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2:1 in Österreich : Gedämpfte deutsche Glücksgefühle

Freude in Wien: Deutschland gewinnt auch das zweite Spiel auf dem Weg zur WM 2014 Bild: dpa

Zweites Spiel, zweiter Sieg: Deutschland gewinnt auf dem Weg zur WM 2014 mit 2:1 in Österreich. Reus und Özil treffen. Bundestrainer Löw nimmt aus Wien aber auch einige offene Fragen mit.

          3 Min.

          Deutschland hat einen perfekten Start in die WM-Qualifikation hingelegt – den Zahlen nach. Das glückliche 2:1 des großen Favoriten der Gruppe C gegen Österreich nach Toren von Marco Reus (45. Minute), Mesut Özil (52., Foulelfmeter) und Zlatko Junuzovic (57.) bedeutete den zweiten Sieg im zweiten Spiel.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Aber außer der Maximalzahl von sechs Punkten nimmt der Tabellenführer aus Wien auch ein paar offene Fragen mit auf seinem Weg in Richtung WM 2014 in Brasilien. Das vom Bundestrainer Löw angekündigte Pressing blieb in einer spannenden, von den Österreichern leidenschaftlich geführten Partie jedenfalls nur Stückwerk, wenn man es überhaupt entdecken konnte.

          Und auch die seit Jahren latente Schwachstelle, die linke Außenverteidigerposition, konnte der Dortmunder Marcel Schmelzer längst nicht wie gewünscht mit Qualität ausfüllen. Fast alle gefährlichen Angriffe der Österreicher in der zweiten Halbzeit liefen über diese Schwachstelle, die aber keineswegs die einzige im deutschen Team an diesem nur vom Ergebnis und der Einsatzbereitschaft erfreulichen deutschen Abend war.

          „Wir haben sechs Punkte aus zwei Spielen, das ist ein sehr guter Start. Mit dem Spiel können wir nicht zufrieden sein. Der Gegner hat früh Druck gemacht, damit sind wir überhaupt nicht klar gekommen“, sagte Kapitän Philipp Lahm. Bundestrainer Löw war auch nicht zufrieden: „Wenn wir 2:1 führen, müssen wir in der Lage sein, den Ball zu behaupten. Wir haben die Österreicher immer wieder ins Spiel gebracht“, klagte er.

          Ausrufezeichen in Wien: Marco Reus brachte die deutsche Elf kurz vor der Pause in Führung Bilderstrecke
          Ausrufezeichen in Wien: Marco Reus brachte die deutsche Elf kurz vor der Pause in Führung :

          Dominanz im deutschen Spiel suchte man vergebens, spielerische Klasse war nur in ganz wenigen Momenten erkennbar. Dabei war der Bundestrainer vier Tage nach dem 3:0 gegen Färöer wie erwartet wieder zur klassischen Grundordnung 4-2-3-1 zurückgekehrt, mit Toni Kroos im defensiveren Mittelfeldteil neben Sami Khedira, aber Stabilität ging davon weit weniger als erhofft aus. Tatsächlich versuchten auch nicht die Deutschen von Beginn an den Gegner in der eigenen Hälfte zu attackieren und zu Ballverlusten zu zwingen – sondern Österreich.

          Die Nummer 49 der Weltrangliste rückte der Nummer zwei immer wieder leidenschaftlich, aggressiv und gut organisiert auf den Leib. So früh und konsequent jedenfalls wurde die deutsche Defensive nicht oft von einem Gegner beim Spielaufbau gestört. Nach zuletzt sieben Niederlagen nacheinander gegen Deutschland suchten die Österreicher ganz beherzt ihr Glück – so, wie man es sich eigentlich von den Deutschen gewünscht hatte.

          Die Deutschen stellen ihr Pressing wieder ein

          Der Höhepunkt des erfolgreichen Störprogramms war in der 36. Minute erreicht, als Torwart Neuer so in Bedrängnis geriet, dass er Baumgartlinger anschoss – und das deutsche Team von Glück sprechen konnte, dass der Ball nicht ins Tor prallte. Die Deutschen hatten da ihr sogenanntes Pressing schon weitgehend eingestellt.

          Ihnen fehlten die Mittel, vielleicht auch der Mut angesichts einer eigenen Defensive, die auch schon ohne das Risiko des Pressings vor allem mit Schmelzer und Lahm wackelig genug daherkam. Hummels hatte zudem in der vierten Minute mit einem eigentlich tödlichen Fehlpass beim Aufbau den Österreichern beim Kontern freie Bahn verschafft. Doch Harnik zögerte beim Torschuss ein wenig, Badstuber konnte den Ball noch abblocken.

