https://www.faz.net/-gtl-6k2zr

8. Juli 1990 : Der dritte Stern

  • Aktualisiert am

Kapitän mit Pokal: Am Ende hielt Matthäus die begehrte Trophäe in die römische Nacht Bild: picture-alliance/ dpa

Maradona weinte, Beckenbauer wanderte: Vor 20 Jahren wurde Deutschland in Rom Fußball-Weltmeister - wie wir seit gestern wissen, zum letzten Mal bis mindestens 2014. Ein Rückblick auf den einsamen „Kaiser“, den stolzen „Loddar“ und einen deutschen Sommer in Italien von Roland Zorn.

          5 Min.

          War es der Flaneur Franz Beckenbauer, der ganz allein unter dem römischen Vollmond seiner Wege ging - mitten auf dem Rasen des Stadio Olimpico? War es der spuckende Holländer Frank Rijkaard, der seine Aggressionen zutiefst beleidigend an Rudi Völler abreagierte? War es der mit der Eckfahne Lambada tanzende Kameruner Roger Milla, der afrikanischer Lebensfreude zu einem bleibenden Bild in der Fußball-Historie verhalf? Oder waren es am Ende nicht doch die schwarzrotgoldenen Fahnenmeere, die dieser Weltmeisterschaft im Jahr der deutschen Wiedervereinigung ihre prägenden Farben gaben?

          Jedenfalls wurde Deutschland am 8. Juli 1990 zum dritten und bis heute letzten Mal Weltmeister, damals noch als Auswahl aus der alten Bundesrepublik Deutschland, aber eigentlich schon eher als gesamtdeutsche Nationalmannschaft. Es wurde ein Siegeszug, der unter einem „kaiserlichen“ Triumphbogen endete und rauschhafte Züge eines neuen, ganz und gar demokratischen Patriotismus trug.

          Mochten auch noch die besten Spieler aus der in jenem Sommer dahinsiechenden DDR fehlen, so verstieg sich der Fußball- „Kaiser“ und Teamchef nach dem 1:0-Endspielsieg über Italien im Finale von Rom doch zu der tollkühnen Prognose: „Ich glaube, die deutsche Mannschaft wird in den nächsten Jahren nicht zu besiegen sein. Das tut mir leid für den Rest der Welt.“ Der Rest der Welt aber kümmerte sich nicht lange um Beckenbauers Zukunftserwartungen und zeigte danach dem um die besten Spieler aus der Deutschen Demokratischen Republik bereicherten 1a-Team des Deutschen Fußball-Bundes bei der Europameisterschaft 1992 (Deutschland verlor im Finale gegen den Außenseiter Dänemark) wie bei der WM 1994 (Deutschland schied im Viertelfinale gegen Bulgarien aus), dass selbst kleinere Fußball-Nationen zuzeiten auf Ballhöhe mit den Deutschen sein können. Da aber war auch schon der Zauber des Münchners mit der Aura des Alleskönners verflogen. Beckenbauer ging im Spätsommer 1990 und machte seinem treuen Helfer Berti Vogts Platz.

          Kapitän mit Pokal: Am Ende hielt Matthäus die begehrte Trophäe in die römische Nacht Bilderstrecke
          8. Juli 1990 : Der dritte Stern

          Das Münchner Glückskindl steuerte nach Lehrjahren bei der WM 1986 (Deutschland wurde Zweiter) und der EM 1988 im eigenen Land (Deutschland schied im Halbfinale gegen Holland aus) seine Mannschaft zielstrebig und doch entspannt auf den Gipfel der Seligkeit. Beckenbauer war am Ende trotz einer Mannschaft der Stars und Hochbegabten mit dem Kapitän Lothar Matthäus vorneweg die seinerzeit so genannte „Lichtgestalt“ dieses von ihm zusammengeführten und zusammengeschweißten Ensembles. Der Mann, der nie eine Trainerlizenz erwerben musste, um diesen Job zu beherrschen, gab stets die Richtung vor, ließ seinen Profis aber auch genügend Freiraum und spielte doch seine Autorität, wann immer nötig, mit sarkastischen Worten und herrscherlicher Mimik und Gestik aus.

          Fußballdrama in San Siro

          Das war aber nicht oft nötig, da diese Weltmeister-Generation von vornherein wusste, was sie konnte und was sie wollte. Sie war schon als Mitfavorit in das Unternehmen Italia 90 gestartet und ließ bereits bei ihrem ersten Auftritt keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass sie zu Großem berufen war. Mit dem 4:1-Sieg über Jugoslawien setzten die Deutschen das Leuchtsignal in einer Partie, die zur besten des Rekordnationalspielers Matthäus (150 Begegnungen) wurde. Zwei Treffer erzielte der schussgewaltige Franke mit professioneller Urgewalt; beim 3:1 vollendete er ein in der eigenen Hälfte auf den Weg gebrachtes Solo, das ebenfalls zu den schönsten Erinnerungen an diese Weltmeisterschaft gehört. Diesem 4:1 folgten in den Mailänder Gruppenspielen ein lockeres 5:1 über die Auswahl der Vereinigten Arabischen Emirate und schließlich ein 1:1 gegen Kolumbien.

          Dann erst wurde es richtig ernst. Niemand anderes als der Nachbar Niederlande, der, obwohl Europameister, nur Dritter seiner Gruppe geworden war, wartete auf die Deutschen in diesem noch mit 24 Teams ausgetragenen Turnier. Die Revanche für das Hamburger Aus zwei Jahre zuvor stand also auf dem Programm - und sie glückte in einem Fußballdrama, in dem der spuckende Rijkaard, aber auch sein Opfer Völler Rot sahen, in dem der Stuttgarter Jürgen Klinsmann sein stärkstes Spiel im Nationaltrikot machte und mit seinen langgezogenen Sprints wie ein 200-Meter-Läufer die niederländische Abwehr aufrieb. Klinsmann schoss denn auch als einzige Spitze ohne seinen vertrauten Partner Völler das 1:0, dem der offensive Linksverteidiger Andreas Brehme das 2:0 folgen ließ. Ronald Koemans Elfmetertor zum 2:1 war nicht mehr als eine Ergebnisverbesserung in einem Duell, das wie das Match zum Turnieranfang wegweisend war.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          
              Die Zeit am Rebstock ist vorbei:   Ein Erntehelfer erntet reife Trauben von einer Weinrebe.

          Neues Weingesetz : Krach im Weinberg

          Das neue Weingesetz ist beschlossen, der Streit unter den Winzern geht weiter. Die Genossenschaften treten aus dem Deutschen Weinbauverband aus. Es geht auch um die Frage: Was definiert die Qualität?

          Besuch in Flutgebieten : Laschet erlebt die Wut

          Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen besucht Orte, die hart von der Flut getroffen wurden. Da entlädt sich der Ärger von Betroffenen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.