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1. FC Heidenheim : Schöne Alb-Träume

  • -Aktualisiert am

Der beste Angriff in der dritten Liga: Smail Morabit und Marc Schnatterer Bild: Bongarts/Getty Images

Eine sehr nette Familie - und ein sehr ehrgeiziges Fußballprojekt: Der 1. FC Heidenheim erlebt in der dritten Liga einen Aufschwung. Der Klub aus Schwaben setzt fast nur auf Spieler aus der Umgebung.

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          Das Rathaus in Heidenheim hat keinen Balkon - zumindest keinen großen an zentraler Stelle zum Feiern. Und Frank Schmidt, der Fußballtrainer des Drittliga-Spitzenreiters 1. FC Heidenheim, bezweifelt, dass der „Oberbürgermeister“ der Kleinstadt mit knapp 50.000 Einwohnern auf die Schnelle noch einen bauen wird. Also muss demnächst wohl wieder eine große Bühne vor dem Rathaus errichtet werden, so wie beim Aufstieg in die dritte Liga im Sommer 2009.

          Vierzehn Punkte Vorsprung vor dem Relegationsplatz drei haben die Heidenheimer nach 24 Spieltagen, es winkt der Aufstieg in die zweite Liga. Endlich aus Sicht des designierten Meisters, denn in den vergangenen beiden Spielzeiten hatten die Schwaben Rang drei jeweils nur um einen Punkt verpasst. Aber das änderte nichts daran, dass der 40 Jahre alte Schmidt, ein gelernter Bankkaufmann, auf der Schwäbischen Alb in der Nähe von Ulm zur Galionsfigur aufgestiegen ist.

          Zu einem Mann zum Anfassen, der nach jedem Heimspiel im modernen und ausgelasteten „Business-Club“ (über 1100 Plätze) wie ein populärer Lokalpolitiker viele Hände schütteln muss. Und nun stehen der laut Geschäftsführer Holger Sanwald „hochprofessionell“ geführte Provinzklub und sein Trainer vor dem Gipfelsturm.

          Der 1. FC Heidenheim, der nur zwei Saisonspiele verlor und an diesem Samstag (14.00 Uhr / Live im 3. Liga-Ticker bei FAZ.NET) beim Vierten Hansa Rostock spielt, hat den besten Angriff und die beste Verteidigung. Aber der Verein mit seinen mehr als 100 Mitarbeitern und dem beachtlichen Gesamtetat in Höhe von neun Millionen Euro führt noch einen anderen Abwehrkampf abseits des Platzes: den, als Bayern München der dritten Liga bezeichnet zu werden. Oder mit der TSG 1899 Hoffenheim verglichen zu werden - was genauso häufig vorkommt, weil die Menschen an Hoffenheim denken, wenn sie aufgrund der drei Silben Heidenheim lesen.

          „Wir wollen die Vorreiterrolle übernehmen“

          „Von Hoffenheim sind wir aber wie die Strecke von der Erde bis zum Mond entfernt“, sagt Schmidt. Diese Vergleiche ärgern die Verantwortlichen, sehen sie doch ihre beharrliche Aufbauarbeit falsch gewürdigt. Der 1. FC Heidenheim habe eben keinen Mäzen wie Dietmar Hopp, sondern zwei Wirtschaftsunternehmen als größere Partner, die „20 Prozent des Budgets“ ausmachten, sagt Sanwald. „Wir haben 300 Partner von null aufgebaut und werden hauptsächlich getragen von der breiten Masse des gesunden schwäbischen Mittelstands.“

          Bei den Heimspielen, die im Schnitt mehr als 8000 Zuschauer verfolgen, ist das Who is who aus Politik und Wirtschaft versammelt. Die örtliche Großfamilie 1. FC Heidenheim. Der Haupt- und der Stadionsponsor kommen aus Heidenheim, ebenso der Präsident und der Geschäftsführer, der Hauswirtschaftswissenschaft studiert hat. Schritt für Schritt möchte Sanwald nun jedoch die Region erobern und bald auch den benachbarten Zweitligaverein VfR Aalen hinter sich lassen. Er sagt: „Wir wollen hier der Verein werden und die Vorreiterrolle übernehmen.“

