kjær wurden in der Winterpause verpflichtet.

          Bis Januar 2021 verlor die Mannschaft kein Spiel mehr und wurde in der vergangenen Saison Tabellenzweiter hinter Meister Inter Mailand. Erstmals seit Jahren qualifizierte sie sich wieder für die Champions League. Der Plan des Geschäftsführers Gazidis, im vergangenen Sommer Ralf Rangnick zu verpflichten, wurde aufgegeben. Es gab keinen Grund mehr, Pioli rauszuwerfen, im Gegenteil. Das Management habe keine Mindestziele ausgegeben, berichtete Pioli, „das hat sehr geholfen“. Ohne Druck konnten sich junge Spieler wie Rafael Leao (21), Alexis Saelemaekers (22), Brahim Diaz (22), Franck Kessié (24), Ismael Bennacer (23), Davide Calabria (24) sowie Publikumsliebling Sandro Tonali (21) entwickeln. „Die Spieler sind alle ein wenig wie Kinder für mich“, sagt Pioli, der auch seinen eigenen Sohn Gianmarco als Spiel-Analysten im Trainerstab hat.

          In der Champions League kommen Milans Defizite zum Vorschein. Dort steht nach dem 1:1 gegen den FC Porto am Mittwoch erst ein Punkt aus vier Spielen zu Buche. Der Corriere della Sera schrieb vom „Syndrom des Welpen, das sich nicht traut, die Hundehütte zu verlassen“, vielleicht habe die Mannschaft „Angst vor dem Fliegen“. Denn das trauen die Experten dem AC Mailand zu, das Team ist in der Liga einer der Favoriten auf den Titel. Das würde auch Stefano Pioli von einer Last befreien. Seine größte Kritikerin sei seine Mutter, berichtete er. „Sie bemängelt, ich hätte immer noch keinen Titel gewonnen.“

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