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0:0 gegen Polen : Trostloses Resultat nach überflüssigem Spiel

Augen zu und durch: Leon Goretzka in seinem ersten Länderspiel Bild: AP

Von diesem 0:0 gegen Polen wird nur eines in Erinnerung bleiben: Gleich zwölf Neulinge setzt Bundestrainer Joachim Löw ein. Den besten Eindruck hinterlässt Max Meyer.

          3 Min.

          Was hatte die sportliche Führung der Nationalmannschaft alles unternommen, um dem Publikum ein wenig Lust auf dieses Spiel zu machen. Ob Oliver Bierhoff, Joachim Löw oder Hans-Dieter Flick – sie alle waren in den vergangenen Tagen nicht müde geworden, die sportliche Relevanz und den Unterhaltungswert des Tests gegen Polen zu beschwören. Als die Zuschauer dann am Dienstagabend nach dem 0:0 die Hamburger Arena verließen, mussten sie das im Gefühl tun, bei einer Veranstaltung ohne Erinnerungswert gewesen zu sein. Man könnte auch sagen: zum Vergessen.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Der sportliche Wert mag im Ermessen des Bundestrainers liegen. Aber echte Impulse hinsichtlich der Zusammenstellung des Teams für die WM in Brasilien dürfte dieses spannungsarme Spiel kaum geliefert haben. Zu brav präsentierte sich „Jogis Jugendclub“, als dass größere Verschiebungen in der Tektonik des Teams zu erwarten wären. Allenfalls konnte man umgekehrt sagen, dass bei denjenigen, die in Hamburg nicht dabei waren, kein Grund zur Nervosität hinsichtlich ihrer Aussichten Richtung Brasilien bestehen muss.

          Bundestrainer Löw weist dem Nachwuchs den Weg: Sebastian Rudy ist einer von zwölf Neuen
          Bundestrainer Löw weist dem Nachwuchs den Weg: Sebastian Rudy ist einer von zwölf Neuen : Bild: dpa

          An diesem Mittwoch, spätestens am Donnerstag, will Löw bekanntgeben, welche 25 oder 26 Spieler aus dem 30 Mann starken vorläufigen Kader am 21. Mai mit ins Trainingslager nach Südtirol reisen. Wenn man die Namen derer durchging, die gegen Polen spielten und für die weitere Verwendung in Frage kommen, konnte kaum einer nachhaltig für sich werben.

          Ron-Robert Zieler hat seinen Platz im Torwart-Trio ohnehin sicher, er war gegen die ebenfalls ersatzgeschwächten und harmlosen Polen kaum gefordert. Ähnliches galt für Shkodran Mustafi und Matthias Ginter in der Innenverteidigung. Sie wurden kaum unter Druck gesetzt und blieben ebenso wie der zur Pause als rechter Verteidiger eingewechselte Benedikt Höwedes ohne größere Fehler, andererseits aber konnten sie im Aufbauspiel keinerlei Akzente setzen.

          Viel Trubel, aber nichts passiert: Deutschland C gegen Polen B
          Viel Trubel, aber nichts passiert: Deutschland C gegen Polen B : Bild: dpa

          Das offensive Mittelfeld bestand aus gleich drei Schalkern, von denen Max Meyer in zentraler Position bestätigte, warum er als eines der größten Talente im deutschen Fußball gilt. Seine technische Klasse und dazu einige Überraschungsmomente waren am ehesten angetan, dem Publikum das Gefühl von Fußball erster Klasse zu vermitteln. Eigentlich hat Löw ja schon mehr als genug Auswahl von Spielern dieses Typs, aber bei Meyers beherzter Vorstellung scheint es durchaus ratsam, sich im Trainingslager noch einmal ein genaueres Bild von der Durchsetzungsfähigkeit unter den Allerbesten zu machen.

          Julian Draxler, der als Erfahrenster in seinem elften Länderspiel die Kapitänsbinde trug, machte seine Sache auf links ordentlich, von Leon Goretzka auf rechts war hingegen kaum etwas zu sehen. Das musste man leider auch über Kevin Volland sagen, der in der Theorie zwar am dringendsten gebraucht wird: als Vertreter der raren Spezies Stürmer. In der Praxis aber muss man beim Blick auf die WM-Ambitionen doch eher hoffen, dass Miroslav Klose noch zu alter Stärke findet – oder dass bei der bislang mäßig erfolgreichen Variante mit einem „falschen Neuner“ doch noch der Knoten platzt.

