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4:2 gegen Ecuador : Deutsche B-Elf spielt 1A-Fußball

Teambuilding in Boca Raton: erfolgreiche deutsche Nationalspieler Draxler, Bender und Kruse (v.l.) Bild: dpa

Die zusammengewürfelte deutsche Fußball-Nationalmannschaft gewinnt nach einer furiosen Anfangsphase dank der Doppel-Torschützen Podolski und Lars Bender mit 4:2 gegen den Weltranglisten-Zehnten Ecuador.

          Das Länderspiel gegen Ecuador zwischen dem Finale der Champions League und dem Endspiel des DFB-Pokals hatte in Bacon Raton die Anmutung eines Freizeitkicks. Die Tribünen in Florida waren dünn besetzt, die Temperaturen sommerlich und die Anstoßzeit fiel auf die Mittagsstunden – das waren äußerliche Umstände, die einen zweifelhaften sportlichen Wert des Duells nahe legten. Aber es dauerte nur ein paar Sekunden, da konnte man guten Gewissens behaupten: die deutsche Verlegenheits-Nationalmannschaft machte aus den schwierigen Vorraussetzungen auch ohne die Stars vor allem des FC Bayern und Borussia Dortmund, also ohne insgesamt siebzehn gestandene Nationalspieler, das allerbeste – einen verdienten 4:2-Sieg.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Nach nur neun Sekunden glückte Lukas Podolski mit dem ersten deutschen Ballkontakt die 1:0-Führung gegen die Nummer zehn der Weltrangliste. Es war das wohl schnellste Tor in der langen Geschichte der deutschen Nationalmannschaft, und bevor sich die Südamerikaner von dem frühen Schreck erholen konnten, war das Spiel schon so gut wie entschieden. In der vierten Minute verschaffte der Leverkusener Debütant Sidney Sam seinem Leverkusener Kollegen Lars Bender freie Bahn, der überlegt das 2:0 erzielte.

          Dieser Blitzstart nach einer langen Saison war die Grundlage für ein lange ganz und gar unerwartetes deutsches Fußballfest in der Ferne. Die Nationalmannschaft siegte nach einem überzeugenden Auftritt in einer völlig neuen und damit nicht eingespielten Formation gegen die derzeitige Nummer zwei der südamerikanischen WM-Qualifikation dank einer atemraubenden Anfangsphase, in der wiederum Podolski (17. Minute) und Bender (24.) auf 4:0 erhöhten. Valencia glückte das 1:4 kurz vor der Pause, Ayovi das 2:4 kurz vor Schluss.

          Der schnellste Torschütze der deutschen Nationalelf-Geschichte: Lukas Podolski Bilderstrecke

          Der verdiente deutsche Sieg war auch ein überdeutliches Zeichen für die Extraklasse dieser jungen, ehrgeizigen und hochprofessionellen Fußball-Generation, die in Boca Raton bewies, dass auch eine deutsche B-Auswahl mitunter 1A-Fußball zu spielen versteht. „Wir wollten von Beginn an Druck machen. Wir haben in der zweiten Halbzeit gesehen, wie stark das Team von Ecuador ist“, sagte Podolski. „Es waren viele gute Jungs bei uns dabei. Wir haben vor allem in der ersten Halbzeit sehr gut gespielt.“

          Die Deutschen kombinierten nach Herzenslust

          Die Profis aus Ecuador, die sich momentan eigentlich in einer Hochphase befinden, wussten zunächst gar nicht, wie ihnen beim Ausflug nach Florida wenige Tage vor dem nächsten WM-Qualifikationsspiel in Peru mit der zweiten Reihe des deutschen Fußballs geschah. Die Deutschen kombinierten in der ersten Halbzeit nach Herzenslust, dominierten mit den beiden Neulingen Sam im rechten Mittelfeld sowie dem Freiburger Max Kruse als Angreifer, wie man das überhaupt nicht erwarten durfte.

          Bundestrainer Joachim Löw, so viel ließ sich spätestens nach dem 4:0 nach gut zwanzig Minuten sagen, hatte eine perfekte Mischung für die scheinbar undankbare Aufgabe in Boca Raton gefunden. Das letzte Mal, dass Deutschland früher vier Tore erzielt hatte, lag schon mehrere Fußball-Generationen zurück – 1986 beim 6:0 gegen den Fußballzwerg Malta.

