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50 Jahre Fußball-Bundesliga : Ohne Verfallsdatum

Der erste Meister der Fußball-Bundesliga: die Spieler des 1. FC Köln um Hans Schäfer (im Foto rechts) Bild: picture alliance / dpa

Identifikation durch Fußball: Die Bundesliga hat das Freizeitverhalten der Deutschen verändert. Sie bietet beste Unterhaltung, hat sich aber auch zu einem Gefahrgut entwickelt.

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          Im Goldsaal der Dortmunder Westfalenhalle fiel am 28. Juli 1962 ein Beschluss, der die Wochenendaktivitäten von Millionen Deutschen ein wenig verändern sollte: die Gründung der Fußball-Bundesliga. Nur einen Steinwurf vom Goldsaal entfernt wird nun am kommenden Freitag in der Dortmunder Arena die Bundesliga mit der Begegnung zwischen dem Meister Borussia Dortmund und Werder Bremen in ihre 50. Saison starten.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Schon die ein wenig unbestimmte Formulierung, wo genau die Jubiläumsspielzeit angepfiffen wird, verrät etwas davon, wie sich der Jubilar und seine Gäste mit den Zeiten verändert haben. In den ersten Tagen der Bundesliga hieß die einst von Arbeitslosen in Notstandsarbeiten errichtete Heimat der Borussia noch „Kampfbahn Rote Erde“. In den siebziger Jahren wuchs daneben das mit für heutige Verhältnisse lächerlichen 31 Millionen Mark errichtete „Westfalenstadion“ - das in den folgenden Jahrzehnten mehrfach umgebaut, erweitert und umbenannt wurde, bis daraus der „Signal Iduna Park“ mit 80.720 Zuschauerplätzen emporwuchs, das größte Fußballstadion Deutschlands.

          Das Duell Dortmund gegen Bremen war schon ein Duell beim Start der Bundesliga 1963. Nationalspieler Timo Konietzka erzielte in der ersten Minute das erste Tor der Bundesliga-Geschichte. Der Treffer ist unvergessen, unsichtbar ist er gleichwohl geblieben. Die Fotografen schafften es damals nicht rechtzeitig auf ihre Posten, das Fernsehen war gar nicht erst gekommen. Das Jubiläumsspiel in der kommenden Woche wird von der ARD, dem Pay-TV-Sender Sky sowie dem Telekom-IPTV-Kanal Liga total gleichzeitig live übertragen. Die Bilder gehen in rund zweihundert Länder.

          Es präsentiert sich ein halbes Jahrhundert beste Unterhaltung, die jedem Verfallsdatum trotzt: Da kann in Deutschland niemand mithalten, kein Thomas Gottschalk, kein Dieter Bohlen, kein Udo Jürgens und auch keine Lindenstraße. Und trotz aller Veränderungen und dem Sturm der Globalisierung - die mittelständischen Fußball-Unternehmen haben sich auch wirtschaftlich als weitaus robuster erwiesen als ihre Kollegen aus dem Dax. Alle sechzehn Klubs der ersten Bundesligasaison spielen noch heute in den drei Profiligen, trotz aller Skandale um gekaufte Spiele, Spieler und Schiedsrichter. Von den damals sechzehn größten deutschen Unternehmen sind jedenfalls einige wie Gutehoffnungshütte, Farbwerke Hoechst, Gelsenkirchener Bergwerk oder Badische Anilin längst vom Markt oder den Kurszetteln verschwunden.

          Amtierender Titelträger: Borussia Dortmund feierte in der abgelaufenen Saison die Meisterschaft

          Diese Beständigkeit in einer im täglichen Geschäft oft alles andere als grundsoliden Branche ist die vielleicht größte Überraschung, die die Bundesliga mit ihrer 50. Saison zu bieten hat. So besehen ist die erste Fußballklasse nicht nur ein Stoff, aus dem Träume gemacht werden, sondern auch Identität. Der Solidaritätsgedanke, der sich in der Sozialen Marktwirtschaft immer weiter abschleift, hat sich ausgerechnet im Fußball ordentlich gehalten. Der Unterschied zwischen Arm und Reich, etwa zwischen dem FC Bayern und Greuther Fürth, ist zwar unüberbrückbar groß, aber die Schere ist nie soweit auseinandergegangen, dass der Tabellenletzte an einem glücklichen Tag nicht auch den Tabellenführer schlagen könnte.

          Vom Segen der Solidarität

          Die Weltmarkteffekte der Champions League haben zwar auch in der Bundesliga eine Mehrklassengesellschaft strukturiert, doch eine solche Zementierungen wie in Spanien oder England der Elite-Clubs, einhergehend mit enormer Verschuldung oder Übernahme durch Investoren mitsamt Identitätsverlusten, hat es bisher nicht gegeben. Der Preis dafür wird in der Eurozone der Champions League gezahlt, wo Bundesligaklubs trotz erstklassiger Stadien und vergleichsweise solider Finanzen nicht zu den Marktführern zählen, außer dem FC Bayern selbstverständlich. Wie im richtigen europäischen Leben gibt es auch auf Europas Fußballfeldern immer wieder Finanzspritzen und Finten, um den deutschen Vorreitern des Financial Fairplay in der Europaliga die Grenzen aufzuzeigen.

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