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FC Dreams : Hartplatzhelden aus Ghana

  • -Aktualisiert am

Hartplatzhelden: In Ghana wird an jeder Straßenecke gekickt und auf jedem Untergrund. Bild: Paul Herrschner

Der FC Dreams bildet in Ghana Talente aus. Inzwischen wissen dort alle, dass der Sprung in den europäischen Fußball kein Traum bleiben muss. Einer von ihnen ist dem FC Chelsea nun rund 30 Millionen Euro wert.

          Der Platz, auf dem Träume wahr werden sollen, liegt in Kweiman im äußersten Norden von Accras. Idyllisch gelegen, umringt von Wald, fernab der staubigen Hektik von Ghanas Hauptstadt. Das Fußballfeld ist ein holpriger Rasen, auf einer Fläche, groß wie ein Mittelkreis, wächst überhaupt kein Gras mehr. Es ist ein Platz, auf dem sich jeder deutsche Kreisligaklub zieren würde, seine Heimspiele auszutragen. Der Dreams Football Club spielt hier in der zweiten ghanaischen Liga. Edwin Okraku lenkt seinen schwarzen SUV von der Straße auf einen Trampelpfad, der zum Platz führt. Der Manager des Dreams FC ist spät dran, das Spiel seiner Mannschaft läuft bereits. Der Rasenplatz sei ein echter Fortschritt, sagt er, aber Ziel sei ein eigener Kunstrasen. Okraku setzt sich auf einen Plastikstuhl zwischen den Trainerbänken. „Noch 0:0“, sagt Jiji Mohammed, der Dreams-Präsident.

          2009 haben Okraku, Mohammed und Prince Abdul Hamid, der Dritte im Bunde und heutige Vizepräsident, den Dreams FC gegründet. Drei Jugendfreunde, die aus demselben Slum in Accra stammen. Ihr ehrgeiziges Ziel: Einmal die besten Nachwuchsspieler des Landes hervorbringen. „Unsere Philosophie baut auf Talenten auf“, sagt Okraku. Heute ist der Klub Tabellenführer der zweiten Liga, mit einem Durchschnittsalter von knapp 20 Jahren.

          Ziel ist es eine Plattform zu schaffen

          Das Spiel an diesem Samstag gegen Danbort ist wichtig. Sieben Heimspiele ist Dreams zuletzt ungeschlagen geblieben, der Aufstieg in die Premier League winkt. An der Seitenlinie coacht der frühere Wolfsburger Profi Charles Akonnor. Die Verpflichtung des einstigen Kapitäns der Black Stars, der ghanaischen Nationalmannschaft, war ein echter Coup. Akonnor arbeitet ohne Bezahlung. „Er ist von unserem Projekt überzeugt“, sagt Okraku. Fünfzehn Minuten vor Schluss bringt Akonnor einen frischen Stürmer, in der 89. Minute erzielt der Neue das Siegtor. Kweiman bebt.

          Aufgedreht sitzt Okraku auf der Fahrt nach Hause hinter dem Lenkrad. Er hatte früher als Journalist gearbeitet und später in Liverpool Betriebswirtschaft studiert, bevor der heute 42-Jährige Sportmanager wurde. „Scouting ist der Schlüssel“, sagt er. „Wir sind wahrscheinlich der einzige Klub in Ghana, der im ganzen Land nach Talenten sucht.“ Drei fest angestellte Scouts, dazu fünf freie Mitarbeiter decken auch die abgelegensten Regionen Ghanas ab. „Wir holen die Talente nach Accra, bilden sie aus und schaffen eine Plattform, um sie ins Ausland zu bringen.“ Das sei der Dreams-Weg. Der Grund, warum man Okraku heute so genau zuhört, ist die Geschichte eines Jungen aus dem Norden.

