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150 Jahre Englischer Fußball-Verband : Fuß trifft Ball – Eine Liebesgeschichte

Ein nicht zu tilgender Zufallsfaktor

Vielleicht liegt ein Grund für diese Popularität gerade in der Möglichkeit der Null. Darin, dass die Festlegung der Kneipenbrüder von 1863 auf diese Schwierigkeit und damit auch Kostbarkeit des Torerfolges einen Trost gibt, den Spiele mit hohen Resultaten, wie Handball oder Basketball, nicht bieten können. Nur im Fußball kann ein deutlich unterlegenes Team ein Spiel gewinnen, wie Mönchengladbach gegen Dortmund vor zwei Wochen; oder, wie Leverkusen, gegen einen turmhoch dominierenden Gegner wie Bayern München mit 1:1 davonkommen.

Der Planbarkeit des Fußballs steht sein nicht zu tilgender Zufallsfaktor im Wege. Auch dadurch hat er sich einen, wenn auch schwindenden, Rest an Unbezähmbarkeit, an Unkontrollierbarkeit durch Geld und Macht bewahrt. Ein Spiel, in dem fröhliche Urlauber aus Dänemark und schlaue Betonmischer aus Griechenland eine Europameisterschaft gewinnen können. Und in dem drei Millionen Uruguayer zweimal Weltmeister wurden, drei Milliarden Chinesen, Inder, Amerikaner und Russen aber nie.

Der Fußball mag keine Großmächte, auch das macht ihn sympathisch. Auch keine gefühlten Großmächte, wie die Engländer selbst, die sich fast hundert Jahre lang, nachdem sie der Welt den Fußball gaben, der Welt im Fußball überlegen wähnten. Und die dann, für ihren einzigen internationalen Titel, ein geklautes Tor brauchten. Jenes „Wembley-Tor“ von Geoff Hurst, der U-Bahn-Station nahe der Freemasons’ Tavern.

Dem Kneipentreffen sei dank

Es dauerte 46 Jahre seit dem umstrittensten Tor der Geschichte und 149 Jahre seit der Begründung des Fußballs, bis das achtköpfige „International Football Association Board“, das über die Fußballregeln wacht und nur selten wirklich gravierende Veränderungen zulässt (wie die Einführung von Elfmetern 1891, Einwechslungen 1958, Roten und Gelben Karten 1970) – dass dieses erzkonservative Gremium den Einzug der Technologie ins Regelwerk zuließ. Die Möglichkeit der Torlinienüberwachung, 2012 zugelassen, erlaubte erstmals die Anwesenheit von etwas auf dem Fußballfeld, das 1863 noch nicht existierte. Alles andere gab es schon damals: 23 Menschen, zwei Tore, vier Fahnen, einen Ball.

Diese unglaubliche Beharrlichkeit des Regelwerks zeugt von der Weitsicht einer Handvoll Männer in einem verqualmten Pub im verklemmten viktorianischen England. Natürlich würde man auch ohne diese Pioniere heute irgendeine Form von Fußball spielen. Aber sie waren die Begründer einer Ordnung, die viele andere Ordnungen überdauerte. Ohne das Kneipentreffen an einem Montag vor 150 Jahren gäbe es nicht den Fußball, wie wir ihn kennen. Sondern einen vielleicht ganz anderen. Wer weiß, ob er so gut wäre.

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