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2:1 gegen Brasilien : Strahlend Orange - Holland im Halbfinale

Alles oranje: Niederländische Siegesfeier Bild: AFP

In einem leidenschaftlichen Viertelfinale, das hält, was die Namen versprechen, drehen die Niederländer das Spiel und schaffen den Einzug ins WM-Halbfinale. Brasiliens Niederlage trägt einen Namen: Melo fabriziert ein Eigentor und eine Rote Karte.

          Oranje strahlte, Brasilien hatte den Blues: Um zehn vor sechs am Freitag Nachmittag war der Rekordweltmeister nicht mehr dabei, und die Fußball-WM in Südafrika hatte ihren ersten Klassiker. In einem packenden, prickelnden, giftigen Duell, das das Publikum in Port Elizabeth in der zweiten Halbzeit wie unter Strom setzte, hat das Team der Niederlande zum ersten Mal seit 1998, als man den Brasilianern im Elfmeterschießen unterlag, das WM-Halbfinale gegen Uruguay erreicht (siehe: 2:4 im Elfmeterschießen: Ghanas großes Drama), mit einem 2:1-Sieg gegen den großen Favoriten. Damit sind die Holländer seit 24 Spielen ungeschlagen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Mann des Spiels war der Brasilianer Felipe Melo, der in der 10. Minute das 1:0 durch Robinho mit schönem Zuspiel eingeleitet hatte und in der 53. Minute den Holländern durch ein Eigentor schenkte, das allerdings vor allem sein Torwart Julio César verschuldete. Kurz nach dem 2:1 durch Wesley Sneijder (67.) durch einen Kopfball nach Ecke von Arjen Robben sah Melo für ein Nachtreten gegen den am Boden liegenden Robben die Rote Karte.

          Die Holländer hatten den Beginn der Partie etwas verschlafen. Sie zeigten sich bei der Spieleröffnung der Brasilianer viel zu passiv, niemand, auch nicht der noch am nächsten postierte Mark van Bommel, störte nach zehn Minuten den ballführenden Melo, der in Ruhe seine Optionen studierte und dann aus dem Mittelkreis ein feines Durchspiel in den Strafraum zirkelte, präzise in den Lauf des durchgestarteten Robinho, der völlig frei aus zwölf Metern zum 1:0 traf.

          Feierwerk Orange: Van Bommel, van der Wiel und Sneijder

          Die holländische Abwehr hatte ihn völlig ignoriert, und so war ausgerechnet Stürmer Robben der einzige, der wenigstens versuchte, Robinho zu stören - vergeblich. Die Holländer konterten eine Minute später mit einem scharfen Schuss von Dirk Kuyt aufs kurze Eck, den Torwart Julio César zur Ecke lenkte. Meist aber versandeten die Angriffe noch, bevor die Gefahrenzone erreicht war, denn die brasilianische Defensive stand exzellent. Nur zweimal offenbarte sie technische Fehler, einmal bei Lucios Ballverlust gegen Kuyt, der fast eine gefährliche Chance für van Bommel eröffnete, und dann beim vergeblichen Versuch von Gilberto Silva, eine auf den Platz geflogene Frisbee-Scheibe ins Aus zu befördern. Es gelang ihm erst im Nachsetzen (17.).

          In der ersten Hälfte steht die brasilianische Wand

          Später sprang Abwehrkollege Juan nach einer Ecke der Ball bei der großen Chance zum 2:0 zu hoch vom Fuß (25.). Es war ein Spiel auf starkem Niveau, doch das von dem Aufeinandertreffen zweier offensiver Fußballnationen erwartete Spektakel fand in der ersten Halbzeit nur nach einer halben Stunde aufregende zwei Minuten lang statt: Doppelpass Luis Fabiano auf Maicon, der mit großen Schritten Richtung Strafraum eilt und von van Bommel im letzten Moment mit starkem Tackling gestoppt wird - im Gegenzug bringt van Persie Robben ins Spiel, doch der kann sich nicht zum Direktschuss mit dem schwächeren rechten Fuß entscheiden und findet dann keine Lücke mehr - abermals im Gegenzug Fabiano per Hacke auf Kaká, der einen Dreher ansetzt, doch Torwart Maarten Stekelenburg holt ihn mit fabelhafter Parade, mit der rechten Hand übergreifend, aus dem rechten Winkel.

          Und Robben? Eng und hart gedeckt, blieb er lange ohne Wirkung - oft gefoult, oft auch von Trainer Carlos Dunga und seinen Spielern der Schwalbe bezichtigt. Seine auffälligste Szene hatte er in der 35. Minute mit einem etwas albernen, misslungenen Ecken-Trick. In der letzten Szene vor der Pause durchschaute Nigel de Jong an der Mittellinie einen Hackentrick der Brasilianer und spielte Robben den Ball genau dorthin, wo er ihn mag, halbrechts mit viel Platz - seine persönliche Standardsituation, aus der er viele Tore für den FC Bayern und im Achtelfinale gegen die Slowakei auch eins für Holland erzielt hatte. Doch die Brasilianer kannten seinen immergleichen Haken nach innen auf seinen linken Fuß schon und ließen ihn vor eine blaue Wand laufen.

          César und Melo schenken Holland das 1:1

          Woher sollte Holland ein Tor bekommen? Von den Brasilianern, als Geschenk verpackt. Sneijder schlug kurz nach der Pause auf Verdacht eine Flanke, die sich zum Tor drehte - sie landete beim Gegner, bei Melo, der hochsprang, um den Ball wegzuköpfen, doch dabei kam ihm plötzlich von hinten Torwart Julio César ins Gehege, der völlig ohne Not von seiner Linie gespurtet war, um den Ball wegzufausten. So konnte der bedrängte Melo seinen Kopfball nicht kontrollieren und lenkte ihn unfreiwillig zum 1:1 ins eigene Tor.

          Nun war es ein prickelndes Spiel voll Tempo und Zug zum Tor. Alves schoss aus 25 Metern knapp daneben (61.), van Persie traf den Ball nicht richtig (63.), Kaká nahm einen Abpraller gekonnt mit der Brust auf, setzte seinen Heber aber knapp neben den Pfosten. Doch man spürte, wie Oranje die kräftigere Farbe wurde. Robben brachte eine Ecke von rechts in flacher Flugkurve aufs kurze Eck, wo Kuyt dem Ball entgegengelaufen war - er streifte mit dem Kopf und lenkte ihn so weiter zu Sneijder, der aus fünf Metern das 2:1 erzielte. Der nur 1,70 Meter große Spielmacher tippte sich jubelnd immer wieder gegen die Stirn, während Kuyt und Robben ihre offenbar einstudierte Ecken-Variante feierten. In der Schlussphase wogte das Spiel wie die Brandung des Indischen Ozeans wenige hundert Meter vor dem Stadion - Kuyt und Sneijder verpassten das 3:1, Kaká scheiterte mit der besten Ausgleichschance.

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