          Wie Volker Finke? Heidenheims Trainer Frank Schmidt
          Wie Volker Finke? Heidenheims Trainer Frank Schmidt : Bild: GES-Sportfoto

          In der zweiten Liga soll der Etat auf 13 bis 14 Millionen Euro steigen. Mit Investitionen in Höhe von drei Millionen Euro ist außerdem der Ausbau der Arena von 13.000 auf ein Fassungsvermögen von 15.000 Zuschauern geplant. „Wir gehen permanent ein finanzielles Risiko ein - aber immer kalkulierbar“, sagt Sanwald. „Wir versuchen alles auszureizen.“ Mit der Unterstützung der Stadt, des Vereins und seiner Sponsoren wurden bisher rund 25 Millionen Euro in die Arena gesteckt.

          Dort, wo heute die Haupttribüne steht, standen früher Pferde und Schafe auf der Wiese. Schmidt wurde nur 100 Meter von der Arena entfernt geboren. Ihn würde der Geschäftsführer nie entlassen - egal, wie erfolglos der Trainer ist. Beide sind die Säulen des operativen Geschäfts, sie wissen einander zu schätzen. „Wir sind nie zufrieden und diskutieren rauf und runter“, sagt Sanwald. Ihre Vision von der zweiten Liga bauten sie vor vielen Jahren auf dem Konzept auf, den Marsch nach oben durch die Ligen mit Spielern aus der Region zu schaffen.

          Nur einer mit ausländischem Pass

          Sie sollen auf dem Platz die Identifikationsfiguren für das aufstrebende Fußballprojekt von der Ostalb sein. So kommen einige Spieler aus Ulm und der Umgebung. Oder aus dem Allgäu wie der Angreifer Patrick Mayer und aus Heilbronn wie Spielmacher Marc Schnatterer (zehn Saisontreffer). Inzwischen holen die Heidenheimer aber auch den einen oder anderen Profi aus anderen Bundesländern. Vertragsgespräche auf Autobahnraststätten gibt es bei ihnen aber nicht. Ihre zukünftigen Angestellten wollen sie näher kennenlernen.

          Nur Stürmer Smail Morabit aus Frankreich, der schon in Bochum und Erfurt unter Vertrag stand, besitzt einen ausländischen Pass. Auch im Fall des Aufstiegs wird Heidenheim, wo es noch eine Fechtschule gibt, keinen Spieler direkt aus dem Ausland verpflichten. Mit den wenigen, die sich fern der Metropolen probiert haben, machte der Klub schlechte Erfahrungen.

          „Der Volker Finke von Heidenheim“

          „Spieler, die verwöhnt sind, sind hier fehl am Platz“, sagt Schmidt. „Und wer sich wichtiger nimmt, als er ist, wird hier scheitern.“ Michael Thurk hat sich schon in der Bundesliga in Frankfurt und Mainz bewiesen. Von Augsburg, wo er bis heute lebt, wechselte er dann nach Heidenheim. Zu einem „sehr familiären Klub“, wie es der Stürmer ausdrückt. Heile Fußballwelt in Heidenheim? „Die haben wir hier mit Sicherheit nicht“, sagt Sanwald. „Wir sind sehr professionell und wären so nicht da, wo wir sind.“

          Schmidt würde gerne „der Volker Finke von Heidenheim“ werden. Der SC Freiburg ist für ihn ein Vorzeigemodell. Mit dem Trubel in Heidenheim kommt Schmidt, der seit 2007 das Kommando hat und nie Trainer werden wollte, gut zurecht. Abends nach getaner Arbeit zieht sich der frühere Heidenheimer Oberligaspieler dann zurück - in ein Dorf in Bayern mit dem Namen Bachhagel, 17 Kilometer von Heidenheim entfernt. „Über die Grenze rüberzugehen ist für mich Abschalten“, sagt er.

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