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0:4 in Barcelona : Bayern demontiert - nach allen Regeln der Kunst

  • -Aktualisiert am

Auf die Perspektive kommt es an: Butt und Lell am Boden, Messi (l.) und Eto'o feiern - das waren die Kräfteverhältnisse in Barcelona Bild: REUTERS

Debakel für den deutschen Fußball-Meister: beim 0:4 im Hinspiel des Champions-League-Viertelfinales gegen den FC Barcelona hatte der FC Bayern München keine Chance. Vor allem in den ersten 45 Minuten ließ sich die Mannschaft von Jürgen Klinsmann vorführen.

          Die schlimmsten Befürchtungen des FC Bayern München haben sich in Barcelona erfüllt. Der deutsche Rekordmeister erhielt nach dem 1:5 im Ligabetrieb beim VfL Wolfsburg auch in der Champions League eine bittere Lektion. Im Viertelfinalhinspiel unterlag die Mannschaft von Jürgen Klinsmann vor 95.000 Zuschauern im Stadion Camp Nou dem FC Barcelona 0:4. Schon in der ersten Halbzeit hatten Messi (2), Eto'o und Henry die Tore für die spielstärkste europäische Vereinsmannschaft erzielt. Danach ließen die Katalanen von ihren Opfern ab.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Nach diesen 90 Minuten können die Bayern nur hoffen, dass Barcelona zum Rückspiel die Reserve schickt, um den Vorsprung zu verteidigen. Die Leistung der Münchner war indiskutabel, unwürdig, unsäglich. Wie die Lämmer, die auf die bösen Wölfe warten, verhielten sich die hochbezahlten Profis. „Wir wollen die Millionäre kämpfen sehen“, schallte es im Bayern-Eck von den Rängen des Stadions. Trainer Jürgen Klinsmann hatte nichts, aber auch gar nichts von seinem zur Schau gestellten Optimismus auf seine Spieler übertragen können.

          Nachdem am Dienstag Bayern-Präsident Beckenbauer erstmals Zweifel an Klinsmanns Zukunft in München aufkommen ließ, fällt es nach diesem schwarzen Mittwoch sehr schwer, daran zu glauben, dass er seine Arbeit in München zu einem guten Ende führen kann. Beckenbauer jedenfalls sagte: „Das, was ich in der ersten Halbzeit gesehen habe, war das Fürchterlichste, was ich jemals beim FC Bayern gesehen habe. Es war eine Vorführung, fast eine Demütigung.“ Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge fügte vielsagend hinzu: „Man muss die Dinge in Ruhe bewerten und rational eine Entscheidung treffen.“ Man müsse nun retten, was zu retten ist. „Das heißt: In den acht Spielen in der Bundesliga müssen wir jetzt trotzdem versuchen, unsere Ziele zu erreichen.“ (Siehe auch: Bayern-Stimmen nach dem 0:4: „Schockiert, traurig, wütend“)

          Auf die Perspektive kommt es an: Butt und Lell am Boden, Messi (l.) und Eto'o feiern - das waren die Kräfteverhältnisse in Barcelona Bilderstrecke

          Ersatzbank für Rensing

          Für die erste Überraschung sorgte Klinsmann schon vor dem Anpfiff. Er beorderte seine Nummer 1 Michael Rensing auf die Ersatzbank und beförderte Hans-Jörg Butt ins Bayern-Tor. „Das ist in keinster Weise eine Demontage von Michael Rensing“, kommentierte Klinsmann seine Entscheidung. Aber den 24 Jahre alten Stammtorhüter gegen den fast 35 Jahre alten Ersatzmann ausgerechnet vor dem spektakulärsten Saisonspiel auszutauschen, der in dieser Spielzeit noch nie in der Bundesliga eingesetzt wurde - das kommt einer Demontage zumindest sehr nahe.

