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3:0 für Deutschland : Geduldsspiel in Tallinn

Zweimal Gündogan: Kimmich schreit seine Erleichterung über die Treffer des Kollegen heraus. Bild: dpa

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft muss einen frühen Platzverweis von Emre Can verkraften, gewinnt aber nach zähem Beginn 3:0 in Estland. Gündogan trifft zweimal, Werner setzt noch einen drauf.

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          Nach einer Viertelstunde war es mit der deutschen Selbstgewissheit erstmal vorbei, dass der Abend in Tallinn nach einem 8:0 im Hinspiel zu einer leichten und lockeren Übung auf dem Weg zur Endrunde der Fußball-Europameisterschaft werden könnte. Emre Can hatte wegen einer Notbremse früh die Rote Karte gesehen – und damit war der ehemalige Weltmeister gegen die Nummer 102 der Fußballwelt mehr als 75 Minuten in Unterzahl.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Was folgte, war vor allem in der ersten Halbzeit viel Kampf und Krampf, um einen blamablen Punktverlust gegen den krassen Außenseiter zu verhindern. Das gelang der deutschen Mannschaft schließlich auch, wenngleich lange mit viel Mühe. Erst in der zweiten Halbzeit konnte die Deutschen nach Toren von Ilkay Gündogan (51. und 57. Minute) aufatmen, am Ende stand nach einem weiteren Treffer von Timo Werner (71.) ein verdienter, aber unbefriedigender 3:0-Sieg.

          Fußball-Länderspiele

          Damit sind die Deutschen der Europameisterschaft trotzdem ein großes Stück näher gekommen, auch wenn sie sich dabei lange weit schwerer als erwartet taten. Nach dem zähen Erfolg in Estland steht das DFB-Team vor dem abschließenden Doppelspieltag im November punktgleich mit den Niederlanden an der Spitze der Qualifikationsgruppe C. Drei Punkte dahinter liegt Nordirland, das noch gegen die beiden großen Favoriten antreten muss – und vermutlich gleich beide Spiele gewinnen muss, um doch noch einen der beiden direkten Qualifikationsplätze erobern zu können.

          Die Chancen für die Deutschen ist allerdings weit größer, sich schon im nächsten Spiel am 16. November gegen Weißrussland in Mönchengladbach mit einem Sieg vorzeitig für die EM zu qualifizieren. Um die Runde als Nummer eins abzuschließen, müssen der Bundestrainer und sein unfertiges Team jedoch auf einen Ausrutscher der Niederlande hoffen, die das direkte Duell gegen Deutschland (2:3 und 4:2) zuletzt für sich entschieden hatten und am Sonntag 2:1 in Weißrussland gewannen.

          Aus der deutschen Partie in Tallinn unter besonderen Umständen lässt sich mit Blick auf die Europameisterschaft jedoch kaum eine verlässliche Prognose ableiten. Fest steht aber, dass es derzeit nicht viel an Hürden und Widerständen braucht, um die Deutschen aus dem Tritt zu bringen. Dafür muss der Gegner nicht einmal wie vor vier Tagen beim 2:2 nach 2:0-Führung Argentinien oder wie im Vormonat Niederlande heißen (2:4 nach 2:1).

          Kurzfristiger Ausfall von Gnabry

          Bei der vermeintlichen Pflichtaufgabe gegen Estland war nach der Absagenflut kurzfristig auch noch Serge Gnabry ausgefallen, der mit zehn Toren in elf Spielen zuletzt der erfolgreichste und auffälligste Nationalspieler gewesen war. Der Bundestrainer, der eigentlich bis zur Europameisterschaft eine feste Formation finden und einspielen lassen wollte, vertraute daher überraschend Luca Waldschmidt und nicht Timo Werner. Aber bevor die Deutschen an diesem Abend erstmals auf sich aufmerksam machten, hatte die Partie ihre eigene Dramaturgie durchgesetzt. Nach einem ungenauen Zuspiel auf Höhe des Strafraums von Niklas Süle versuchte Can mit einer Grätsche zu klären. Doch er kam bei der Rettungsaktion zu spät. Er traf den Esten, nicht den Ball. Der Schiedsrichter entschied auf Platzverweis wegen Notbremse.

          Von der bis dahin drückenden Überlegenheit der Deutschen, die Estland nahezu vollständig in die eigene Hälfte gedrängt hatten, war danach nicht mehr viel zu sehen. Die Esten, die bisher nur einen Punkt in der Gruppe gewonnen hatten, konnten die Partie in Überzahl weitgehend ausgeglichen gestalten – und kamen durch Mets auch zur bis dahin besten Chance, doch dessen Schuss flog über die Latte (18.). Nachdem der erste Schreck nach rund zehn Minuten im Spiel der Deutschen überwunden war, kamen sie durch einen Fernschuss von Waldschmidt (25.) auch zur ersten Chance. Doch bis zur Pause fand das Team von Bundestrainer Löw keine Lücke, sie spielte zu selten oder zu ungenau in Tiefe und konnten keinen dauerhaften Druck aufbauen. Die beste Gelegenheit resultierte daher aus einem schönen Freistoß von Marco Reus, der allerdings am Lattenkreuz landete (40.). Das war aber insgesamt auch in Unterzahl viel zu wenig für eine Mannschaft, die den Anspruch hat, in die Weltspitze zurückkehren zu wollen.

          Gündogan trifft mit zwei abgefälschten Schüssen

          In der zweiten Halbzeit wurde das Spiel der Deutschen zunächst kaum zwingender, aber nun hatten sie das Glück auf ihrer Seite. In der 51. Minute schoss Gündogan aus rund 18 Metern aufs Tor, aber der Ball traf zunächst nur den Fuß von Reus – und flog von dort ins Tor. Die Führung war eine spürbare Erleichterung für die Deutschen, die nun etwas zwingender spielten. Und kurz darauf waren alle Ängste verflogen: Nach einer schönen Kombination legte Reus den Ball mit der Hacke für Gündogan auf, dessen Schuss von Mets zum 2:0 ins eigene Tor abgefälscht wurde.

          Werner machte dann nur fünf Minuten nach seiner Einwechslung für Waldschmidt durch eine schöne Einzelleistung nach Zuspiel von Gündogan das 3:0 (71.). Danach wurde das Spiel zu dem, was es eigentlich von Beginn an hätte sein sollen: Eine Pflichtaufgabe, die Deutschland vor keine Probleme stellt.

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