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Abstieg eines Profis : In Chelsea geträumt, in Schweinfurt erwacht

Als Amateur in Schweinfurt: Sebastian Kneißl spielt mit dem FC gegen den Abstieg in die Landesliga Bild: Tobias Schmitt

Beim Premier-League-Klub FC Chelsea hätte Sebastian Kneißl fast Karriere gemacht. Dann folgte der Fall bis in die Bayernliga. In Schweinfurt trainiert er die C-Jugend und wird auch als Spieler endlich wieder gebraucht.

          Er sah sich schon auf dem Rasen der Stamford Bridge. Sah mehr als 40.000 frenetische Fans auf den Rängen, hörte ihre lauten Chöre, spürte, wie sie ihn nach vorne treiben. Nun steht Sebastian Kneißl im Stadion von Schweinfurt, die Plastiksitze auf der Haupttribüne sind verwittert, der Platz ist holprig, der Rasen matschig. Vor acht Jahren spielte der Verein noch in der zweiten Liga, nun ist er Tabellenletzter der Bayernliga. Die Premier League ist an diesem Ort sehr weit weg. „Ich war meinem Traum so nah - und dann war alles vorbei.“

          Der 25 Jahre alte Fußballer spricht ohne Verbitterung, aber mit ein wenig Enttäuschung in der Stimme. Er hatte geglaubt, dass ihn nichts und niemand aufhalten könne, und dann ist er doch gescheitert. An sich selbst und der größer werdenden Gier von Vereinen nach grenzenlosem Erfolg und der ständigen Suche nach noch jüngeren Talenten. In diesem System hat Kneißl die Freude am Spiel verloren. „Es ging so schnell nach oben - und dann immer nur noch bergab.“

          Er folgt einem „unmoralischen Angebot“

          Dabei hätten seine Voraussetzungen kaum besser sein können. Kneißl ist fünfzehn Jahre alt, als er vom Dorfverein im Odenwald zur Frankfurter Eintracht wechselt. Er gilt als einer der talentiertesten Offensivspieler seines Jahrgangs, spielt in der Junioren-Nationalmannschaft und steht längst bei einem Spielerberater unter Vertrag. „Mein Vater ist Maurermeister“, sagt Kneißl. „Er weiß, was er auf dem Bau zu tun hat. Und ein Berater kennt sich eben mit anderen Dingen aus.“ Mit Gehältern, Vertragswerken, der Karriereplanung. Eineinhalb Jahre später kommen tatsächlich Angebote von europäischen Spitzenvereinen: Bayern München, Ajax Amsterdam, Real Madrid, Lazio Rom, Chelsea London. Kneißl entscheidet sich für die Premier League, unterschreibt einen Fünf-Jahres-Vertrag und einen privaten Sponsorenvertrag mit einem großen Sportartikelhersteller über die gleiche Laufzeit.

          Sebastian Kneißl trainierte gemeinsam mit anderen Talenten wie John Terry (Bild) oder Frank Lampard

          Rund um die Jahrtausendwende folgen einige deutsche Talente diesem Ruf englischer Vereine, der Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes spricht von „Kinderhandel“, die Bundesligavereine klagen über „unmoralische Angebote“ aus dem Ausland. Mehr als 100.000 Mark im Jahr soll auch Kneißl verdienen, trotzdem bestreitet er, nur wegen des Geldes zu Chelsea gewechselt zu sein: „In Rom hätte ich das Dreifache verdienen können.“ In England aber sieht er die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, Kneißl trainiert mit Stars wie Marcel Desailly und Gianfranco Zola sowie anderen Talenten wie John Terry oder Frank Lampard. Die Eindrücke sind überwältigend: „Das gibt es doch gar nicht, kneif mich mal einer!“ Einmal fährt ihn Desailly nach dem Training in dessen silberfarbenem Ferrari nach Hause. „Vielleicht dachte ich, schon etwas erreicht zu haben. Aber das hatte ich natürlich nicht.“

