https://www.faz.net/-gtl-oyck

1:1 gegen Holland : Der staunenswerte Auftakt der Deutschen

Selbst die Umklammerung von Wörns konnte van Nistelrooy nicht bremsen Bild: dpa/dpaweb

In diesem Stil darf es weitergehen. Mit frischem Mut und altdeutschem Selbstbewußtsein präsentierten sich die deutschen Nationalspieler nach dem 1:1 gegen Holland. „Das Ziel Halbfinale gilt“, sagte DFB-Präsident Mayer-Vorfelder.

          3 Min.

          Guten Morgen, Deutschland. Oliver Kahn wußte schon in der Nacht von Porto, wie er und die deutschen Kicker sich am nächsten Morgen in ihren Betten in der Algarve fühlen würden. Jedenfalls viel besser als direkt nach dem packenden Spiel gegen die Holländer, das die deutsche Elf wieder an den Kreis der großen europäischen Fußball-Nationen herangeführt hatte.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          "Wenn man morgen früh aufwacht, dann wird man merken, daß es ein ganz guter Start war", sagte der Kapitän einer in Porto jederzeit ausgeschlafenen Mannschaft, die unmittelbar nach dem hochverdienten 1:1 gegen die Niederländer aber noch viel zu sehr unter dem frischen und schmerzhaften Eindruck des Ausgleichs von Ruud van Nistelrooy in der 80. Minute stand, um die unerwartet schönen Seiten des deutschen Spiels entsprechend zu würdigen.

          „Können Traum vom Viertelfinale wahrmachen"

          Am nächsten Morgen aber, als die Mannschaft schon wieder auf dem Trainingsplatz stand, begann der Teamchef mit der psychologischen Nachbetrachtung. Er holte die Spieler auf dem Rasen zweimal zu Gesprächen zusammen, und danach stand fest, wie sich die Nationalelf bei der Europameisterschaft in Portugal gegen Lettland am Samstag und vier Tage später gegen Tschechien weiter zu präsentieren gedenkt: mit frischem Mut und altdeutschem Selbstbewußtsein - ganz im Sinne von Torschütze Torsten Frings, der mit seinem Freistoßtreffer gegen die Holländer und einem Dreijahresvertrag bei den Bayern im Rücken schon am Vorabend den Abschied von allen quälenden Selbstzweifeln im deutschen Team verkündet hatte: "Wir sind hierher gefahren als die großen Deppen und haben hier gegen die großen Holländer ein super Spiel gemacht."

          Quer in der Luft trifft Ruud van Nistelrooy zum Ausgleich

          Was man unter diesen Voraussetzungen aus einem einzigen Punkt gegen die Niederländer nachträglich alles machen kann, das ließ sich im deutschen Troß je nach Temperament am nächsten Tag in Almancil gut studieren. "Wir können unseren Traum vom Viertelfinale wahrmachen", sagte Völler am Mittwoch mit der gebotenen Vorsicht aber gestiegenen Zuversicht des Teamchefs.

          „Wie bei der WM ist vieles, sogar alles möglich"

          Gerhard Mayer-Vorfelder gab derweil die Vorgaben an die erste deutsche Auswahl im präsidialen Stil weiter: "Der Maßstab ist gesetzt. Man kann nach diesem Spiel davon ausgehen, daß wir die Vorrunde überstehen. Das Ziel Halbfinale gilt." Trainer Michael Skibbe, zuständig für Naßforsches in der DFB-Equipe, tönte bei der Suche nach dem rechten Weg zwischen punktueller Enttäuschung und grundsätzlichem Stolz über wiedergewonnene internationale Wettbewerbsfähigkeit: "Die Europameisterschaft ist für uns noch lange nicht vorbei. Wie bei der Weltmeisterschaft ist hier vieles, sogar alles möglich."

