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1. FC Nürnberg : Der Meerrettich-König plant den Umsturz

  • -Aktualisiert am

Was ist denn hier los? Valerien Ismael kommt in Nürnberg nicht zur Ruhe. Bild: dpa

Martin Bader und Valerien Ismael bleiben im Amt – ihre Tage beim „Club“ könnten trotzdem gezählt sein. Denn ein Mann mit Einfluss arbeitet im Hintergrund an einem Umbruch beim 1. FC Nürnberg.

          In der Stunde der großen Not wollte sich der taumelnde Bundesligaabsteiger 1. FC Nürnberg, der auch eine Klasse tiefer mit Platz 16 tief im Abstiegssumpf steckt, wenigstens bis zur Mitgliederversammlung am kommenden Dienstag schleppen. Oder durchmogeln, das ist vielleicht der bessere Begriff. Fünf von neun Aufsichtsratsmitgliedern werden dann neu gewählt, auch, weil sie beim „Club“ aufgrund anhaltender Erfolgslosigkeit ein ziemlich zerstrittener Haufen geworden sind.

          Einige Mitglieder des Gremiums wollten mit dem beachtlichen Niedergang offenbar nicht mehr in Verbindung gebracht werden und zogen sich zurück. Der Unternehmer Hanns-Thomas Schamel, der in Mittelfranken der „Meerrettich-König“ von Baiersdorf genannt wird, will allerdings den Aufsichtsrat nun aufs Neue erobern: mit einer Gruppe „Pro Club 2020“. Auch das passt zur munteren Folklore der Nürnberger Krisengeschichten. So steht für die kommende Woche ein Umbruch beim „Club“ im Raum.

          Einer, zu dem es am Donnerstag noch nicht gekommen ist – trotz einer rund fünfstündigen Krisensitzung, bei der Sportvorstand Martin Bader und der Sportliche Leiter Wolfgang Wolf bei Aufsichtsratschef Klaus Schramm antreten mussten. Trainer Valerien Ismael haben auch drei Niederlagen nacheinander, 0:8 Tore sowie der Eindruck einer nicht funktionierenden Mannschaft nicht den Posten gekostet. Womöglich ist seine Entlassung aber nur eine Frage der Zeit – zum Beispiel, wenn auch das Heimspiel gegen Kaiserslautern am kommenden Montag verlorengehen sollte. Bedeutend länger ist die Misserfolgsbilanz von Bader.

          Auch Ismael darf bleiben

          Doch auch er darf bleiben. Die Chaos-Tage in Nürnberg erleben ihre Fortsetzung. Auf der Suche nach Erfolg scheinen die Nürnberger seit geraumer Zeit ohne Kompass zu agieren. Selbst die Neuausrichtung in der zweiten Liga, an deren Ende der sofortige Wiederaufstieg in die Bundesliga stehen soll, droht – Stand heute – trotz großer Investitionen in der Sackgasse zu münden. Der ruhmreiche „Club“ ist ein dauerhafter Krisenfall geworden. Bader, der navigationsschwache Lotse auf der Kommandobrücke, könnte deshalb demnächst von Bord gehen.

          In diese Richtung zielt zumindest der Plan von Schamel. Michael Wiesinger, Gertjan Verbeek und nun Ismael – aller schlechten Dinge waren drei bei der zurückliegenden Trainerauswahl von Bader. Das Glück, das er einst mit Dieter Hecking oder lange Zeit mit Hans Meyer gehabt hatte, hat ihn verlassen. Der Blick oder das Gefühl für den richtigen Trainer zum richtigen Zeitpunkt sind ihm abhanden gekommen. Mit dem ehemaligen Bayern-Profi Ismael holte Bader zwar einen jungen und unverbrauchten Trainer für den versprochenen Neuanfang. Ihm war von Anfang an klar, dass er nur mit Siegen in einem ruhigen Umfeld würde arbeiten können.

          Doch als dann zum großen Misserfolg der Vorsaison der aktuelle dazukam und die Stimmung in blanke Wut umschlug, unterliefen dem früheren Innenverteidiger unter Druck Fehler – vielleicht auch aus Unerfahrenheit. Nach dem 4:0 bei Union Berlin sprach Ismael noch vollmundig von der „Geburt einer neuen Mannschaft“. Drei erfolglose und torlose Spiele später müsste vielmehr von einem „Sterben in Raten“ die Rede sein. Ein Teil der Anhängerschaft hat jedenfalls den Abgesang auf die völlig verunsicherte und überforderte Mannschaft angestimmt. Dafür wurden sie von Ismael ausdrücklich gescholten. Eine kluge Reaktion des Trainers war das nicht.

          Als aufgebrachte Fans nach dem 0:3 in Karlsruhe die Trikots der Spieler einkassierten, weil sie die Mannschaft nicht als würdig erachteten, das „Club“-Trikot zu tragen, enthielt sich Ismael der Stimme – und das, obwohl die „Kleidersammlung“ der Ultras einmalig im deutschen Fußball war. Sie offenbarte, dass beim tief gefallenen Traditionsverein in schlechten Zeiten nichts unmöglich zu sein scheint. Die sportliche Leitung steht angesichts der nicht vollzogenen Wende vor einem Trümmerhaufen. Ihn aus dem Weg zu räumen, dafür könnte der Klub schon bald neue Aufbauhelfer anheuern. Wobei: Momentan kann sich kaum einer seines Postens sicher sein. Auch darin liegen die Brisanz und die Problematik in Nürnberg. Ohne schnellen Erfolg steht der „Club“ vor einer Zerreißprobe mit ungewissem Ausgang.

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