          Ein Titel ist wichtiger als die Ausbildung

          Nicht ein Einsatz in der Profimannschaft von Chelsea steht in der Spielerstatistik von Kneißl. Anders als bei Robert Huth, der im Alter von 15 Jahren von Union Berlin nach London wechselt und knapp zwei Jahre später erstmals in der Startelf aufläuft. „Robert wollte immer spielen, der hat dafür geackert wie ein Bekloppter“, sagt Dieter Heimen, der ehemalige Berater von Kneißl. Noch immer fragt er sich, warum sich nicht auch sein Schützling im bezahlten Fußball hat durchsetzen können. „Sebastian war der bessere Fußballer, aber vielleicht ist er im Kopf nicht mit der Entwicklung klargekommen.“

          Als Kneißl gerade auf dem Sprung in den Chelsea-Kader ist, kauft der russische Oligarch Roman Abramowitsch den Verein, investiert mehr als 170 Millionen Euro in die Mannschaft, und Trainer Claudio Ranieri sagt schließlich: „Ich muss jetzt Titel gewinnen, ich kann nicht auch noch junge Spieler ausbilden.“ Kneißl wird zu Dundee FC nach Schottland, später zum KVC Westerlo nach Belgien ausgeliehen, wechselt nach Burghausen in die zweite Liga und schließlich in die Regionalliga zu Fortuna Düsseldorf. Die Gegenwart stimmt immer weniger mit seinen Ansprüchen überein. „Irgendwann war es mir egal, ob ich gespielt oder auf der Bank gesessen habe.“ Kneißl ist 24 Jahre alt, als er seine Karriere beendet.

          Irgendwann gibt es den Spieler nicht mehr

          Er geht zurück nach London, arbeitet ein Jahr mit kriminellen Jugendlichen, trainiert mit ihnen auf einem alten Bolzplatz, will sie von der Straße holen, auf andere Gedanken bringen. Einen Abend regnet es so stark, dass an ein Fußballspiel nicht zu denken ist. Am nächsten Morgen liest Kneißl von einer Schießerei im Viertel und fragt sich, ob er diese mit seinem Training hätte verhindern können. „Diese Zeit hat mir unglaublich dabei geholfen, zu verarbeiten, was mir selbst passiert ist. Ich habe gesehen, was das Leben auch aus einem machen kann.“ Kneißl geht nicht mehr ins Stadion, kennt die Bundesliga-Ergebnisse auch am Sonntag oft noch nicht. Irgendwann gibt es den Fußballspieler Sebastian Kneißl in seinen Gedanken nicht mehr. Er will Trainer werden.

          Jetzt, acht Monate später, gibt es für ihn kaum noch eine Alternative. Er hat ein Fernstudium zum Sport- und Fitnesslehrer begonnen, trainiert die C-Jugend des FC Schweinfurt 05 - und spielt auch selbst wieder Fußball. Vor der Saison haben ihn Freunde zu einem Comeback bei der Spielvereinigung Weiden überredet, in der Winterpause ist er nach Schweinfurt gewechselt, weil die beruflichen Perspektiven dort besser sind. Die ersten Januartage hat er in der ausgebauten Doppelgarage des Trainers verbracht, danach zog er von Hotel zu Hotel und sucht noch immer nach einer passenden Wohnung. „Hier ist nicht alles perfekt, nicht alles professionell“, sagt Kneißl.

          Die Anhänger des Traditionsklubs verbinden mit ihm die Hoffnung, dass der Abstieg in die Landesliga noch verhindert werden kann, immerhin hat Kneißl bis zur „U 20“ mehr als fünfzig Länderspiele absolviert. Dieses „schöne Gefühl, dass man wieder gebraucht wird“, sagt Sebastian Kneißl, habe er seit seinem Wechsel von Eintracht Frankfurt zu Chelsea London nicht mehr gekannt.

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