          Wer hätte das gedacht? Nicht einmal die deutschen Spieler. So ehrlich war zumindest Michael Ballack, der im Mittelfeld wie in Japan und Korea wieder zur bestimmenden Figur wurde, wenn auch ohne die letzte Stärke im Abschluß. "Wir wußten nicht, wo wir stehen", sagte der Münchner, der zum wertvollsten Spieler eine Partie ernannt wurde, die nach 45 Minuten alle Erwartungen über den Haufen geworfen hatte. Die niederländischen Künstlernaturen kamen sich nur noch wie im Legendenreich des modernen und attraktiven Fußballs vor, während die Deutschen als ordnungspolitische Überzeugungstäter mit einer paßgenauen Taktik und leichtathletischen Fähigkeiten aufwarteten, und daraus ein international sehenswerten und für deutsche Verhältnisse staunenswerten Auftritt schufen.

          In diesem Stil darf es weitergehen

          Oliver Kahn ordnete diesen Anfang mit Stil und Klasse vollkommen korrekt ein: "Wir haben in der ersten Halbzeit eine der besten Halbzeiten gespielt seit dem WM-Finale gegen Brasilien." Die Holländer, nach der Führung durch Frings nach einer halben Stunde wie im Schockzustand, konnten kaum fassen, daß sie keine Mittel gegen eine Viererkette fanden, in der die Routiniers Christian Wörns und Jens Nowotny hervorragende Arbeit leisteten und dabei von Arne Friedrich und Philip Lahm jugendlich frisch auf den Außenstellen unterstützt wurden. Von der aufwendigen Mittelfeldarbeit von Frings, Dietmar Hamann, Michael Ballack und Bernd Schneider profitierte vor allem die Abwehr, aber auch die einsame, und nur in den ersten 20 Minuten etwas verlorene, dann aber gefährliche und ungemein wichtige Spitze Kevin Kuranyi.

          In diesem Stil darf es weitergehen. Das sagten sich die Anführer Kahn und Ballack, und das durfte man auch taktisch wörtlich nehmen. "Ordnung ist das Allerwichtigste bei unseren Spielern", sagte der Kapitän. "Wenn wir so spielen wie heute, dann ist es unheimlich schwer, gegen uns ein Tor zu erzielen. Ich glaube nicht, daß wir uns von diesem Stil abbringen lassen werden." Auch Ballack war mit der von Völler und Skibbe speziell für Holland entwickelten Ausrichtung hochzufrieden, und konnte sich diese Grundausrichtung auch in offensiverer Interpretation am kommenden Samstag gegen Lettland erfolgreich vorstellen: "Wenn man so kompakt steht wie wir, dann ist es für jeden schwer. Das ist eine gute taktische Variante von uns."

          Ernst fühlte sich wie ein Spielverderber

          Wenn da nur nicht das kleine Fehlerchen mit großer Wirkung an der rechten Eckfahne gewesen wäre. Der eingewechselte Bremer Fabian Ernst verlor dort den Ball, und weil van Nistelrooy die Flanke van der Meydes wie ein Weltklassestürmer nutzte, fühlte sich der Bremer wie ein Spielverderber ("wir hätten das Spiel sicher gewonnen, wenn mir das nicht passiert wäre").

          Vorwürfe allerdings wurden dem Bremer an einem Tag, an dem individuelle Fehler aus der Grundausrüstung der deutschen Elf fast vollständig verbannt wurden, nicht gemacht. Denn nach dieser Vorstellung registrierten Ballack und Kollegen vor allem, "daß wir gegen jeden Gegner bestehen können". Kein Wunder: Denn daß sie sich selbst schlagen könnten, wußten die Deutschen schon vorher.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Großzügiger Chef : Zehn Millionen Dollar Weihnachtsgeld

          Der Amerikaner Edward St. John ist Bauunternehmer und wohl ein ziemlich großzügiger Chef. Auf der jährlichen Weihnachtsfeier hat er nun eine besondere Bescherung für seine Mitarbeiter verkündet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.