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1:0 gegen Wales : Trochowskis Schussgewalt gegen walisische Zerstörungswut

  • -Aktualisiert am

Endlich hat's geklappt: Piotr Trochowski, getätschelt von Michael Ballack Bild:

Dank Piotr Trochowskis Schussgewalt ist die deutsche Elf weiter mit Schwung in Richtung WM unterwegs. Während der Hamburger zur festen Größe geworden ist, muss Torsten Frings zusehen.

          3 Min.

          Als die walisischen Spieler Sekunden vor dem Anpfiff des WM-Qualifikationsspiels in Mönchengladbach ihre Aufstellung einnahmen, schwante ihren deutschen Gegnern schon Übles. Gleich drei Innenverteidiger standen sich, eingerahmt von zwei Außenverteidigern, am eigenen Strafraum quasi auf den Füßen, als der Anstoß erfolgte.

          Peter Heß
          Sportredakteur.

          Keine zehn Minuten später war die leise Hoffnung verflogen, die Waliser könnten es mit ihrem Abwehrbollwerk vielleicht doch nicht so ganz ernst nehmen, es bei Ballbesitz vielleicht ab und zu mal auflösen, dadurch für Konter anfällig werden. „Sie wollten nie Fußball mitspielen“, beschrieb der deutsche Verteidiger Heiko Westermann die walisische Spielauffassung, die sich zusätzlich dadurch manifestierte, dass die Fünfer-Verteidigungskette noch durch drei defensive Mittelfeldspieler abgesichert wurde.

          Erlöser Trochowski

          Dass sich am Ende die Spielverderber ärgerten und nicht die um gute Unterhaltung bemühten Spielgestalter, lag an einem Achtzehnmeterschuss von Piotr Trochowski in der 72. Minute. Der 24 Jahre alte Mittelfeldspieler des Hamburger SV veredelte seine gute Gesamtleistung mit dem Siegtreffer. „Ich habe schon gedacht heute wird es nichts mehr mit dem Toreschießen für mich und für die Mannschaft“, sagte er. „Umso schöner, dass es noch geklappt hat.“ (siehe: Stimmen zum Spiel: „Irgendwann musste der Ball mal reingehen“)

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          1:0 gegen Wales : Trochowskis Schussgewalt gegen walisische Zerstörungswut

          Genervt von der Zerstörungswut der Gegner, die nicht davor zurückschreckten, sich in jeden Schuss zu werfen, entwickelte die deutsche Mannschaft in der zweiten Halbzeit einen Widerstandswillen, den Bundestrainer Joachim Löw zu Recht lobte: „Wir waren mental sehr stark. Statt nachzulassen, wurden wir von Minute zu Minute stärker.“ Bastian Schweinsteiger und Trochowski waren dabei die treibenden Kräfte, sie kreierten die meisten Torchancen durch ihre Quirligkeit, Dribbelstärke und Passsicherheit, aber vor allem durch gefährliche Weitschüsse. Eine viele bessere Gelegenheit zum 1:0 als die, die er wenig später wahrnahm, legte Schweinsteiger dem Hamburger in der 63. Minute vor. Doch Trochowski semmelte über den Ball. „Da habe ich gedacht, Piotr schießt nie mehr ein Tor, doch zum Glück hat er mich eines Besseren belehrt“, sagte Schweinsteiger mit einem ironischen Lächeln.

          Trochowski galt als größeres Talent als Lahm und Schweinsteiger

          Früher hätte Trochowski nach solch einem Fehlschuss vielleicht aufgegeben, mittlerweile nicht mehr. „So oft wie ich in letzter Zeit aufs Tor geschossen habe, irgendwann musste ja mal einer reingehen“, kommentierte der gebürtige Pole seinen ersten Länderspieltreffer lässig. Trochowski hat mittlerweile wieder das nötige Selbstvertrauen, das ihm bei den Amateuren und in den ersten Profijahren bei Bayern München abhanden gekommen war. In der Bayern-Jugend galt der Spielmacher als ein größeres Talent als Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm, die demselben Jahrgang angehörten. Doch Trochowski, der als „klassischer Zehner“ in den Jugendmannschaften begeisterte, wurde von Amateurtrainer Hermann Gerland zurechtgestutzt. „Daran musste ich mich erst gewöhnen, dass es nicht nur vorwärts mit mir ging. Es hat bei mir länger gedauert als bei anderen.“ Als Trochowski nach einer langwierigen Verletzung keinen Anschluss bei den Profis fand, wusste er: „Ich muss weg.“

          Beim HSV wurde er auf verschiedenen Positionen im Mittelfeld ausprobiert, bekam viele Einsätze, doch oft wurde er ein- oder ausgewechselt. „Ich habe meine Trainingsleistungen häufig nicht umsetzen können“, gibt er zu. „Ich machte mir zu viel Druck.“ Seit dieser Saison ist alles anders. Der HSV hat in Martin Jol einen Trainer bekommen, der Mittelfeldkräfte mit Spielwitz mag. Und in der Nationalmannschaft gab Löw dem Hamburger einen Vertrauensvorschuss, nachdem er ihn während der Europameisterschaft keine Minute eingesetzt hatte. In allen fünf Länderspielen seit der EM stand Trochowski in der Startformation: „So hat sich mein Selbstbewusstsein entwickelt, jetzt kann ich alles zurückzahlen.“

          „Oliver Kahn mochte Trochowskis Schüsse nie“

          Löw attestiert Trochowski eine große Steigerung: „Er hat einen klaren Sprung nach vorne gemacht, auch in der Nationalmannschaft. Er ist ein absoluter Leistungsträger geworden.“ Der Bundestrainer forderte den Hamburger auf, effektiver zu spielen, seine Aktionen mit einem Zuspiel in die Spitze oder einem Torschuss abzuschließen. Das beherzigt Trochowski. Nur mit seinen Schüssen hatte er bisher Pech, obwohl er über eine sehr gute Technik verfügt und mit beiden Füßen gefährlich schießen kann. „Oliver Kahn mochte Trochowskis Schüsse nie“, gab Schweinsteiger am Mittwochabend preis.

          Wo es Aufsteiger gibt, muss es auch Absteiger geben. Torsten Frings durfte sich gegen Wales noch nicht einmal warm laufen, nachdem er gegen Russland spät ins Spiel gekommen war. Der Bremer, bis zur EM eine feste Größe im Team, hat offensichtlich mit seiner Zurückstellung zu kämpfen. Im Gegensatz zu Kevin Kuranyi wurde seine Enttäuschung nicht öffentlich. Aber ein Kommentar von Teammanager Oliver Bierhoff lässt den Schluss zu: „Trotz des Siegs ist bei ihm die Enttäuschung natürlich groß. Ich hoffe, dass Torsten bei uns bleibt und keine verkehrte Entscheidung trifft“, sagte Bierhoff. (siehe auch: Löw im Gespräch: „Torsten Frings ist für mich wichtig“)

          Löw nimmt diese Unruhe gerne in Kauf. „Logischerweise sind Spieler unzufrieden, wenn sie nicht spielen. Aber das ist eine Situation, die ich möchte. Frings hat bei uns nach wie vor einen sehr hohen Stellenwert, aber diese Pille muss er jetzt mal schlucken.“(siehe auch: FAZ.NET-Länderspiel-Spezial: Qualität durch neue Reize)

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