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2:4 gegen Argentinien : Ein Test, kein Finale

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So hatten sich Podolski (links) und Reus den Test nicht unbedingt vorgestellt Bild: AFP

Die WM-After-Show-Party hat der deutschen Nationalmannschaft vor Augen geführt, wie weit der Titelgewinn schon entfernt ist. Von dem weltmeisterlichen Glanz war in der Partie gegen WM-Finalgegner Argentinien nicht mehr viel übrig.

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          Das erste Länderspiel, kurz nach dem Bundesliga-Auftakt, besitzt meist wenig Aussagekraft und wird von den Spielern der deutschen Fußball-Nationalmannschaft eher als lästig empfunden. Doch dieses Mal hatte es so ausgesehen, als sollte der Start in die Länderspielsaison von größerem ideellem Wert sein als sonst. Zufällig traf die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes auf Argentinien, jenes Team, das sie 52 Tage zuvor im Finale der Weltmeisterschaft besiegt hatte. Vor dem Anpfiff war viel von einer „Neuauflage“ die Rede gewesen, aber eine Neuauflage konnte es nicht sein; das Aufeinandertreffen am Mittwoch war ja nur ein Test, kein Finale. Wenigstens ein Epilog sollte es werden, ein Nachwort zur großen Erfolgsgeschichte dieses Fußballsommers, das noch einmal die Erinnerung an den Triumph von Rio de Janeiro auffrischen sollte. Die Nachfeier vor eigenem Publikum sollte Vorfreude auf die EM-Qualifikation wecken, die an diesem Sonntag in Dortmund mit dem ersten Gruppenspiel gegen Schottland beginnt.

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          Herausgekommen ist beim 2:4 in Düsseldorf etwas ganz anderes. Die WM-After-Show-Party hat den Fans, den Spielern und dem Bundestrainer bewusst gemacht, wie schwer es wird, wieder das Niveau zu erreichen, das für den Erwerb des vierten Sterns notwendig war und wie weit der Titelgewinn schon entfernt ist ähnlich einer alten Geschichte, die man immer noch oft und gerne erzählt, ohne dass sie noch etwas mit dem Alltag zu tun hätte, der inzwischen eingekehrt ist. Gegen Argentinien zeigte sich dieser Alltag von seiner unerquicklichen Seite. So gut wie nichts war übrig von dem, was weltmeisterlichen Glanz ausstrahlte.

          Es fing schon bei der Aufstellung an: Der deutschen Startelf gehörten nur vier Spieler an, die auch beim WM-Finale in der Anfangsformation gestanden hatten. Verletzungen und Rücktritte zwangen Bundestrainer Joachim Löw, die Mannschaft umzubauen. Das tat vor allem der Abwehr nicht gut, führte aber auch im Angriff zu Defiziten, die man sich im Ernstfall nicht erlauben kann. Der Dortmunder Abwehrblock, bestehend aus Matthias Ginter, dem zweiten Innenverteidiger neben Benedikt Höwedes aus Schalke, sowie den Außendienstmitarbeitern Kevin Großkreutz (rechts) und Erik Durm (links), wirkte überfordert. „In der Defensive haben wir den einen oder anderen Fehler gemacht“, sagte Löw, zeigte sich aber milde gestimmt. Er wolle „der Mannschaft keinen Vorwurf machen“. Einige Spieler seien noch nicht in der Form, die er sich vorstelle, andere verletzt. Mit solchen „Problemchen“ werde die Nationalelf „noch ein bisschen zu kämpfen haben“. Da neben Schweinsteiger, Khedira, Özil und Hummels gegen Schottland auch noch Draxler ausfallen dürfte, kündigte der Bundestrainer an, er werde „den einen oder anderen Spieler nachnominieren“.

          Zu manchem der vielzitierten Fehler wurde die störanfällige Defensive auch gezwungen. Vor allem ein Mann schadete den deutschen Sicherheitsinteressen auf dem Platz gewaltig. Angel di Maria schüttelte die Deutschen durch – so heftig, dass Argentinien nach fünfzig Minuten schon 4:0 führte und dem Weltmeister ein Debakel drohte. Der Flügelspieler, der im WM-Finale verletzt fehlte, bereitete die ersten drei Tore vor und schoss das vierte selbst. Dank seines überragenden Auftritts fiel das Fehlen des verletzten argentinischen Genies Lionel Messi nicht weiter auf.  Wenn Löw mal nicht auf Fragmente des Weltmeisters angesprochen wurde, sah er sich mit der Frage konfrontiert, ob er nicht froh sei, dass di Maria im Finale verhindert war. Aus der Antwort des Bundestrainers spricht ein Selbstbewusstsein, das auch eine Heimniederlage mit vier Gegentoren nicht zu zerstören vermag. „Wir hätten sie an diesem 13. Juli auch geschlagen, wenn die Maria dabei gewesen wäre. An diesem Tag hätte auch er gegen uns nichts ausrichten können.“

          Der Düsseldorfer Auftritt indes erinnerte an eine Zeit des Zweifelns, als sich kaum jemand vorstellen konnte, dass Deutschland in Brasilien Weltmeister werden würde. Die Nationalelf spielte zuweilen ansehnlich, hatte aber weder einen Rechts- noch einen Linksverteidiger der ersten Kategorie, und vorne vergab Mario Gomez die Chancen. Auch Monate später bei seinem Comeback zeigte der Stürmer unfreiwillig, wie schwierig der Umbruch werden könnte. Gomez ließ zwei, drei gute Chancen ungenutzt – und wurde prompt zum Buhmann. Die Weltmeister haben beim Publikum Kredit, Gomez nicht, das war deutlich zu hören.

          Für den Angreifer hat sich ein Kreis geschlossen, der für ihn zum Teufelskreis werden könnte. Von Verletzungen zurückgeworfen, musste er lange auf sein Comeback in der Nationalelf warten. Beliebter beim Publikum ist er in der Zwischenzeit nicht geworden. Vor einem Jahr in Kaiserslautern gegen Paraguay war er ausgepfiffen worden, als er eingewechselt wurde, in Düsseldorf pfiffen viele Zuschauer bei seiner Auswechslung. Löw empfindet diese Reaktion als unfair und störend. „Es geht einfach nicht, dass ein deutscher Spieler im eigenen Stadion ausgepfiffen wird“, sagt er. Gomez schien der Abend dennoch gefallen zu haben. „Für mich war es schön, nach der langen Zeit mit den vielen Verletzungen wieder dabei zu sein. Ich hatte zwei gute Chancen, aber der Torhüter hat sehr gut gehalten.“ Es sei ihm noch immer „eine Ehre, für Deutschland zu spielen“, sagt Gomez. „In zwei Jahren steht das nächste Turnier an, also werde ich in den nächsten zwei Jahren versuchen, möglichst viel zu spielen, gut zu spielen und dann zum Turnier zu kommen.“

          Für erste dürfte Löw die Schwachstelle in der Spitze jedoch auflösen, in dem er etwa Mario Götze, in Rio Schütze des Siegtors, als Stürmer aufbietet. Junge Spieler wie Durm oder Ginter will der  Bundestrainer in den zwei Jahren bis zum nächsten großen Turnier an höhere und höchste Aufgaben heranführen. Gomez wird wohl ein wenig schneller vorankommen müssen, falls er in der Nationalelf, als Kloses Nachfolger, doch noch mal eine tragende Rolle spielen will.

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