          Acht Debütanten, ein Altersschnitt von 21,5 Jahren und die spärliche Erfahrung von 13 Länderspielen, verteilt auf Draxler (10), Zieler (2) und Ginter (1) – das waren höchst ungewöhnliche Eckdaten für eine Startelf der ersten Mannschaft des Landes. Löw musste gleich auf 20 Spieler aus seinem vorläufigen Kader verzichten, die im Schlussbogen der Saison noch für ihre Vereine im Einsatz sind. Was, weil es zumindest in Teilen absehbar war, auch im Nachhinein noch einmal ein paar dicke Fragezeichen hinsichtlich der Planung dieses Spiels aufwirft. Der Abend begann schon wenig ansprechend: mit einem Stimmungsdefizit angesichts nicht gerade prall gefüllter Tribünen und einer Choreographie, deren Motiv angesichts der großen Lücken nicht zu erkennen war. Das Spiel schleppte sich dann mehr dahin, als dass es sehenswerte Elemente bescherte. Was vor allem daran lag, dass die jungen Deutschen kaum ein Risiko eingehen wollten und im Zweifel den sicheren Pass wählten. Nur wenn Meyer am Ball war, konnte man das Gefühl von Lust und Leichtigkeit spüren. Die einzige Chance der gehobenen Klasse in der ersten Hälfte resultierte aus einem Eckball von Draxler, als Antonio Rüdiger zum Kopfball kam, ein Pole aber auf der Linie klärte.

          Nach der Pause brachte Löw Marc-André ter Stegen für Zieler, Höwedes für Rüdiger und André Hahn für Goretzka. Insgesamt sah es nun eine Spur flotter aus, was damit zu tun hatte, dass es nun etwas mehr Bewegung und auch größere Variation in der zuvor doch sehr starren Ordnung gab. Jedoch verpuffte auch dieser Schwung schnell. So bekam das Publikum zwar noch drei weitere Debütanten zu sehen: Sebastian Jung, Maximilian Arnold und Christian Günter. Aber nur noch eine Torchancen, die diesen Namen auch verdiente: als Hahn in der 84. Minute aus kurzer Distanz scheiterte. Und so wird nur eins haften bleiben: zwölf Neulinge in einem Länderspiel – das hatte es in der DFB-Geschichte noch nicht gegeben.

          Deutschland - Polen 0:0

          Deutschland: Zieler (Hannover 96/25 Jahre/3 Länderspiele - 46. ter Stegen/Bor. Mönchengladbach/22/4) - Rüdiger (VfB Stuttgart/21/1 - 46. Höwedes/FC Schalke 04/26/19), Mustafi (Sampdoria Genua/22/1), Ginter (SC Freiburg/20/2), Sorg (SC Freiburg/23/1 - 82. Günter/SC Freiburg/21/1) - Kramer (Bor. Mönchengladbach/23/1), Rudy (1899 Hoffenheim/24/1) - Goretzka (FC Schalke 04/19/1 - 46. Hahn/FC Augsburg/23/1), Meyer (FC Schalke 04/18/1 - 76. Arnold/VfL Wolfsburg/19/1), Draxler (FC Schalke 04/20/11) - Volland (1899 Hoffenheim/21/1 - 71. Jung/Eintracht Frankfurt/23/1)
          Polen: Boruc (FC Southampton/34/57) - Olkowski (Gornik Zabrze/24/5), Szukala (Steaua Bukarest/29/6), Thiago Cionek (FC Modena/28/1 - 76. Wilusz/GKS Belchatow/25/3), Wawrzyniak (Amkar Perm/30/38) - Peszko (1. FC Köln/29/29 - 54. Zyro/Legia Warschau/21/1), Krychowiak (Stade Reims/24/18), Klich (PEC Zwolle/23/8 - 81. Wszolek/Sampdoria Genua/22/6), Rybus (Terek Grosny/24/27) - Obraniak (Werder Bremen/29/34 - 53. Linetty/Lech Posen/19/3) - Robak (Pogon Szczecin/31/9 - 54. Milik/FC Augsburg/20/8)
          Schiedsrichter: Fernández (Spanien)
          Zuschauer: 37.569 in Hamburg

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