          Gerade weil Rensing als Kahn-Nachfolger längst nicht unumstritten ist und der Rückendeckung bedürfte. „In Barcelona sind Erfahrung und Ausstrahlung gefragt, das sprach für Butt“, begründete der Bayern-Trainer seine Maßnahme. Der Torwart bestritt 324 Bundesliga- und 40 Champions-League-Begegnungen. Doch bevor Butts Stärken zum Tragen kommen konnten, bevor seine Vorderleute an ihm Halt finden konnten, lagen die Bayern schon am Boden.

          Fast peinlich wirkten die Bayern

          In der neunten Minute schob Messi unbedrängt den Ball an Butt vorbei ins lange Eck, in der 13. Minute schoss ihm Eto‘o den Ball durch die Beine, auch er wurde von keinem Bayern-Spieler gestört. 0:2 - und das Zwischenergebnis drückte die Verhältnisse auf dem Spielfeld exakt aus. Was der FC Barcelona in der ersten Halbzeit bot, war Weltklasse, was die Münchner zeigten, Kreisklasse. Von der ersten Minute an versuchte das geschwächte Team - außer Lucio, Klose und van Buyten fehlte auch noch Lahm - sein Heil ausschließlich in der Defensive. Doch Breno, Lell und Oddo besitzen einfach nicht die Klasse, einen Eto‘o, Henry oder Messi zu stoppen, wenn sie mit Tempo auf sie zukommen. Es war das große Versäumnis des Bayern-Mittelfeldes mit Altintop, van Bommel, Zé Roberto und Schweinsteiger, den Hochgeschwindigkeitsfußball der Katalanen nicht abbremsen zu können.

          Nach dem 0:2 nahmen die Selbstzweifel der Bayern solche Ausmaße an, dass es fast schon peinlich wirkte. Manager Uli Hoeneß hatte angekündigt, in dieser Begegnung spiele der FC Bayern um seinen guten Namen. In der Königsklasse zumindest hat er ihn zunächst mal verspielt. Lediglich Ribery hatte in den ersten 45 Minuten zwei gute Szenen, der Rest der Mannschaft verharrte in Demutsgesten oder in bestenfalls bravem Bemühen. Barcelona nutzte die Freiheiten auf geniale Weise. Messi erhöhte in der 38. Minute auf Zuspiel von Henry auf 3:0, Henry stellte in der 43. Minute den 4:0-Halbzeitstand her - auf Vorlage von van Bommel. Spätestens zu diesem Zeitpunkt durfte Rensing Klinsmanns Entscheidung, ihn zuschauen zu lassen, als Gnade empfunden haben. „In der ersten Halbzeit war das eine Demontage. Es wurden uns in jedem Bereich Grenzen aufgezeigt“, sagte Klinsmann.

          Die Bayern nahmen die Vorführung in Kauf

          Nach der Pause sollte Ottl, der für Altintop ins Spiel kam, für mehr Zusammenhalt im Mittelfeld sorgen. Und tatsächlich herrschte mit dem Schlaks ein wenig mehr Ordnung im Bayern-Spiel. Aber das hatte wohl noch mehr mit der Tatsache zu tun, dass Barcelona sich genug an seinem eigenen Zauber berauscht hatte und ein wenig lockerer und schonender Fußball spielte. Schön war sie immer noch anzuschauen, nur fehlte der Darbietung ein wenig Zielstrebigkeit. Immerhin konnte sich Butt in der 59. Minute auch einmal auszeichnen, er lenkte den Ball nach einem herzhaften Schuss von Messi auf die Oberkante der Latte. Die Bayern beschränkten sich darauf, große Torchancen des Gegners zu vermeiden, das Kombinationsspiel ließen sie laufen, solange es weit genug vom eigenen Strafraum entfernt war.

          Dass sie dabei teilweise vorgeführt wurden, nahmen die früher mal so stolzen Bayern-Profis in Kauf. So hatten die Katalanen ihren Spaß und die Bayern keinen weiteren Ärger. An einen Treffer, um sich für das Rückspiel eine kleine Chance zu bewahren, war kaum zu denken. Lediglich Ze Roberto hatte in der 72. Minute eine Tormöglichkeit, wurde aber abgeblockt. Ein 4:1 wäre den Verhältnissen in Camp Nou aber auch nicht gerecht geworden - ein 6:0 schon eher.

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