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AC Florenz : Ein Klub für Stürmer

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Mario Gomez trifft in Florenz auf bewegliche Mitspieler, was in dieser Szene Juan Cuadrado unterstreicht Bild: picture alliance / HOCH ZWEI

Florenz hat sich zum Eldorado für Spieler entwickelt, die anderswo auf dem Abstellgleis gelandet wären. Das erlebten schon Alberto Gilardino und Luca Toni. Mit Mario Gomez soll das Team zum großen Rivalen von Juventus werden.

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          „Tuttosport“ ist das Hausorgan von Juventus Turin. Und Juventus Turin ist in der Serie A der Intimfeind des AC Florenz. Fand deshalb die Ankündigung des Transfers von Mario Gomez vom FC Bayern in die Toskana ausgerechnet auf Seite 13 des Turiner Sportblatts statt? Man kann in dieser Interpretation eine übertriebene Spitzfindigkeit erkennen, aber der italienische Fußball und seine Tifosi sind sich im Normalfall für kein auch noch so kleines Symbol zu schade, wenn es nur dazu taugt, etwas Sand in das Getriebe des liebsten Feindes zu reiben.

          Die 13 bringt südlich von Rom Glück, je näher man dem Alpenraum kommt, desto mehr wird diese Zahl als schlechtes Omen angesehen. Und dass man in Turin dem AC Florenz mit seinem neuen Stürmer eine gehörige Menge Pech an die Fußballstiefel wünscht, ist durchaus vorstellbar.

          Eigentlich muss der Meister aus Turin ja keinen Gegner in der Serie A fürchten, zumal die Mannschaft mit den Stürmern Carlos Tevez und Fernando Llorente noch verstärkt wurde. Aber zuletzt hatte man es mit einigermaßen bequem zu bändigenden Rivalen wie dem SSC Neapel oder dem AC Mailand zu tun. Einen ernsten Wettstreit mit der Fiorentina um den Scudetto, den schildförmigen Wimpel, den sich der italienische Meister in Landesfarben ans Trikot heften darf, wünschen sich in Turin die wenigsten.

          Der Konkurrenz von „Tuttosport“ jedenfalls war der Gomez-Transfer große Schlagzeilen wert. „Was für ein Coup“, titelte der „Corriere dello Sport“. „Florenz, jetzt kannst du träumen“, schrieb die „Gazzetta dello Sport“, deren Experten nicht als Einzige einen Wettstreit zwischen Turin und Florenz für die kommende Saison prognostizieren. Das liegt nicht nur am Format des Stürmers Gomez. Aber der „violette Panzer“, wie die „Gazzetta“ gewohnt drastisch formuliert, gilt in der Szene nun als der Spieler, der mit seinen Toren Florenz vom ambitionierten Klub aus der zweiten Reihe in den Kreis der Favoriten befördern kann.

          Abschiedsgruß in München: Mario Gomez trägt bald ein violettes Trikot

          In der vergangenen Saison spielte der AC Florenz den schönsten Fußball der Serie A, was angesichts einer immer noch eher defensiven Mentalität im italienischen Vereinsfußball keine übermenschliche Leistung war. Doch der neu verpflichtete, junge Trainer Vincenzo Montella (39) verstand es, das Konglomerat aus Spielern zu einem harmonischen Ensemble zu formen, das durch Kurzpassspiel und viele Tore auf sich aufmerksam machte und am Ende Tabellenplatz vier belegte, der in Italien zur Teilnahme an der Europa League berechtigt.

          Der angenehm unaufgeregte Montella war früher selbst ein erfolgreicher Stürmer. Sein Konzept, seine taktische Flexibilität, seine Geschichte und Persönlichkeit dürften Mario Gomez, abgesehen von der bei rund vier Millionen Euro liegenden Jahresgage für das Florentiner Engagement, zuversichtlich gestimmt haben. Florenz hat exzellente Spieler wie den lange verletzten italienischen Nationalstürmer Giuseppe Rossi, den potentiellen Sturmpartner des früheren Münchners. „Wenn es stimmt, wäre das toll“, sagte Rossi über die Nachricht vom Gomez-Transfer. Es stimmt.