          Er kam aus Tamale, 600 Kilometer von Accra entfernt, und wurde auf Empfehlung eines Bekannten zum Probetraining in die Hauptstadt geschickt. Das ist sieben Jahre her. Bis zum Wochenende spielte Abdul Rahman Baba in der Bundesliga beim FC Augsburg, dann machte der FC Chelsea aus der Premier League den Wechsel nach England perfekt. 30 Millionen Euro sollen die Augsburger bekommen. Baba ist omnipräsent bei Dreams. Und das, obwohl er seit drei Jahren nicht mehr da ist. Sein Konterfei prangt in der Geschäftsstelle, auf der Website, bei Okraku im Wohnzimmer. Immer wieder sieht man aktuelle Dreams-Spieler in Fürther Trikots herumlaufen, Babas erstem Klub in Deutschland, oder in Augsburger Leibchen - Geschenke, die Baba auf Heimatbesuch mitbringt. „Er ist ein Vorbild für unsere Spieler, er motiviert sie“, sagt Mohammed. Sie alle sind stolz auf ihren Jungen.

          „Als ich ihn das erste Mal sah, wusste ich, Baba ist pures Gold“, erinnert sich Mohammed. „Ein Riesentalent, er war in jedem Spiel besonders.“ Baba hat dem ehrgeizigen Dreams-Projekt einen immensen Schub verliehen. Und längst ist der Nationalspieler nicht mehr nur sprichwörtlich pures Gold. Durch den Wechsel zu Chelsea ist der erhoffte Kunstrasenplatz in Kweiman so gut wie bezahlt. Denn nun gibt es einen finanziellen Nachschlag. Als Baba 2012 nach Fürth wechselte, vereinbarten beide Seite Stillschweigen über die Ablösemodalitäten - daran wollen sie sich auch heute noch halten. Die Ablöse hielt sich wohl in Grenzen, Dreams FC profitiert vor allem dann, wenn der Spieler weiter wechselt - wie zu den Augsburgern, die rund zwei Millionen an Fürth überwiesen.

          „Er ist pures Gold“: Abdul Rahman Baba hat in der Bundesliga Fuß gefasst.

          Mohammed will den Platz zeigen, auf dem Baba einst spielte. Der 43-Jährige ist nicht nur Präsident, sondern auch Chefscout von Dreams. Fährt man mit ihm einen Tag lang durch Accra, lernt man eine Menge Fußballplätze und noch mehr Spieler kennen. Ghana ist ein fußballverrücktes Land, gekickt wird jederzeit, auf jedem Untergrund, und stets mit einer beachtlichen Zahl an Zuschauern. Immer wieder klingelt Mohammeds Telefon, irgendein Bekannter berichtet von einem Talent. „Ich schaue ihn mir an“, sagt Mohammed dann oder: „Bring ihn zum Training vorbei.“ An einem besonders trostlosen Spielfeld hält er an. Das ist der Vorgänger des Rasenplatzes von Kweiman. Kein Gras, nur Staub und Steine. Als Baba mit 14 Jahren nach Accra kam, nahm Mohammed ihn bei sich zu Hause auf. Auch das ist Teil der Dreams-Philosophie. Fünf Jungs wohnen aktuell bei Mohammed, fünf bei Hamid, zwei bei Okraku. Der Rest lebt im Klubhaus in Kweiman. „Es geht um ganz elementare Dinge“, sagt Mohammed, „selbst wenn ihre Familien in Accra leben, wie sollen sie jeden Tag zum Training kommen? Und wenn sie bei uns wohnen, wissen wir, dass sie genug zu essen haben.“

          Auch Baba erinnert sich noch gut an die Zeit bei Mohammed und Okraku. „Es war schwer für mich am Anfang. Ich war das erste Mal so weit von zu Hause weg“, erzählt der heute 21-Jährige. Okraku sei der strengere der beiden Ziehväter gewesen. Bei der Vorstellung, dass sich in Deutschland fünf Spieler zwei Räume im Haus des Vereinspräsidenten teilen, muss er lachen. Wenn Baba bisher in den Sommerpausen nach Accra kam, bezog er stets sein altes Zimmer im Haus von Okraku. In diesem Jahr ist das anders. Sie haben ganz in der Nähe ein passendes Zuhause für ihn gefunden.