          Reus schlägt einen Haken und schießt das 1:0

          In einem packenden, aber von den Deutschen nie hochklassig und auch weit weg von ihrer Leistungsgrenze geführten Duell war Müller in der zehnten Minute die lange beste Chance vor die Füße gefallen. Ein abgeprallter Ball von Klose landete beim einstigen WM-Torschützenkönig, doch sein Schuss war zu unpräzise und traf den Torwart. Deutsche Spielkultur scheiterte in Wien meist schon in Ansätzen. Entweder gingen die Österreicher zu energisch dazwischen, oder dem letzten deutschen Pass fehlte es an Genauigkeit.

          Das Team von Löw konnte angesichts einer unzureichenden Spielanlage seine größere individuelle Klasse nur gelegentlich ausspielen. Und dieser Vorteil der großen Substanz machte die Führung in der 45. Minute möglich. Klose hatte in unübersichtlicher Situation den Blick für Reus, der sich von keinem Österreicher mehr aufhalten ließ, einen Haken schlug und den Ball mit Übersicht ins Tor beförderte. Ein einziger Lichtblick hatte genügt, um die Deutschen gegen dominierende Österreicher in Führung zu bringen.

          Deutsche können die Schwächen nicht verwischen

          Nach dem Wechsel schien die Energie der Österreicher schlagartig gewichen. Sie übten zunächst keinen Druck mehr aus – und Löws Team zeigte, dass es in der Lage ist, solche Chancen auch mal ganz schnell zu nutzen, mit freundlicher österreichischer Hilfe wohlgemerkt. Kavlak rannte Müller im Strafraum einfach über den Haufen. Den fälligen Elfmeter nutzte Özil zum 2:0.

          Sieben Minuten, so schien es, hatten dem Favoriten gereicht, um die Partie zu entscheiden. Aber die erstklassige Ausgangslage und sichtlich beeindruckte Österreicher reichten nicht, um die deutschen Schwächen zu verwischen. Badstuber und Schmelzer ließen sich von Arnautovic in der 57. Minute auf der rechten Seite ausspielen, den Pass des Werder-Profis schob Junuzovic zum 2:1 über die Linie.

          Arnautovic gibt kurz vor Schluss die große Chance

          Mit Engagement verteidigten die Deutschen jedoch ihren Vorsprung, auch wenn sie sich durch einen verunglückten Rückpass von Lahm (72.) selbst in größte Gefahr brachten. Drei Minuten vor Schluss vergab Arnautovic dann ganz alleine vor dem Tor die größte Chance zum Ausgleich. Er brachte den Ball aus drei Metern nicht ins Tor.

          Österreich - Deutschland 1:2 (0:1)

          Österreich: Almer (Fortuna Düsseldorf/28 Jahre/4 Länderspiele) - Garics (FC Bologna/28/28), Pogatetz (VfL Wolfsburg/29/49), Prödl (Werder Bremen/25/35), Fuchs (FC Schalke 04/26/49) - Baumgartlinger (FSV Mainz 05/24/23 - 86. Janko/Trabzonspor/29/28), Kavlak (Besiktas Istanbul/23/19) - Arnautovic (Werder Bremen/23/20), Junuzovic (Werder Bremen/24/21), Ivanschitz (FSV Mainz 05/28/57 - 75. Jantscher/Dynamo Moskau/23/11) - Harnik (VfB Stuttgart/25/31 - 55. Burgstaller/Rapid Wien/23/5)
          Deutschland: Neuer (Bayern München/26/33) - Lahm (Bayern München/28/93), Hummels (Borussia Dortmund/23/22), Badstuber (Bayern München/23/28), Schmelzer (Borussia Dortmund/24/8) - Khedira (Real Madrid/25/35), Kroos (Bayern München/22/32) - Müller (Bayern München/22/35), Özil (Real Madrid/23/41), Reus (Borussia Dortmund/23/11 - 46. Götze/Borussia Dortmund/20/18) - Klose (Lazio Rom/34/124 - 75. Podolski/FC Arsenal/27/103)
          Schiedsrichter: Kuipers (Niederlande)
          Zuschauer: 47.000 (ausverkauft)
          Tore: 0:1 Reus (44.), 0:2 Özil (52./Foulelfmeter), 1:2 Junuzovic (57.)
          Gelbe Karten: Baumgartlinger, Fuchs, Prödl / Lahm

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