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A-Junioren-Meisterschaft : Hansas letzter Stolz

  • -Aktualisiert am

Aus der Traum: Hansas A-Junioren dürfen nur weit hinter dem Meisterschild Platz nehmen Bild: dpa

Die Rostocker A-Junioren scheitern erst in der Verlängerung des Meisterschaftsfinals am VfL Wolfsburg. Die erfolgreiche Jugendarbeit von Vater Kroos macht Hoffnung beim ehemaligen Bundesligaklub.

          So viele Zuschauer waren in dieser Saison noch nie ins Stadion von Hansa Rostock gekommen. Nicht mal bei einem Spiel der ersten Mannschaft. Die lockte gerade noch zwischen 7000 und 13.000 Fans zur ihren Drittligabegegnungen ins Ostsee-Stadion. Die A-Jugend jedoch mobilisierte 18.500 Anhänger am Sonntagnachmittag zum Finale um die deutsche Meisterschaft gegen den VfL Wolfsburg. Frenetisch feuerten sie ihre Teenager an, die zum Stolz des Vereins geworden sind, spätestens, seitdem sie im Halbfinale völlig überraschend ihre Altersgenossen von Bayern München ausgeschaltet hatten. Laola-Wellen schwappten durch die Arena, solange Hansa noch eine Titelchance hatte - und das war lange so. Erst in der Verlängerung setzte sich der favorisierte Nachwuchs des Wolfsburger Bundesligaklubs 3:1 durch - in der Liga war Hansa den Niedersachsen noch mit 1:4 und 1:5 unterlegen gewesen.

          Trotzdem feierten die Zuschauer die Verlierer. Denn die A-Jugend hat den Rostocker Fußballfreunden in dieser Saison etwas zurückgegeben, was sie lange vermisst hatten: Freude am Fußball. Vieles erinnerte an die alten Zeiten, als die Kogge noch mit voller Kraft voraus in der Bundesliga unterwegs war. Das war bis 2005. Der Glanz des letztmaligen DDR-Meisters und -Pokalsiegers ist jedoch längst verblasst. Hinter dem Klub liegt die schlechteste Saison der Vereinsgeschichte, Schulden erdrücken ihn, Krawallfans prägen sein Image. Der letzte verbliebene Stolz ist der Nachwuchs, der schon 2010 das Finale erreicht und gewonnen hatte. Und an diesem halten die Rostocker vehement fest. Da konnte es ihnen zuletzt noch so schlecht gehen, im Jugendbereich haben sie kaum Einsparungen vorgenommen. „Unser Nachwuchs ist der Ast, auf dem wir sitzen“, sagt Hansa-Vorstandschef Michael Dahlmann.

          Wurzeln des Erfolgs in der DDR

          Das Budget liegt nach wie vor bei rund einer Million Euro, was im Vergleich zu den meisten Bundesliga-Vereinen jedoch wenig ist. Die gut betuchte Konkurrenz verfügt über mehr als viermal so viel Geld. Mit dem konstanten Etat allein lässt sich also nicht erklären, warum ein so tief gefallener Verein so gute Nachwuchsarbeit leisten kann. Die Wurzeln des Erfolges reichen vielmehr bis in die ehemalige DDR zurück. „Wir haben einen Stamm an Trainern, die lange im Verein sind und das Ausbildungssystem von damals kennen“, sagt Juri Schlünz, Leiter der Rostocker Nachwuchsakademie.

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          Lange bevor es Teil des Lizenzierungsverfahrens für Bundesligavereine wurde, hatte Hansa 2001 bereits ein Jugendinternat eröffnet. Auch die inzwischen vom Deutschen-Fußball-Bund (DFB) geforderte Zusammenarbeit mit sportbetonten Schulen ist für den damaligen Erstliga-Klub stets eine Selbstverständlichkeit gewesen. „Das gab es bei uns schon vor 1990“, sagt Schlünz. Er hebt zudem die Identifikation mit dem Klub hervor, der von den Nachwuchstrainern nicht als Karriere-Sprungbrett genutzt werde: „Wir sind keine Durchgangsstation. Unsere Trainer kommen alle aus der Region und würden für Hansa ihr letztes Hemd geben.“

          Viele Talente gehen ablösefrei

          Die intensive Jugendarbeit schlägt sich schon lange in den Ergebnissen nieder. Seit Einführung der A-Junioren-Bundesliga im Jahre 2003 schaffte es Hansa immer unter die besten Sechs. 2010 gewannen die Rostocker ihre erste Deutsche Meisterschaft, 2011 erreichten sie das DFB-Pokalfinale und am Sonntag hätte es gegen Wolfsburg nun fast zum zweiten Titel gereicht. Bei den Profis ging es dagegen kontinuierlich bergab. Auch weil es Hansa nicht gelungen ist, die talentierten Nachwuchsspieler erfolgreich im ersten Kader zu integrieren. Für Schlünz ein Problem der fehlenden Konstanz: „Wir hatten im Männerbereich zu viele Trainerwechsel in zu kurzer Zeit, das war für die Entwicklung der jungen Spieler nicht förderlich.“

          In diesem Jahr verlassen Hansa wieder einmal viele Talente ablösefrei. Es fehlten teilweise die finanziellen Argumente, um die jungen Profis zum Bleiben zu bewegen. Ähnlich könnte es den Rostockern bald auch im Nachwuchsbereich ergehen, glaubt Hansa-Trainer Roland Kroos, Vater der Bundesliga-Spieler Felix und Toni Kroos. „Immer mehr Klubs bieten den Talenten schon im C-Jugendbereich einen kostenlosen Internatsplatz und einen Vertrag an, da können wir nicht mithalten“, sagt der 53-Jährige.

          Kroos ist der Macher hinter dem derzeitigen A-Junioren-Erfolg. Er formte aus einer Mannschaft, die vor zwei Jahren aus der B-Junioren-Bundesliga abstieg, ein Meisterteam. „Wir haben nicht die besten Einzelspieler, treten dafür aber geschlossen auf und spielen taktisch diszipliniert“, sagt der besonnene Nachwuchstrainer. Die Aussichten, diesen Erfolg zu wiederholen, sähen jedoch schlecht aus. „Es kommen nicht mehr so viele gute Talente nach“, sagt Kroos.

          Auch Nachwuchsleiter Schlünz ist skeptisch: „In der dritten Liga wird es auf Dauer nicht einfach für uns, das hohe Niveau im Nachwuchsbereich zu halten.“ Erst recht nicht bei der finanziellen Situation des Vereins. Um Geld zu sparen, hat der FC Hansa zuletzt neun Mitarbeiter entlassen müssen. Dabei traf es zum ersten Mal auch den Nachwuchs empfindlich: Nachwuchskoordinator Harry Krause kann nicht mehr bezahlt werden. Das verheißt für die Zukunft wenig Gutes.

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