          Luca Toni fand in Florenz zurück in die Erfolgsspur und geht nun nach Verona

          Für die Zuarbeit aus dem Mittelfeld empfehlen sich der Spanier Borja Valero, der Kolumbianer Juan Guillermo Cuadrado, das ewige italienische Talent Alberto Aquilani sowie der erfahrene Massimo Ambrosini, der nun vom AC Mailand an den Arno übersiedelte. Zuletzt kam auch noch Joaquin aus Malaga. Florenz hat sich unter Montella zum Eldorado für Spieler entwickelt, die anderswo auf dem Abstellgleis gelandet wären. Sogar Luca Toni blühte hier letztes Jahr kurz wieder auf, wechselte jetzt aber nach Verona.

          Mal ganz abgesehen vom ästhetischen, kulturellen und kulinarischen Ruhm der Toskana, könnte sich Gomez beim AC Florenz, wo Stürmer wie Toni oder Alberto Gilardino groß herauskamen, durchaus zu Hause fühlen. Dafür, dass das Millionen-Gehalt pünktlich überwiesen wird, sorgen die Brüder Della Valle, die zu den renommiertesten Unternehmern Italiens gehören.

          Auch Alberto Gilardino war schon erfolgreich bei der Fiorentina

          Diego und Andrea Della Valle führen nicht nur den AC Florenz seit dessen Konkurs 2002, sie sind Eigentümer der Luxus-Schuhfirma Tod’s, die rund eine Milliarde Euro Umsatz macht und aus ihrer Portokasse nun die Renovierung des Colosseums in Rom finanziert und so für sich Werbung macht. Im Verwaltungsrat der Firma sitzen Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo und der Banker Luigi Abete, Bruder des Präsidenten des italienischen Fußballverbands (FIGC), Giancarlo Abete. Gut vernetzt sein ist geschäftsfördernd, das gilt besonders für Italien.

          Nicht immer bewegten die Brüder Della Valle sich dabei im Rahmen der Legalität. Für ihre Mauscheleien mit dem ehemaligen Juventus-Generaldirektor Luciano Moggi im Calciopoli-Betrugsskandal von 2006 wurden sie vorübergehend gesperrt und sogar strafrechtlich verurteilt. Die Florentiner Fangemeinde hat ihnen diese Übeltaten zwischenzeitlich verziehen, schließlich hatten sie den Traditionsverein nach dessen Konkurs 2002 übernommen und ihn zusammen mit dem heutigen Nationaltrainer Cesare Prandelli bis in die Champions League geführt.

          Noch ein Neuer in Florenz: Joaquin kommt vom FC Malaga

          Die vergangene Saison ausgenommen, dümpelte die Fiorentina zuletzt wieder im Mittelfeld der Liga. Das Publikum protestierte, die Della Valles drohten mit dem Abschied. Der Gomez-Transfer, mit rund 20 Millionen Euro der bislang teuerste der Vereinsgeschichte, zeugt auch von einem wieder erstarkten Interesse der Eigentümer.

          Man muss nicht in der Champions League spielen, um als Fußballer glücklich zu sein. Diese Lektion könnte Mario Gomez mit einem Blick nach Rom gelernt haben. Dort ist sein Kollege aus der Nationalmannschaft aktiv, Miroslav Klose, der bei Lazio Rom international keine großen Sprünge macht. Mit vielen Treffern, vor allem im Derby gegen den AS Rom, hat sich Klose allerdings seinen Platz in der Nationalelf gesichert und seinen Stand als Publikumsliebling erobert. Gomez könnte es Klose jetzt nachmachen, dafür genügen schon ein paar Tore gegen Juventus Turin.

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          Unser Autor: Oliver Georgi

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