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Abschied : Seinen wichtigsten Kampf hat Heiko Herrlich im Kopf gewonnen

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Heiko Herrlich Bild:

Der genesene Dortmunder Fußballprofi Heiko Herrlich steigt aus, weil er den eigenen Ansprüchen nicht mehr genügt. Eine bloß symbolische Fortsetzung seiner Karriere wäre für ihn nicht in Frage gekommen.

          Als er seinen gefährlichsten Gegner besiegt hatte, wollte Heiko Herrlich nur unter einer Bedingung auf den Fußballplatz zurückkehren: "Wenn ich als Profi konkurrenzfähig bin." Eine bloß symbolische Fortsetzung seiner Karriere wäre für ihn nicht in Frage gekommen. "Ich will nicht nur für ein Spiel zurückkehren, um den Fans zuzuwinken", sagte Herrlich vor drei Jahren, nachdem die Ärzte ihm mittels Strahlentherapie einen Tumor aus dem Mittelhirn entfernt hatten. Heiko Herrlich hat wieder Fußball gespielt, und er hat auch noch das "wichtige Tor" geschossen, das ihm alle gewünscht haben. Es war das 1: 0 in der letzten Minute eines Europapokalspiels in Kopenhagen - gut ein Jahr nachdem sein Arbeitgeber, der börsennotierte Bundesligaklub Borussia Dortmund, die Diagnose Gehirntumor in einer Ad-hoc-Mitteilung der Aktien- und der Fußballwelt bekanntgegeben hatte. Ein paar Monate später wurde sein Vertrag verlängert. Heiko Herrlich könnte noch bis Juni 2005 als Profi Fußball spielen. Aber er will nicht mehr. Der Zweiunddreißigjährige hat seinen Abschied vom Berufsfußball bekanntgegeben - leise, ohne jede Effekthascherei. Eine kurze Pressemitteilung, ein Interview im Regionalfernsehen, das war's.

          Obwohl der Tumor ausgeheilt ist, traut Herrlich sich nicht mehr zu, auf dem Rasen wieder "konkurrenzfähig" zu werden. Die Absicht, auf höchstem Niveau zu kicken, ist allmählich der Einsicht gewichen, den Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein, nicht einmal bei den Dortmunder Amateuren, die in der dritten Liga spielen. Noch schwerer mag die Erkenntnis wiegen, den eigenen Ansprüchen nicht mehr zu genügen. "Ich bin immer der kleine dumme Fußballer geblieben, der sechsjährige Junge, der eines Tages Weltmeister werden will", sagt Herrlich, ein intellektuell wirkender, strenggläubiger Mensch, der nie dem Klischee des einfältigen Durchschnittsprofis entsprochen hat, auch nicht bevor sein schwerster Kampf ihm zu innerem Frieden verholfen hat. Die großen Wettkämpfe spielen sich in seinem Kopf ab. "Jede Nachuntersuchung, bei der die Ärzte lächeln, ist wie eine Weltmeisterschaft für mich", sagte Herrlich nach jenem märchenhaften Abend in Kopenhagen. Noch immer muß er alle sechs Monate zur Kernspintomographie, um sich ins Gehirn schauen zu lassen. Ein oder zwei Wochen vorher werde er "ein bißchen unruhig", sagt der Patient, "aber bisher ist alles in Ordnung, hoffentlich bleibt es so." Seit er sich im Training Nasen-, Joch und Schlüsselbein gebrochen hat, ist er im Hochleistungssport nicht mehr richtig auf die Beine gekommen. Nach dem Zusammenstoß vor zwei Jahren mit seinem damaligen Mannschaftskollegen Sunday Oliseh besaß er nicht länger die Energie, sich so gegen das Ende der Karriere aufzubäumen wie nach der niederschmetternden Krebs-Diagnose. Damit ist für einen wie Heiko Herrlich die Geschäftsgrundlage für die Teilnahme am Millionengeschäft Fußball weggefallen. Er suchte die Chefetage auf, regte die Auflösung des Vertrages an und bekam eine neue Aufgabe. Die Dortmunder wollen ihn als Fußball-Lehrer weiterbeschäftigen und nach seiner Ausbildung in die Nachwuchsarbeit einbinden. Herrlich zeigt sich dankbar. "Geld ist nicht das wichtigste im Leben", sagt er. "Ich bin dem BVB dankbar, daß er mir jetzt eine neue Perspektive eröffnet." Das Leben, in dem Geld nicht zählt, hat ihn gelehrt, Demut zu zeigen, ohne in Selbstmitleid zu verfallen. Die Koordinaten des Glücks haben sich verschoben: vom sportlichen Erfolg in Richtung Gesundheit. Am Ende der Laufbahn wollte Herrlich nicht als Abzocker dastehen, der seinen Vertrag auf der Tribüne absitzt, ohne eine adäquate Gegenleistung erbringen zu können. Selbst im eigenen Verein waren schon Zweifel an seiner Integrität aufgekommen. Mit dem Entschluß, aufzuhören und neu anzufangen, hat Herrlich diese Zweifel zerstreut. Er sei froh, den Neustart in Dortmund machen zu können, sagt der Badener, dem die Revierstadt nach neun Jahren zum Lebensmittelpunkt geworden ist. Der große (internationale) Durchbruch ist ihm in Westfalen nicht gelungen, obwohl er 1995 als Torschützenkönig der Bundesliga vom Pokalsieger Mönchengladbach mitten in der Dortmunder Wachstumsphase zur Borussia wechselte. Letztlich hat seiner Gladbacher Mitspieler Stefan Effenberg recht behalten mit der Vorhersage, "bei uns schießt du zwanzig Tore, bei Dortmund machst du vielleicht zwanzig Spiele".

          Solcherlei Maßstäbe haben für Heiko Herrlich an Gewicht verloren. Er hat die Biographie des Radprofis Lance Armstrong gelesen, der den Krebs besiegt und danach wieder (mehrmals) die Tour de France gewonnen hat. Dieser Traum habe sich für ihn auf dem Fußballplatz "leider nicht erfüllt", sagt Herrlich ein wenig melancholisch. Das sportartübergreifende Fernduell mit Armstrong mag er verloren haben, seine persönliche Tour der Leiden hat er gemeistert. Heiko Herrlich verläßt die Fußballarena nicht sportlich geschlagen, sondern menschlich gereift.

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