          Demut soll die Spieler auszeichnen

          Eine Villa mit sechs Schlafzimmern und Superstars wie Michael Essien in der Nachbarschaft. „Die Villa können wir auch als Gästehaus benutzen, wenn Baba nicht da ist“, sagt Mohammed. Als Augsburg Anfang Mai die Bayern schlug, schickten sie ihm ein paar Glückwünsche aus Ghana nach Deutschland, gratulierten zu seiner Leistung. „Ich war okay“, schrieb Baba zurück. Diese Demut ist es, was ihre Spieler auszeichnen soll - neben allen fußballerischen Fertigkeiten. Das impfen sie ihren Spielern ein. Pünktlich zum Training, keine langen Nächte, kein Alkohol. „Sie folgen uns, weil sie wissen: Alles, was sie in den Füßen haben, haben wir im Kopf“, sagt Okraku. Und wer nicht folgt? „Der ist Geschichte.“ Aber das komme nicht oft vor. Praktisch alle Spieler kämen aus armen Verhältnissen. „Reiche Jungs spielen zum Spaß, arme Kids haben keine Wahl: Fußball ist für sie der Weg aus der Armut.“

          Zuschauer in Kweiman

          Im Restaurant eines Luxushotels in Accras Stadtzentrum trifft sich das Dreams-Triumvirat am Abend. Mit am Tisch sitzt ein Deutscher, man schwelgt in Erinnerungen. Sascha Empacher hatte in dieses Hotel einmal Lothar Matthäus mitgebracht, den wollten sie zum Nationaltrainer Ghanas machen. Das ging schief. Vieles andere aber nicht. Empacher ist Gründer einer Sportmanagement-Firma, Okraku kennt er seit vielen Jahren. Der blonde Deutsche kommt ins Spiel, wenn aus den Träumen der Dreams-Talente Realität werden soll. Empacher schaut regelmäßig in Accra vorbei.

          Jetzt geht es darum, welchen Spielern man in der Sommerpause Probetrainings oder gar feste Engagements verschaffen könnte. „Eine Karriere als Fußballprofi ist wie ein Lottogewinn“, sagt Empacher, „nicht nur für den Spieler, auch für seine Familie, das ganze Dorf manchmal.“ 250 Dollar monatlich bekommen Spitzenkräfte in der ghanaischen Premier League. Aus finanzieller Sicht sind daher auch Nordafrika oder die arabischen Golfmonarchien interessant. Die meisten aber wollen nach Europa.

          „Manchen Spielerberatern geht es nur ums Geld“

          „Sie arbeiten hart, sind fußballerisch meist richtig gut und heute ganz anders auf einen Wechsel nach Europa vorbereitet als früher“, sagt Empacher. Sogar die eher zögerlichen deutschen Vereine hätten seit der Erfolgsgeschichte von Baba ein offenes Ohr für die Talente aus Westafrika. Dreams-Angreifer Benjamin Tetteh, der gerade noch bei der U-20-Weltmeisterschaft in Neuseeland spielte, wird womöglich bald in Babas Fußstapfen treten. Die Chancen stehen gut, dass auch sein Weg in die Bundesliga führt.

          Dass seine Branche einen zweifelhaften Ruf besitzt, gerade wenn es um Spieler aus Afrika geht, sieht Empacher nur als eine Seite der Medaille. Die dunkle, der die Medien naturgemäß mehr Aufmerksamkeit schenken. „Ja, es gibt eine Menge Spielerberater, denen es nur ums schnelle Geld geht“, sagt Empacher. „Aber langfristigen Erfolg hat man damit nicht. Den gibt es nur, wenn sich die Spieler in die richtige Richtung entwickeln.“ Das koste viel Zeit und Anstrengung. Auf dem Stuhl neben ihm wird Okraku unruhig. „Schaut euch das an“, sagt er und zeigt sein Handy herum. Auf einem wackligen Video sieht man einen großen Stürmer, der den Ball mit der Hacke über seinen Gegenspieler lupft und anschließend volley im Tor versenkt. „Den hat unser Scout heute im Norden gefunden“, sagt Okraku und lacht: „Talente, überall Talente!“

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