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2. Liga : Grabesstimmung auf dem Tivoli

  • -Aktualisiert am

Keine Zuschauer, fünf Tore Bild: dpa/dpaweb

Zum Geisterspiel erschien ein Gespenst auf der Tribüne. Das 3:2 von Aachen gegen Nürnberg vor leerer Kulisse war eine Strafe für den Fußball.

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          Diesmal briet der Chef selbst. Doch ein Geschäft wurde es nicht. Denn diesmal verteilten der Aachener Imbißunternehmer Jupp Meyer und seine Mitarbeiterin an ihrem Stand hinter der Tribüne des Tivolistadions Bratwurst, Frikadelle und Kotelett umsonst an jene wenigen Augenzeugen, die zugelassen waren zu einer Premiere und einem der seltsamsten Ereignisse des deutschen Profifußballs zugleich.

          Aber immerhin hatte auch Meyer schließlich das Gefühl, zum 3:2 seiner Alemannia in der zweiten Fußball-Liga über den 1. FC Nürnberg und damit aus Aachener Sicht zum Gelingen des Abends beigetragen zu haben. Und sei es mit einem Kalauer. Denn, darauf beharrte er, "wir verkaufen gute rheinische Metzgerwurst - Nürnberger kommen mir nicht auf den Teller".

          Gespenst auf der Ehrentribüne

          Solche Witzeleien meinte der Nürnberger Trainer Wolfgang Wolf nicht, als er später von einem "komischen Spiel" sprach. Und obgleich es zum zweiten Mal um die Wurst ging, wollte sein Aachener Kollege Jörg Berger den juristisch begleiteten Gegensatz zwischen beiden Klubs nicht überstrapazieren. "Klappern gehört zum Handwerk", so bestätigte auch Wolf. "Aber mit diesem Spiel muß es nun auch erledigt sein." Diese bislang einmalige Affäre nämlich, an deren Ende unter Ausschluß des Publikums ein Spiel der zweiten Liga vom 24. November wiederholt werden mußte. Schon das hatte Aachen zwar 1:0 gewonnen, aber es wurde vom Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes neu angesetzt, weil Wolf dabei von einem Wurfgeschoß am Kopf getroffen worden war.

          So wurde auch erst 39 Tage nach dem Ende der Hinrunde der zweiten Liga der Tabellenführer bestimmt. "Jetzt steht der wahre Herbstmeister endlich fest", sagte Alemannias Sportdirektor Jörg Schmadtke. Das ist ein Titel, den es eigentlich gar nicht gibt. Aber auch das paßte dann zur Atmosphäre eines sogenannten "Geisterspiels", dessen meistbeachteter Akteur ein unbekannter Alemanne war, der sich den Spaß gemacht hatte, als Gespenst verkleidet als einziger Gast auf der Ehrentribüne Platz zu nehmen.

          Allein mit sich und der schwierigen Aufgabe

          Der Spaßvogel soll zur offiziellen Aachener Delegation gehört haben. Diese Feststellung war wichtig. Denn außer den je 40 Personen pro Verein durften nur noch rund 80 Journalisten, 70 Fotografen, einige Fernsehteams, dazu Techniker und insgesamt knapp hundert Ordner und Sanitäter teilhaben. Jeder andere blieb in der Kette der 500 Sicherheitskräfte und Polizeiposten rund ums Stadion hängen. Unter den wenigen Augenzeugen konnte dann so mancher seine Vorliebe nicht verbergen. Doch über vereinzelte Zurufe hinaus blieben die Profis allein mit sich und der schwierigen Aufgabe, ein möglichst normales Meisterschaftsspiel abzuliefern.

          Einer wie der Aachener Mittelfeldspieler Grlic ging das mit der Routine eines Profis an, der seinerzeit mit Fortuna Köln schon vor weitaus kleinerem Publikum aufgetreten war. Auch Sportdirektor Schmadtke, früher Torhüter bei Fortuna Düsseldorf, fühlte sich an einsame Stunden im einstigen Rheinstadion erinnert. Doch die meisten litten sichtlich unter dem Publikumsentzug. Zu Bergers und Wolfs Kummer insbesondere beide Abwehrreihen. Nur so schien die flotte Torfolge erklärlich. Zweimal ging Nürnberg in Führung. Erst durch Mintal (7. Minute), dann durch Aidoo (11.), den der "Klub" gerade erst aus Mönchengladbach verpflichtet hatte. Grlic, der einen Strafstoß verwandelte (9.), und Krontiris glichen prompt wieder aus (23.). "Wie im Training", schimpften beide Trainer. Dann beruhigte sich das Spiel, bis Salou zehn Minuten vor Schluß den Aachener Siegtreffer erzielte.

          Wie fette Bratwurst ohne Senf

          Zwar gaben sich insbesondere die Ordner in den orangefarbenen Leibchen alle Mühe, so etwas wie Torjubel zu inszenieren. Doch die vereinzelte Unterstützung kam auf dem Rasen kaum an. Willi Landgraf, Aachens altgedienter Verteidiger, fühlte sich gar um Jahrzehnte zurückversetzt, in Zeiten, als er des Sonntags morgens, "wenn eigentlich alle noch schlafen", mit dem Jugendteam spielen mußte. Und Wolf konnte keinen Vorteil darin erblicken, daß diesmal das Tivolipublikum, dessen Begeisterungsfähigkeit schon mal überschwappt, ausgesperrt blieb. Auch dem Nürnberger "fehlte die Stimmung".

          Umgekehrt paßte weder ihm noch Berger, daß jedes Schiedsrichterwort oder Trainerkommando bis unters Tribünendach zu verstehen war. "Kannst du mir mal erklären, was du da hinten zu suchen hast?" erkundigte sich etwa Berger mit drohendem Bariton bei einem Profi. Die allgemeine Heiterkeit, die er so hervorrief, bewog ihn, den Rest des Spiels eher schweigsam zu verfolgen.

          Doch Fußball ohne Emotionen ist wie fette Bratwurst ohne Senf. Deshalb hielten Sieger wie Verlierer anschließend an einer Einschätzung fest: "Der Fußball wurde bestraft." Und vor allem die Mehrheit jener Fans, die es vorziehen, Spiele friedlich zu verfolgen. Einige hundert feierten den Sieg auf der Krefelder Straße mit Autokorso und Hupkonzert. Vielleicht übten sie fürs übernächste Heimspiel am 4. Februar. Dann tritt der deutsche Meister Bayern München zum Pokalspiel am Tivoli an. Auch dann wird nicht jeder Zugang finden. Aber nur, weil das Stadion längst ausverkauft ist.

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