          Podolski als Gewinner des Tages

          In der Schlussphase der ersten Halbzeit kamen Ecuador etwas besser in die Partie gegen eine deutsche Defensive, die allerdings nicht immer überzeugend und konsequent auftrat. Es war vor allem Torhüter Rene Adler zu danken, der bei einigen gefährliche Situationen stark reagierte, dass der Vorsprung lange erhalten blieb. Das 1:4 in der 45. Minute durch Valencia, den ecuadorianischen Star von Manchester United, dem ein nicht geahndetes Foulspiel an Marcel Jansen vorausging, konnte dann aber auch der Hamburger Torwart nicht mehr verhindern.

          Als deutscher Gewinner des Tages dufte sich vor allem Lukas Podolski fühlen, der sich schon zur Pause mit Handküssen ins Publikum in die Kabine verabschiedete. In seinem 109. Länderspiel erzielte der Arsenal-Stürmer seine Tore 44 und 45 – und dies nur wenige Tage, nachdem er von Manager Bierhoff ein paar offene Worte über seine bisher enttäuschende Saisonleistung in der Nationalelf zu hören bekommen hatte. Aber auch Lars Bender überzeugte nicht nur wegen seiner beiden Tore im ersten Teil der Amerika-Reise, bei der es am Sonntag in Washington gegen das Team des ehemaligen Bundestrainers Jürgen Klinsmann geht.

          Die Ecuadorianer sind keine Schweden

          Nach dem Wechsel war der Ehrgeiz der Südamerikaner zu spüren, einem verlorenen Spiel noch ein paar positive Szenen abzugewinnen. Aber die Ecuadorianer sind eben keine Schweden, und nach dem zwischenzeitlichen 0:4-Rückstand blieben sie bei allem Engagement vom Ausgleich doch ein ganzes Stück entfernt, nicht zuletzt wegen des starken Auftritts von Adler, der mehrmals beste Chance zunichte machte. Der Schwung des deutschen Teams aber ging dahin, die Sicherung des Sieges hatte Vorrang und die Konter waren längst nicht mehr so bezwingend wie zu Beginn.

          Löw wechselte nach knapp einer Stunde den leicht angeschlagenen Draxler für Hunt aus. Danach durften auch noch Schürrle und Aogo Einsatzzeiten sammeln – und der Mainzer Müller sowie der Leverkusener Wollscheid ihr Debüt geben. Das Not-Team des Bundestrainers geriet dann zwar noch in die ein oder andere Schwierigkeit. Aber mehr als den zweiten Gegentreffer in der 84. Minute ließ die kunterbunte deutsche Fußballgemeinschaft auch bei knapp 30 Grad nicht mehr zu.

          Ecuador - Deutschland 2:4 (1:4)

          Ecuador: Banguera - Paredes, Erazo, Achilier (67. Guagua), Caicedo (35. Elvis Bone) - Valencia , Ayovi, Castillo (69. Saritama), Noboa (60. Quinonez) - Montero (82. de Jesus) - Benitez (60. Royas)
          Deutschland: Adler (Hamburger SV/28/12) - Höwedes (FC Schalke 04/25/13), Mertesacker (FC Arsenal/28/89), Westermann (Hamburger SV/29/25), Jansen (Hamburger SV/27/38) - Lars Bender (Bayer Leverkusen/24/13 - 90.+1 Wollscheid/Bayer Leverkusen/24/1), Neustädter (FC Schalke 04/25/2 - 66. Reinartz/Bayer Leverkusen/24/2) - Sam (Bayer Leverkusen/25/1 - 70. Schürrle/Bayer Leverkusen/22/23), Draxler (FC Schalke 04/19/5 - 56. Hunt/Werder Bremen/26/3), Podolski (FC Arsenal/27/109 - 89. Nicolai Müller/FSV Mainz 05/25/1) - Kruse (SC Freiburg/25/1 - 79. Aogo/Hamburger SV/26/11)
          Schiedsrichter: Salazar (USA)
          Zuschauer: 5500
          Tore: 0:1 Podolski (1.), 0:2 Lars Bender (4.), 0:3 Podolski (17.), 0:4 Lars Bender (24.), 1:4 Valencia (44.), 2:4 Ayovi (84.)
          Gelbe Karten: Elvis Bone / Podolski, Reinartz, Westermann

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