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1. FC Kaiserslautern : Die Verschwender aus der Pfalz

Ministerpräsident Beck - hier bei der Meisterfeier 1998 - ließ für seinen Lieblingsklub stets besondere Fürsorge walten Bild: picture-alliance / dpa

Der 1. FC Kaiserslautern steht nicht nur sportlich am Abgrund. Seit Jahren werden Steuergelder verbrannt. Nirgendwo anders wurden Gesetze so hemmungslos gebrochen und gehören Größenwahn und Dilettantismus zum unternehmerischen Wirken.

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          Noch schmettern die treuesten Anhänger auf der Westtribüne vor dem Anpfiff den Kultsong „You'll Never Walk Alone“. Aber auch ihre Hingabe ist an einer Belastungsgrenze angelangt. Ein Vertreter der Lauterer Fanklubs verlas zum Zweitligaspiel am Freitag gegen Freiburg auf dem Platz einen „offenen Brief“ der Fans - doch was als Vertrauensbeweis für die am sportlichen Abgrund stehende Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern gedacht war, erschien eher wie ein letztes symbolisches Händereichen vor dem gemeinsamen Absturz. „Wir stehen hinter euch“, dröhnte es durchs spärlich besetzte Fritz-Walter-Stadion, richtig zuhören wollte keiner mehr.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Hoch oben auf dem Betzenberg thront die maßlos überdimensionierte WM-Arena. Eigentlich ein beeindruckender Anblick. Doch das Stadion steht für Verschwendungssucht und schlimme Sünden der Vergangenheit. Bei den Verantwortlichen hat sich Nervosität ausgebreitet, man ist zugeknöpft, böse Gerüchte kursieren, vom Crash beim 1. FC Kaiserslautern ist die Rede. Wohl bei keinem anderen Fußballklub in Deutschland ist in so kurzer Zeit so viel Geld des Steuerzahlers verbrannt worden. Nirgendwo anders wurden Gesetze so hemmungslos gebrochen und gehören Größenwahn, Missmanagement und Dilettantismus zum unternehmerischen Wirken.

          „Ein extremes Risiko für die Stadt“

          Zum ersten Mal in Deutschland könnte der Ruin eines traditionsreichen Fußballvereins auch gefährliche Auswirkungen auf eine Kommune haben. „Wir haben hier ein extremes Risiko für die Stadt“, gibt Hans-Artur Bauckhage zu, ehemals Wirtschaftsminister von Rheinland-Pfalz und seit einigen Monaten ehrenamtlicher Vorstandssprecher des FCK. Der FDP-Politiker im Pensionsalter sieht sich als Helfer in der Not.

          Die maßlos überdimensionierte WM-Arena: Das Stadion steht für Verschwendungssucht

          Erhält der Verein keine Lizenz für den Profifußball oder steigt er in die dritte oder zwangsweise sogar vierte Liga ab und könnte nicht mehr seinen Zahlungen als Mieter des Stadions nachkommen, geriete - wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung erfuhr - ein heikles Kreditgeschäft in Höhe von 65 Millionen Euro in Gefahr, für das die Stadt als Bürge zu hundert Prozent eintreten müsste. Oberbürgermeister Klaus Weichel spricht von einer „Katastrophe“. Das strukturarme Kaiserslautern ist schließlich schon von Schulden hoch belastet.

          Eine Leidenstour in drei Etappen

          Das Chaos um den FCK hätte dann eine neue Dimension erreicht. Mehr als 100 Millionen Euro sind über die vergangenen fünfzehn Jahre von Stadt und Land in den Verein gepumpt worden, in erster Linie für Modernisierungs- und Umbauarbeiten des Stadions, aber auch für die Übernahme von Verbindlichkeiten oder den Erlass von Steuerschulden. Der FCK galt immer als Identifikationspunkt und wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Pfalz, und Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) ließ für seinen Lieblingsklub stets besondere Fürsorge walten. Den Bonus verspielten die Verantwortlichen des Vereins - die Talfahrt seit der Meisterfeier 1998 ist für die vielen Fans eine Leidenstour in drei Etappen.

          Erst brachten die dubiosen Geschäftspraktiken des uneinsichtigen Führungstrios Jürgen Friedrich, Gerhard Herzog und Robert Wieschemann den Verein an den Rand des Zusammenbruchs. Wegen Steuerhinterziehung und Beihilfe zur Steuerhinterziehung wurden der ehemalige Vorstand, Geschäftsführer und Aufsichtsratschef bestraft. Gehalten haben sich bis heute Vorwürfe wegen auffällig vieler Spielerdeals mit Vermittlungsprovisionen in Millionenhöhe mit dem Spielerberater Roger Wittmann, in dessen Firma (Rogon) Friedrich heute ganz offiziell als Vorstandsmitglied firmiert.

          Ein Heer von Spielern kam und ging

          Der Schweizer Geschäftsmann René C. Jäggi sah sich danach als Retter, zog mit dem Ministerpräsidenten Beck an einem Strang, doch auch der smarte Manager zeigte eklatante Schwächen. Leere Versprechungen in Sachen Investoren. Fünf Trainer verschliss Jäggi in den vier Jahren seiner Zeit als Vorstandschef bis 2006. Ein Heer von Spielern kam und ging wieder, alles verbunden mit Transferausgaben, Abfindungen und auch hier Vermittlungsprovisionen. Diese überstiegen zwischen 1999 und 2006 unter Friedrich und dann Jäggi mehr als das Doppelte des Ligaschnitts. Nur kurz währte im WM-Jahr die Hoffnung auf die neue Führungscrew. Suspekt konnte einem vorkommen, dass ausgerechnet der 48 Jahre alte Erwin Göbel zum Vorstandsvorsitzenden aufstieg. Der Finanzmann gilt vielen Insidern als belasteter Mitläufer, weil er schon dem Steuerhinterzieher Friedrich in Funktion des Controllers beim FCK gedient hatte.

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